Die schleichende Quecksilbervergiftung

In Goldminen und Kohlekraftwerken werden jedes Jahr Tausende Tonnen des Schwermetalls freigesetzt. Ein UNO-Abkommen, das derzeit in Genf verhandelt wird, soll dies verhindern.

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Martin Läubli@tagesanzeiger

Der internationale Quecksilbervertrag ist noch nicht reif zur Unterzeichnung – doch der Name des Abkommens scheint sicher zu sein: Minamata. So heisst die japanische Stadt auf der Insel Kyushu, deren Geschichte ins traurige Kapitel globaler Umweltkatastrophen gehört. Eine Kunststofffabrik der Firma Chisso entsorgte seit den 30er-Jahren Chemieabfälle in einer Meeresbucht nahe der Stadt. Jahrzehntelang ernährten sich die Einwohner von Fischen und Muscheln, die durch Quecksilber vergiftet waren. Erste Symptome zeigten sich in den 50er-Jahren. Tausende klagten über Schmerzen, litten unter Lähmungen und Psychosen. Etwa 3000 Menschen starben an einer Vergiftung.

Nach vier Verhandlungsrunden soll nun in dieser Woche in Genf eine verbindliche UNO-Konvention zustande kommen, welche die Vergiftung der Luft, der Gewässer und des Bodens durch das Quecksilber verhindert.

Grosses Risiko beim Goldabbau

Zwar blieb der weltweite Ausstoss an Quecksilber von 1990 bis 2005 stabil, wie ein Bericht des UNO-Umweltprogrammes (Unep) zeigt. Die Emissionen in Europa und in Nordamerika nehmen ab – vor allem dank Filtern in Kohlekraftwerken und neuen Technologien in der Zement- und Chemieindustrie. Hingegen ist in Asien, namentlich in China, durch das Wirtschaftswachstum ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Das Unep schätzt, dass jedes Jahr 2000 Tonnen des Schwermetalls in die Umwelt gelangen. Die Schätzung ist ungenau: Der Ausstoss dürfte höher liegen.

Rund ein Fünftel dieser Menge wird durch die Verbrennung von Kohle in Stein- und Braunkohlekraftwerken verursacht, mehr als ein Drittel stammt aus dem Goldabbau in Klein- und Kleinstbergwerken. Mehr als 15 Millionen Menschen erhoffen sich laut Weltbank in dieser Branche ein höheres Einkommen und gehen dabei ein grosses gesundheitliches Risiko ein. Das goldhaltige Gestein wird mit Quecksilber zu einem Amalgam vermischt. Dieses wird anschliessend erhitzt. Dabei wird Quecksilber verdampft und entweicht in die Luft, zurück bleibt fast reines Gold. Der Goldschürfer atmet bei diesem Prozess ohne Schutz giftige Dämpfe ein. «Methoden ohne den Einsatz von Quecksilber sind vorhanden, aber Wirtschaftlichkeit und ein geringes Risikobewusstsein verhindern sichere Techniken», heisst es im Unep-Bericht.

Schwermetall in den Meeren

Die Emissionen aus Kleinbetrieben im Goldbergbau in Afrika, Lateinamerika und Asien haben sich in den letzten 7 Jahren verdoppelt. Das sei auf bessere Erhebungen zurückzuführen, aber auch auf eine grössere Goldnachfrage. Das Unep hat erstmals untersucht, wie viel Quecksilber durch die Industrialisierung in Gewässer gelangt ist: Die Menge hat sich in den letzten 100 Jahren in den oberen Wasserschichten des Meeres verdoppelt. Die Verfrachtungen per Luftweg sind nicht nur lokal, sondern haben globale Ausmasse. Studien zeigen, dass sich der Gehalt von Quecksilber in verschiedenen arktischen Tierarten in den letzten 150 Jahren teilweise verzehnfacht hat.

Das silberweisse Schwermetall ist eine träge Masse. Es kann sich während Jahrzehnten in der Umwelt anreichern. Selbst wenn ein Abkommen Quecksilber schon morgen verbieten würde – ein Effekt wäre erst Jahre später zu spüren.Noch gibt es keinen internationalen Vertrag. Die Verhandlungen sind zwar in den letzten Jahren weit gediehen, dennoch ist ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen Ende Woche nicht sicher. Franz Perrez, der Leiter der Schweizer Delegation, bleibt vorsichtig: «Mit viel Engagement und politischem Willen ist ein Erfolg durchaus möglich.»

Dieses Vokabular ist aus anderen Umweltverhandlungen wie etwa den Klimakonferenzen bekannt. Die Knackpunkte sind denn auch ähnlich: Die Entwicklungs- und Schwellenländer wären durch das Abkommen am stärksten betroffen. «Viele Staaten können nur Verpflichtungen eingehen, wenn sie kurzfristig und langfristig finanziell unterstützt werden», sagt Perrez. Eine glaubwürdige Regelung ist auch insofern unerlässlich, als dass die Industrieländer in Sachen Technologie den höchsten Qualitätsstandard verlangen. Das kostet: Mit etwa 30 Milliarden Dollar rechnet zum Beispiel Südafrika, um seine Kohlekraftwerke mit Filtern auszurüsten. Manche ärmere Staaten stemmen sich deshalb gegen hohe Anforderungen. Uneinig sind sich die Vertragsstaaten auch beim Kontrollsystem. Die Industrieländer fordern eine regelmässige Überprüfung der Umsetzung in den einzelnen Staaten. «Viele Länder wollen aber nicht kontrolliert werden», sagt der Schweizer Delegationsleiter.

Verbot fördert Illegalität

Der Vertrag, wie er derzeit als Entwurf verhandelt wird, würde Quecksilberminen verbieten und die Verwendung des Schwermetalls in industriellen Verfahren stark einschränken. Diskutiert wird eine Liste der Produkte, die weltweit nicht mehr zugelassen wären. Verschiedene Batterietypen, Sparlampen, medizinische Geräte müssten allesamt allmählich vom Markt genommen werden. Umstritten ist auch ein Verbot von Amalgamzahnfüllungen. «Verschiedene Entwicklungsländer sind der Ansicht, dass sie Amalgam künftig noch brauchten», sagt Perrez. Beim Goldabbau in Kleinbergwerken setzt die Schweiz auf nationale Aktionspläne, welche einen vorsichtigen Umgang mit Quecksilber verlangt. «Die Erfahrung bei Schweizer Entwicklungsprojekten zeigt, dass ein Verbot die Illegalität fördert.» Besser sei eine Ausbildung der Mineure.

Und noch einen Einwand gibt es zum Entwurf: Die japanische Umweltorganisation Bürger(innen) gegen Chemieverschmutzung vermisst einen Passus, der Menschen wie die Einwohner von Minamata berücksichtigt, welche bereits in verseuchten Gebieten leben.

Tages-Anzeiger

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