Requiem für unseren Planeten

In seiner Serie «Our Planet» warnt der Naturforscher David Attenborough vor der Klimakatastrophe.

Der Tierfilmer und Naturforscher David Attenborough.

Der Tierfilmer und Naturforscher David Attenborough.

(Bild: Getty Images)

Dieses Jahr liegt die erste Mondlandung fünfzig Jahre zurück. In diesen fünfzig Jahren hat sich die weltweite Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt – und das geht nicht spurlos an unserem Planeten vorbei. Die Population der Wildtierarten ist um 60 Prozent zurückgegangen. Einige von ihnen sind unwiderruflich von der Erdoberfläche verschwunden. Gemäss der britischen Naturdokumentationsserie «Our Planet», einer Zusammenarbeit von Netflix und WWF, kann sich die Natur erholen – aber nur mit unserer Hilfe.

Das sechste Massensterben

David Attenborough, ein britischer Tierfilmer und Naturforscher, wurde durch seine preisgekrönten Naturdokumentationen bekannt. An der Premiere seines jüngsten Werks für Netflix, der achtteiligen Serie «Our Planet», hielt er eine eindrückliche Rede, die sich viral verbreitete. «Einst bestimmte die Natur, ob wir überleben. Jetzt bestimmen wir, ob die Natur überlebt», sagt Attenborough mit der Stimme, die uns in der englischen Originalversion durch die Serie führt. Der Naturforscher warnt, es sei höchste Zeit zum Umdenken. Und dies mit Recht: 96 Prozent der Landsäugetiere auf dem gesamten Planeten bestehen aus Menschen und gezüchtetem Viehbestand.

Lediglich 4 Prozent sind frei lebende Wildtiere – von Elefanten über Tiger und Dachse bis zu Fledermäusen. 70 Prozent aller Vögel sind heutzutage in der Geflügelindustrie. Laut Attenborough befinden wir uns momentan inmitten des sechsten Massenaussterbens auf Erden. Am Beispiel der Wale, die kurz vor dem Aussterben standen und dank einem öffentlichen Aufschrei geschützt und gerettet wurden, macht Attenborough jedoch auch deutlich, dass es trotzdem noch nicht zu spät ist.

An diesem Beispiel – so Attenborough – haben die Menschen erkannt, dass auch unsere eigene Existenz vom Fortbestand der Arten abhängt. Denn die Natur ist eine globale Maschinerie, die nur durch ihre unzähligen Zahnräder läuft. Ohne biologische Vielfalt kann die Welt, wie wir sie kennen, nicht bestehen. Die Erde braucht ihre wilden Lebensräume – nur wenn sie gesund sind, kann der Planet funktionieren.

Bedrohte Lebensräume

Die bildgewaltige Serie in acht Episoden, welche sich jeweils um einen spezifischen Lebensraum drehen – Eiswelten, Dschungel, Küstenmeere, Wüsten und weitere –, stellt diese Zusammenhänge in den Fokus. Es wird sichtbar, wie alles zusammenhängt, sowohl in symbiotischen Beziehungen wie auch als natürliche Feindschaften, die Populationen im Zaum halten.

Das Eismeer der Pole schützt beispielsweise nicht nur den Fortbestand von Robben, Eis­bären und Pinguinen, sondern reflektiert auch die Sonneneinstrahlung, sorgt dafür, dass die Erde nicht überhitzt. Hier wird die Klimaerwärmung deutlich sichtbar: Das Eismeer am Nordpol schmilzt zu früh. Die Serie prognostiziert, es werde in dreissig Jahren während der Sommermonate gar kein Eis mehr in der Arktis geben. Die Gletscher Grönlands verlieren heute doppelt so schnell Eis wie noch vor zehn Jahren. Damit steigt der Meeresspiegel, und Süsswasser gelangt in die Ozeane.

«Unser Verhalten in den nächsten zwanzig Jahren wird entscheiden, wie die Zukunft allen Lebens auf diesem Planeten aussieht», kommentiert Attenborough. Wenn sich die Weltmeere langfristig erhitzen, sterben in Küstengebieten die Korallenmeere, welche zwar nur ein Prozent des Meeresbodens bedecken, aber einem Viertel aller Meeresbewohner eine Heimat bieten. Das Artensterben unter Wasser hätte einerseits zur Folge, dass Milliarden Vögel keine Nahrung mehr fänden. Andererseits gäbe es für Tiere wie den Seeigel keine natürlichen Feinde mehr, wodurch er sich rasant ausbreiten würde.

Düstere Zukunft

Die atemberaubenden Aufnahmen der Land-, Luft- und Meeresbewohner und die familiengerechten Geschichten einzelner Tiere ziehen den Zuschauer in ihren Bann: Balztänze exotischer Paradiesvögel, die Reise unzähliger Flamingos, Karibus oder scheuer Narwale und die ersten Schritte in die Selbstständigkeit von jungen Orang-Utans und Raubvögeln sind faszinierend.

«Our Planet» ist unterhaltsam und lehrreich zugleich. Allerdings geht die Serie nicht spezifisch darauf ein, welche Massnahmen ergriffen werden müssten. Vielleicht möchten die Macher den Zuschauer auf die «Our Planet»-Website weiterleiten, welche am Ende jeder Folge erwähnt wird – dort findet man den Hinweis, auf tierische Lebensmittel zu verzichten und auf nachhaltige Energie zu setzen.

Vielleicht besteht der wahre Zweck von Projekten wie «Our Planet» aber auch einfach darin, audiovisuelle Aufzeichnungen zu erstellen, um sie zu einem düsteren zukünftigen Zeitpunkt zu betrachten, wenn die meisten dieser Lebewesen und Lebensräume ferne Erinnerungen sind.

Basler Zeitung

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