Der kleinste Frauenakt der Welt

Der britische Künstler Jonty Hurwitz hat das Unsichtbare für seine Arbeit entdeckt.

Wer das Werk bewundern möchte, braucht ein Rasterelektronenmikroskop. Foto: Jonty Hurwitz

Wer das Werk bewundern möchte, braucht ein Rasterelektronenmikroskop. Foto: Jonty Hurwitz

Martin Läubli@tagesanzeiger

Sie hat ungewöhnliche Masse: 80-100-20. Die Frau hat keinen Namen, hat sich aber in der Kunstwelt einen gemacht. Dank Jonty Hurwitz, ihrem Erschaffer. Der britische Künstler hat das Unsichtbare für seine Arbeit entdeckt. Seine Skulpturen können unsere Augen nicht wahrnehmen. «Trust» heisst der Frauenakt, der in ein Nadelöhr passt. Die Plastik ist 100 Mikrometer gross, die Spannweite der ausgestreckten Arme beträgt 80, die Hüftbreite 20 Mikrometer.

Wer das Werk bewundern möchte, braucht ein Rasterelektronenmikroskop. Das ist Kleinkunst im wahrsten Sinne des Wortes – ein Mik­rometer ist ein Tausendstel Millimeter. Hier fanden sich Kunst und Wissenschaft, Plastiker und Quantenphysiker. Hurwitz hat das Modell mit etwa 250 Kameras aufgenommen, um schliesslich eine digitale dreidimensionale Skulptur zu erschaffen. Ein spezieller 3-D-Drucker hat anhand der digitalen Daten die Mik­roskulptur aus Poly­mer, sprich Plastik, fab­riziert. Das Verfahren nennt sich Multi­photonen-Lithografie. Ein Lichtstrahl wird mithilfe eines Mikroskops auf lichtempfindlichen Kunststoff fokussiert. Dabei absorbiert der Werkstoff am Fokuspunkt zwei Photonen und wird ausgehärtet. Es ist ein dreidimensionaler winziger Punkt, den der Drucker produziert. Stundenlang druckt die Maschine dann – vom Computer gesteuert – Punkt für Punkt, Schicht für Schicht die Skulptur.

Diese Technik ist nicht ganz neu, und Hurwitz auch nicht der Erste, der sich den Mikro-skulpturen verschrieben hat. Bereits vor bald zehn Jahren gelang es Forschern mit dem Multi-Photonen-Verfahren Mikrometer grosse Figuren zu fabrizieren. Es waren Drachen und Windmühlen. An einen Frauenakt hat bisher niemand gedacht. Hurwitz hatte die Mikro­plastik in einem Museum präsentiert. Mikrokunst braucht Feingefühl: Die Plastik gibt es nicht mehr – ein Mitarbeiter hat sie versehentlich mit seinen Fingern erdrückt.

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