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Warum Eismumien nur selten gefunden werden

Im Wallis wurden zwei Gletscherleichen entdeckt. Welche Voraussetzungen braucht es dazu? Und wo sollte man auf Mumiensuche gehen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Der Eismann Ötzi wurde vor 5000 Jahren in den Ötztaler Alpen im Eis konserviert.
Der Eismann Ötzi wurde vor 5000 Jahren in den Ötztaler Alpen im Eis konserviert.
Archäologisches Museum Bozen, Keystone

Die Gletscherschmelze durch den Klimawandel öffnet Eisgräber. Letzte Woche fand ein Pistenbully-Fahrer die Leichen eines Mannes und einer Frau auf dem Tsanfleuron-Gletscher oberhalb von Les Diablerets, die vermutlich seit Jahrzehnten im Eis konserviert waren. Welche Voraussetzungen braucht es dazu?

Auch wenn in den letzten Jahren einige Gletscherleichen durch die Gletscherschmelze ans Licht kamen, so braucht es dennoch spezielle Bedingungen für brauchbare Funde. Objekte aus organischem Material können zwar im Gletschereis durch die Kälte mumifiziert werden. Doch ein Gletscher bewegt sich, und dadurch entstehen enorme Kräfte im Innern des Eises, die eingeschlossene Objekte zerstören oder an die Oberfläche transportieren. Das ist ein Grund, dass die meisten Funde relativ jung sind und keine archäologische Bedeutung haben. Grossartige prähistorische Entdeckungen wie die Eismumie Ötzi am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen oder die Fundgegenstände eines Jägers am Schnidejoch, einem Passübergang in den Berner Alpen, sind deshalb selten. Eismumie und Fundgegenstände lagen in einer Mulde und in stationärem Eis. Derartige eisgefüllte Mulden seien eher selten, schreibt Albert Hafner vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern in einem Sonderdruck der Naturforschenden Gesellschaft Bern 2009. Es gibt keine Methoden, mit denen man gezielt auf Mumiensuche gehen könnte. Der Fund einer Gletschermumie oder anderer Gegenstände ist also reiner Zufall.

Welches sind die für die Forschung die wichtigsten Funde in den Alpen?

Der «Star» unter den Gletschermumien ist und bleibt Ötzi, der Eismann aus dem Ötztal. Ein Nürnberger Ehepaar entdeckte ihn 1991 auf einer Bergtour. Spezielle Methoden zur Altersbestimmung ergaben, dass der Mann zwischen 3350 und 3120 v. Chr. in der Kupferzeit lebte. Für manche Forscher gilt der Ötzi-Fund als Startpunkt der Gletscherarchäologie. Andere Wissenschaftler sehen den Zeitpunkt eher zehn Jahre später, als Nordamerikaner und Skandinavier begannen, gezielt Gletscher und Eisfelder abzusuchen. Dennoch: Ötzi ist wohl die am besten untersuchte Mumie weltweit. Die Untersuchungen der Leiche half zum Beispiel mit, die Methoden von Schädelrekonstruktionen zu verbessern. Diese Verfahren sind heute in der plastischen Chirurgie Standard zur Operationsvorbereitung.

Einzigartig für Historiker und Gletscherforscher ist aber auch der Fund am Schnidejoch, einem einstigen Pass auf 2756 Metern über Meer, der das Simmental mit dem Rhonetal verbindet. Wanderer entdeckten im Herbst 2003 erste archäologische Objekte. Die meisten Funde wurden aber in den Jahren 2004 und 2005 gemacht. In diesen Jahren schmolz das Eis besonders stark. Über 300 Funde wurden gemacht. Zum Beispiel wurde eine komplette Bogenausrüstung gefunden. Nur der Besitzer fehlt bis heute. Trotzdem schrieben die Medien die Geschichte von «Schnidi», einem möglichen Jäger, der vor nahezu 5000 Jahren lebte. Für die Historiker interessanter ist jedoch: Es gab bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. einen Pass, der vermutlich einfach begangen wurde. Das heisst: Es gab bereits einen Kulturaustausch zwischen den beiden Tälern.

Gibt es neben den Funden auf dem Schnidejoch noch andere Gletscherleichen in der Schweiz, die von Interesse sind?

Zerstreute Skelettreste eines vermutlich 45 Jahre alten Mannes wurden zwischen 1985 und 1990 auf dem Theodulgletscher in den Walliser Alpen entdeckt. Der Mann hatte unter anderem einen Degen, einen Dolch und eine Pistole dabei. Die Fundstelle liegt auf 3000 Metern über Meer. Die Forscher gehen von einem Unfall aus. Der Mann hatte 12 Münzen dabei, datiert zwischen 1578 und 1588. Der Verunglückte geht als ‹Söldner vom Theodulpass› in die Geschichte ein. Möglicherweise war er ein Mann, der er es zu Reichtum brachte und aus dem Süden über den Theodulpass auf dem Heimweg nach Zermatt war.

Am Fusse des Piz Kesch im Albulagebiet wurden zwischen 1988 und 1992 am Fusse des Piz Kesch die Überreste einer Frau gefunden. Die Archäologen gehen davon aus, dass sie 20 bis 30 Jahre alt war, als sie verunglückte. Das Unglück passierte im 17. Jahrhundert. Die Fundstelle lag auf 2680 Metern über Meer. Gefunden wurden unter anderem Schädel, Rippen, Beckenfragmente, ein Wollmantel, ein Filzhut und ein Rosenkranz.

Erlauben diese Funde auch Rückschlüsse auf das damalige Klima?

In groben Zügen können durch die Funde die Gletscherstände abgeschätzt werden. Zum Beispiel die Funde vom Schnidejoch. Die entdeckten Tausende Jahre alten Gegenstände aus organischem Material bleiben nur im Eis konserviert erhalten. Das heisst: Der Gletscher ist über Jahrtausende niemals so stark zusammengeschrumpft wie heute.

Wie sollen sich Wanderer bei der Entdeckung eines vermeintlichen Relikts verhalten?

Der Klimawandel ist zwar ein Segen für Gletscherarchäologen. Dafür sind Wanderer nicht immer vorsichtig, wenn sie Relikte entdecken. Oder sie erkennen die Bedeutung nicht. So nahm im Sommer 2003 eine deutsche Wandergruppe einen Eibenstab aus dem schmelzenden Eis auf dem Schnidejoch mit nach Hause. Erst als die Funde publik wurden, erkannten die Berggänger, was sie entdeckt hatten und informierten den archäologischen Dienst. Der Eibenstab entpuppte sich als steinzeitlicher Langbogen.

Quelle: Geschichte aus dem Eis: Sonderdruck aus «Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern», Band 66, 2009 www.faz.net: Ein Ötzi kommt selten allein

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