«Der Mensch will da einfach hoch»

Die Nasa feiert die Landung der Mars-Sonde Curiosity als Meilenstein. Der Weltraumforscher Peter Wurz sagt, was von der Mission zu erwarten ist. Und warum er sich nie in eine Rakete zum Mars setzen würde.

Franziska Kohler@tagesanzeiger

Kurz nach 7.30 Uhr setzte der Roboter Curiosity heute Morgen auf der Mars-Oberfläche auf, die Landung verlief reibungslos. Was bedeutet dies für die Raumfahrt? Die Landung ist primär ein wunderschöner Erfolg für die Forschung. Die wissenschaftliche Ausrüstung an Bord der Curiosity, inklusive Kameras und Messgeräte, setzt neue Massstäbe. Die wichtigste Frage ist, ob der Rover beweisen kann, dass der Krater, in dem er jetzt gelandet ist, einmal für längere Zeit mit Wasser gefüllt war: Falls ja, können wir davon ausgehen, dass es auf dem Mars einmal Leben gegeben haben könnte.

Den endgültigen Beweis dafür wird aber auch diese Mission nicht erbringen. Das stimmt, sie kann lediglich klären, ob die Bedingungen für Leben auf dem Mars überhaupt gegeben waren. Das klingt jetzt vielleicht bescheiden, aber allein die Tatsache, dass dieser Ort ein Lebensraum gewesen sein könnte, wäre wegweisend. Man kann dann nämlich mit weiteren Missionen nachfassen und sich darauf konzentrieren, das Leben auch wirklich nachzuweisen. Es würde der Raumforschung viele Türen öffnen.

Die Mission war extrem anspruchsvoll: Das Landemanöver der Curiosity gilt als das schwierigste, das in der Raumfahrt je durchgeführt wurde. Hätten Sie gedacht, dass alles so reibungslos abläuft? Ich habe es gehofft. Auch wenn wir mit unserem Team nicht direkt am Projekt beteiligt waren, drückten wir die Daumen, dass alles gutgeht. Denn es ist ein aus wissenschaftlicher Sicht extrem spannendes und mutiges Projekt. Der Erfolg ist den Amerikanern zu gönnen.

Sie haben den Augenblick miterlebt, als die Curiosity die Mars-Oberfläche erreichte und klar war, dass die Mission gelungen ist. Die Wissenschaftler der Nasa brachen in Jubel aus und lagen sich teilweise weinend in den Armen. Was bedeutet dieser Erfolg für die US-Raumfahrtbehörde? Es ist ein kühner Schritt nach vorne, ein unendlicher Erfolg für die Nasa. Das ist nicht mehr nur «more of the same», sondern etwas gänzlich Neues, das noch nie jemand zuvor erreicht hat. Der Rover ist grösser, komplexer und besser ausgerüstet als jedes andere Fahrzeug, das zuvor auf den Mars gesendet wurde.

Was hätte es für die Nasa und die Raumforschung bedeutet, wenn das Projekt Curiosity gescheitert wäre? Das hätte der Wissenschaft einen herben Dämpfer verpasst. Die Frage nach dem Sinn und Zweck der Marsmissionen wäre unweigerlich gestellt worden. Für alle, die in diesem Bereich forschen, also auch für die europäische Raumfahrtbehörde ESA, wäre das ein Rückschlag gewesen. Falls der Rover weiterhin so gut funktioniert, seinen Zweck erfüllt und tatsächlich interessante Funde macht, wird die ganze Forschung davon profitieren. Dasselbe gilt für den Fall, dass Curiosity nichts findet: Dann ist das Kapitel der Suche nach dem Leben auf dem Mars abgeschlossen.

Curiosity schickt zwar schon Bilder an die Erde, die Hauptaufgabe des Rovers ist es aber, Gesteinsproben zu entnehmen und zu analysieren. Wann darf man mit den ersten Ergebnissen rechnen? Ich gehe davon aus, dass die Ingenieure in den nächsten Tagen erst mal überprüfen, ob der Rover richtig positioniert ist und ob die Instrumente funktionieren. Anhand der ersten Bilder, die er sendet, wird dann entschieden, in welche Richtung er sich bewegen soll. Das klingt übrigens einfacher, als es ist – schliesslich ist das Gelände nicht eben, sondern mit Geröll übersät, man muss also auch aufpassen, dass dem Fahrzeug nichts passiert. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die ersten Resultate der Gesteinsproben schon in ein paar Wochen vorliegen.

Wie bedeutend ist die heutige Marslandung für die Menschheit – sagen wir auf einer Skala von 1 bis 10? Schwierige Frage... (überlegt). Eine 10 wäre es meiner Ansicht nach, wenn man Leben ausserhalb der Erde findet. Heute haben wir schätzungsweise eine 6 erlebt. Die Landung wird Ihr und mein Leben nicht unmittelbar beeinflussen. Aber aus technologischer Sicht ist es ein Meilenstein. Und aus philosophischer oder auch religiöser Sicht könnte die heutige Mission der erste Schritt zu grundlegenden neuen Erkenntnissen sein und unsere Existenz auf der Erde relativieren.

Sind wir mit dem heutigen Tag der Besiedlung des Mars einen Schritt näher gekommen? Das kann man sicher so sagen. Der nächste Schritt wäre eine bemannte Mission zum Mars, die ein provisorisches Camp auf dem Planeten aufschlägt. In einem übernächsten Schritt müsste man dann ein Habitat, also eine Basis einrichten. Hier reden wir aber von Zielen, die vielleicht in fünfzig Jahren erreicht werden könnten. Die jetzige Mission hat zumindest gezeigt, dass es möglich ist, grössere Nutzlasten auf den Mars zu bringen, die Curiosity wiegt ja fast eine Tonne. Das ist eine wichtige Voraussetzung im Hinblick auf eine künftige Besiedlung des Mars. Dafür müsste man aber zunächst einmal richtig viel Geld auf den Tisch legen.

Hat der heutige Erfolg denn der Nasa in dieser Hinsicht etwas Luft verschafft? Wird sie in Zukunft auf einen grösseren Geldtopf zurückgreifen können? Auf jeden Fall. Zur Zeit der Mondlandung war das Nasa-Budget wahrscheinlich etwa fünfmal so gross wie heute. Falls die Curiosity-Mission in den nächsten Wochen und Monaten die Erwartungen erfüllt, wird das der Nasa sicher Aufwind verleihen. Die Behörde hat gezeigt, wozu sie fähig ist und dass sie es verdient, mehr Geld zu bekommen.

Allein die Reise der Curiosity hat 2,5 Milliarden Dollar gekostet. Man könnte sich nun fragen, ob sich dieses Geld in der heutigen Zeit nicht auch besser investieren liesse. Natürlich, diese Frage macht unsere Arbeit schon seit ihren Anfängen angreifbar. Die Missionen zum Mond haben gezeigt, dass die Raumfahrt technologische Sprünge ermöglicht. Dasselbe ist mit der Marsmission möglich. Auch aus wirtschaftlicher Perspektive sind solche Projekte wichtig: Gerade die USA profitieren immer noch von der Nachfrage der Nasa nach neuen Technologien. Hauptsächlich geht es hier aber um das urmenschliche Bedürfnis, Grenzen zu sprengen. Dieser Drang hat die Menschheit überhaupt erst an den Punkt gebracht, an dem sie sich heute befindet. Es ist wie die Besteigung des Mount Everest: Der Mensch will da ganz einfach hoch. Es werden sich immer Freiwillige finden, die bereit sind, zum Mars zu fliegen – auch wenn die Chance, zu überleben, gegen null ginge.

Wären Sie denn bereit? (lacht) Nein, wo denken Sie hin. Dazu bin ich zu alt. Ausserdem kenne ich die Raketen und die ganze Technologie darum herum viel zu genau, um mich da noch hineinzusetzen. Da muss nur eine Dichtung locker sein und das Ding explodiert.

Wie gross ist der Vorsprung, den die Nasa mit dem Projekt Curiosity gegenüber den europäischen und russischen Programmen gewonnen hat? Es ist für die USA wie gesagt ein grossartiger Erfolg, den man neidlos anerkennen muss. Die Nasa hat aber auch ein viel grösseres Budget als beispielsweise die ESA. Ausserdem muss auch die Gesellschaft voll hinter einem solchen Projekt stehen, was in den USA eher der Fall ist als in Europa. In der europäischen Raumfahrt sind die Prozesse viel demokratischer und dadurch auch langsamer. Nicht alle Staaten ziehen in die gleiche Richtung, jedes Land hat seine eigenen Visionen. Die Russen haben in den letzten Jahrzehnten viel Know-how verloren und arbeiten nun hart daran, ihren Rückstand wieder aufzuholen.

Wird die ESA trotzdem bald mit einer eigenen Marsmission nachziehen? In Europa konzentrieren wir uns derzeit voll auf die Erforschung des Jupiter. Ziel ist es, die zahlreichen Jupitermonde zu untersuchen und herauszufinden, ob dort die Bedingungen für Leben gegeben sind oder waren. Die Oberfläche des Mondes Europa zum Beispiel ist von einem dichten Eispanzer bedeckt, unter dessen Oberfläche sich wahrscheinlich ein Ozean, also flüssiges Wasser und damit ein möglicher Lebensraum befindet. Der Start der Jupitermission ist für 2022 geplant, 2030 werden wir voraussichtlich beim Jupiter ankommen, und dann wird gemessen.

baz.ch/Newsnet

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