Im Krater sanft aufgesetzt

Die chinesische Raumsonde Chang'e 4 ist als erste auf der Rückseite des Mondes gelandet. China geht es dabei auch ums nationale Prestige. 

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Dunkle Seite des Mondes? Vielleicht sollte man diesen Ort eher «stille Seite des Mondes» nennen. Finster ist es auf der erdabgewandten Seite des Erdtrabanten jedenfalls nicht, Tag und Nacht wechseln sich auch dort ab. Dafür herrscht Funkstille. Die erdabgewandte Seite des Mondes ist von störenden Signalen etwa durch Fernsehantennen und Radio auf der Erde perfekt abgeschirmt.

Die Ruhe ist ein Grund, warum nun erstmals eine chinesische Raumsonde dort gelandet ist. In der Nacht auf Donnerstag setzte das chinesische Landegerät Chang'e 4 sanft im Von-Kármán-Krater auf, einer rund 190 Kilometer breiten Vertiefung. Von der Erde aus ist diese Stelle nie zu sehen, da sich der Mond bei einer Umrundung der Erde zugleich einmal um sich selbst dreht, und dem Planeten daher stets nur eine Seite präsentiert. Als Funkloch ist der Ort jedoch ein attraktives Ziel: Die Stille prädestiniert ihn für die Radio­astronomie, die Erkundung des Universums mithilfe von Radiowellen. Solche Beobachtungen stehen nun weit oben auf der chinesischen Agenda.

Erste Bilder bereits 1959

Für die Volksrepublik ist es auch ein politischer Coup, als erstes Land eine Raumsonde auf dieser unerforschten Region abgesetzt zu haben. Die ersten Bilder von der fernen Mondseite nahm zwar bereits die sowjetische Sonde Lunik 3 bei ihrem Überflug im Jahr 1959 auf, doch gelandet waren Roboter und Menschen immer auf der von der Erde sichtbaren Hemisphäre.

«Die Landung hat vor allem einen grossen symbolischen Wert.»Johannes Weyer, Techniksoziologe und Weltraumexperte, TU Dortmund

Die Mission von Chang'e 4, benannt nach der Mondgöttin aus der chinesischen Mythologie, eröffne «ein neues Kapitel in der lunaren Erforschung», erklärte die chinesische Weltraumbehörde CNSA in einer Mitteilung. «Die Landung hat vor allem einen grossen symbolischen Wert», sagt dagegen der Dortmunder Techniksoziologe und Weltraumexperte Johannes Weyer. In der Vergangenheit hätten die Amerikaner den Wettkampf im All mit den Russen für sich entschieden. Nun würden die Chinesen «demonstrieren, dass sie eine technologische Grossmacht sein wollen».

Satellit schafft Verbindung zur Raumsonde

Vor allem der Funkschatten macht das Manöver technisch herausfordernd, da er die direkte Kommunikation mit dem Landegerät unterbindet. Vor acht Monaten hatte China daher bereits einen Satelliten zu einem Punkt im Weltall gebracht, der sowohl die Mondrückseite als auch die Erde im Blick hat. Dieser Punkt liegt 65000 Kilometer hinter dem Mond und dient als Weltraumparkplatz für den Satelliten, über den die Chinesen die Sonde steuern.

Ihr Landeanflug begann Mittwochabend in einer Höhe von etwa 15 Kilometern. Die Sonde bremste ihre Geschwindigkeit allmählich ab, bis sie auf einer Höhe von 100 Metern schwebend die Oberfläche scannte, um mögliche Hindernisse zu entdecken. Dann landete Chang'e 4 an einer flachen Stelle. Das Landegerät hat zudem ein Gefährt an Bord, das den Krater abfahren und erkunden soll. Details hält die chinesische Raumfahrtbehörde geheim, selbst der Name des Rovers ist noch unbekannt.

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es auf der Rückseite des Mondes noch viel zu entdecken. Geologen erhoffen sich zum Beispiel neue Einblicke in den Aufbau und die Entstehung des Erdtrabanten. Während sich auf der altbekannten Vorderseite viele dunkle Tiefebenen befinden, die sogenannten Mare, ist die Rückseite dominiert von unzähligen Einschlagskratern.

Nie zuvor hat die Menschheit technisches Gerät auf der erdabgewandten Seite des Mondes abgesetzt. China hat das nun geschafft. Video: Reuters

Der Krater, in dem die «Mondgöttin» aufsetzte, liegt innerhalb des 2500 Kilometer breiten Südpol-Aitken-Beckens, das einen grossen Teil der Südhalbkugel einnimmt. Die Kruste ist hier dünn, was neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Mondes verspricht. Auch könnten sich dort Spuren eines gewaltigen Zusammenstosses in den frühen Jahren des Sonnensystems finden lassen, der womöglich erst zur Entstehung des Mondes geführt hat. Daneben wollen die chinesischen Forscher testen, ob auf dem Mond Pflanzen gedeihen, und haben in ihrer Raumsonde zu diesem Zweck Kartoffelsamen und ein kleines Gewächshaus mitgenommen.

Ebenfalls interessant sind die Krater an den Polen des Mondes. Ihre Ränder sind so hoch, dass dort niemals die Sonne untergeht. An ihren Flanken, die im ewigen Schatten liegen, dürfte hingegen Wassereis existieren. Beides – Sonnenlicht, also Energie, und Wasser – wäre eine ideale Voraussetzung für eine Mondbasis, auch wenn deren Aufbau, allen Beteuerungen der Raumfahrtagenturen zum Trotz, noch in weiter Ferne liegt. Auch die Radioastronomie auf der Mondrückseite steht noch am Anfang. Die Instrumente, die Chang’e 4 für diese Messungen dabeihat, reichen nicht an grosse Teleskope heran. Forscher träumen davon, ein solches Radioteleskop eines Tages auf der erdabgewandten Seite des Mondes zu errichten und von dort mit bislang ungeahnter Präzision in den Kosmos zu lauschen.

Auch Indien und Israelzieht es auf den Mond

Bis es so weit ist, dürften andere Nationen auf dem Mond aufsetzen, hauptsächlich aus Prestigegründen. Auch 50 Jahre nach Apollo 11, der ersten bemannten Mondlandung, hat der Mond kaum an Anziehungskraft verloren. Indien will Ende Januar zum Beispiel eine Mission namens Chandrayaan 2 starten. Klappt alles wie geplant, dann wird die Sonde in der Nähe des Südpols landen und einen knapp 30 Kilogramm schweren Rover aussetzen. Israel möchte im Februar mit der Landesonde Beresheet nachziehen. Sie ist Überbleibsel eines Wettbewerbs namens Lunar X-Prize, bei dem Google dem ersten Privatunternehmen, das auf dem Mond landet und dort 500 Meter zurücklegt, 20 Millionen Dollar versprochen hatte. Obwohl der Wettbewerb mehrmals verlängert wurde, hat keiner der Teilnehmer auch nur einen Start versucht.

Das zeigt, wie schwer es ist, privat finanziert zum Mond zu fliegen. Zwar lagern im Mondstaub, insbesondere auf der erdabgewandten Seite, Rohstoffe wie Helium-3, die auf der Erde in Fusionsreaktoren eingesetzt werden könnten. Bislang ist allerdings nicht absehbar, ob sich der Abbau jemals lohnt. Die übrig gebliebenen X-Prize-Teilnehmer suchen daher nach anderen Geschäftsmodellen. So will die Berliner Gruppe PTScientists auf dem Mond mit ihren Rovern nun Werbung für einen Autobauer und ein Mobilfunkunternehmen machen.

China geht die Sache deutlich stringenter an, für die Volksrepublik ist die Landung nur ein Zwischenschritt. Die nächste Mission, Chang’e 5, soll Ende des Jahres die ersten chinesischen Bodenproben vom Mond einsammeln und zurück zur Erde bringen. Und die sechste Version der «Mondgöttin» könnte dies einige Jahre später wiederholen – dann erneut von der erdabgewandten Seite.

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