Nur keine Panik!

Ist es wirklich so schlimm, wenn Tiere und Pflanzen in Lebensräume eindringen, in denen sie nicht heimisch sind? Ein britischer Biologe plädiert für mehr Gelassenheit.

Niedlich, aber unbeliebt: Amerikanische Grauhörnchen breiten sich zunehmend in Europa aus. Foto: Whiteway

Niedlich, aber unbeliebt: Amerikanische Grauhörnchen breiten sich zunehmend in Europa aus. Foto: Whiteway

Wären die Dinge etwas anders gekommen, könnten die Touristen in den Weiten des amerikanischen Yellowstone-Nationalparks heute womöglich nicht nur Bisonherden, sondern auch verwilderte Dromedare beobachten. Die Nachkommen jener Tiere, die ein paar Spinner im 19. Jahrhundert nach Amerika verschifften, würden gemächlich die Prärie abgrasen und im Galopp vor Angreifern fliehen. Ob man wohl irgendwann versuchen würde, diese anscheinend nicht heimische Art auszurotten? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Schliesslich lebten die Vorfahren dieser Tiere vor Urzeiten in Amerika, bevor sie sich über die geschlossene Landbrücke nach Asien aufmachten, um sich dort – unter anderem – zu den heutigen Kamelen zu entwickeln.

Ken Thompson würde wohl leidenschaftlich für ein Bleiberecht der Dromedare eintreten. In seinem 2014 erschienenen Buch «Where Do Camels Belong?» («Wohin gehören Kamele?») wehrt sich der britische Pflanzenbiologe gegen die reflexartige, pauschale Verdammung von Tieren und Pflanzen, die sich neue Lebensräume erobern – jene Arten, die oft invasiv genannt werden. Seiner Ansicht nach können solche Einwanderer sogar die biologische Vielfalt steigern – sofern es ihnen überhaupt gelingt, sich auszubreiten. Dies gerate oft aus dem Blick, schreibt Thompson. Forscher konzentrierten sich meist auf Tier- und Pflanzenarten, die Probleme verursachen. Das aber sei nicht repräsentativ für die Gesamtheit eingeführter Arten.

Grassierende Hysterie

Damit widerspricht er der Haltung vieler Kollegen. So mancher Experte hält Tiere und Pflanzen, die der Mensch absichtlich oder unabsichtlich in neue Gebiete verfrachtet, für einen der drei grossen Treiber des Artensterbens – neben Klimawandel und der Vernichtung von Lebensräumen. Tatsächlich können neu eingeführte Arten andere Tiere und Pflanzen verdrängen, im schlimmsten Fall auslöschen, und ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen. Und mit der Globalisierung haben die Wanderungen eine Dynamik bekommen, welche mit denen früherer Zeiten nichts mehr zu tun hat. Tiere und Pflanzen reisen heute mit Schiff, Flugzeug und Lastwagen – und können so mit Leichtigkeit viel grössere Entfernungen überwinden, als es ohne menschliches Zutun möglich wäre.

So gelangte auch das hoch wachsende, leicht giftige Drüsige Springkraut mit seinen zartrosa Blüten aus Indien nach Mitteleuropa. Es ist zwar bei Kindern wegen seiner Kapselfrüchte beliebt, die ihre Samen bei Berührung herausschleudern, es ist aber auch dafür berüchtigt, andere Pflanzen zu verdrängen. Oft wird daher empfohlen, das Kraut auszureissen, um die weitere Verbreitung aufzuhalten.

Für Thompson ist der Umgang mit dem Springkraut nur ein Beispiel für die grassierende Hysterie, wenn es um vermeintlich «invasive» Arten geht. So kamen zwei Studien, die vor einigen Jahren in den Fachzeitschriften Biological Conservation und Applied Ecology erschienen sind, zu einem differenzierten Ergebnis: Zwar sei die Artenvielfalt dort niedriger, wo das Springkraut sich ausbreite. Aber insgesamt sei die Bedrohung gering; vor allem würden Arten verdrängt, die ohnehin weit verbreitet seien. Auch bestehe die Gefahr, dass sich lediglich andere invasive Arten ausbreiten, wenn man dem Springkraut zu Leibe rückt.

Die Teufelskrallen siegten

Thompson rät daher zu Gelassenheit im Umgang mit der Pflanze. Zumal ein Sieg auch bei grossen Anstrengungen alles andere als ausgemacht ist. 20 Jahre lang habe man zum Beispiel versucht, die Verbreitung der Afrikanischen Teufelskralle (auch Einjährige Martynie) im australischen Gregory-Nationalpark aufzuhalten – nach 100'000 ausgerissenen Pflanzen und beachtlichen Geldmitteln für deren Bekämpfung zeigt die Pflanze unbeirrt weiterhin ihre hübschen Blüten. Thompson sieht das Problem auch im dramatisch klingenden Namen der Pflanze begründet. Wäre sie harmloser benannt, wäre vielleicht niemand auf die Idee gekommen, sie ausrotten zu wollen.

Thompson nennt diverse Beispiele, auf die sich die einfache Logik von Invasion und Verdrängung, von Gut und Böse, schlecht anwenden lässt. In vielen Fällen könne man nicht einmal genau auseinanderhalten, was «einheimisch» und was «fremd» sei. Und auch einheimische Arten könnten sich zuweilen ähnlich rasant ausbreiten wie invasive, wenn sich die äusseren Bedingungen verändern: So haben sich die in Amerika verbreiteten Rabengeier auf die stattliche Zahl von 20 Millionen Exemplaren vermehrt, weil sie sich auf den wachsenden Abfallhalden ernähren. Die Folgen von Vernichtungskampagnen sind zudem oft schwer absehbar. Auf Hawaii konnten sich zwar einige heimische Pflanzen wieder erholen, nachdem invasive Wildschweine und Kaninchen ausgerottet worden waren. Parallel vermehrten sich aber fremde, leicht brennbare Gräser stark, was zu mehr Waldbränden führte.

Anstatt jede Zuwanderung unter Generalverdacht zu stellen und sie sofort als «Invasion» zu brandmarken, empfiehlt Thompson, kühl nach ihrem Nutzen zu urteilen. Sicher könne man auch, wo nötig, etwas gegen die Verbreitung unternehmen, um andere Arten zu schützen. Aber muss man tatsächlich immer in Panik geraten? Kann man Einwanderer nicht auch einmal gewähren lassen und beobachten, wie sie sich in der neuen Umgebung behaupten?

Feldzug gegen Grauhörnchen

In Grossbritannien wurden am Anfang des vergangenen Jahres, Jahrhunderte nach ihrer Ausrottung, erstmals wieder wild lebende Biber gesichtet. Sie könnten Krankheiten einschleppen, fürchteten die Behörden, ausserdem wisse man nicht, wie sich die Tiere auswirken würden. Eine Stiftung will sie nun fünf Jahre lang beobachten, aber falls das Vorhaben nicht genehmigt wird, sollen die Biber eingefangen und in Zoos gebracht werden. In England gab es auch einen regelrechten Feldzug gegen die Grauhörnchen aus Nordamerika, die den Eichhörnchen Konkurrenz machten. Die Briten experimentieren deshalb bereits mit Verhütungsmitteln. Dabei hält sich das Problem womöglich von ­allein in Grenzen, weil Eichhörnchen Nadelwälder bevorzugen, Grauhörnchen dagegen Laub- und Mischwälder.

Vielleicht ist die idealisierte Vergangenheit, in der eine weithin unberührte Natur von fremden Tieren und Pflanzen überwältigt wurde, schlicht ein Mythos. Erst seit dem Aufbrechen des einstigen Superkontinents Gondwana, in dem die heutigen Kontinente Südamerika, Australien, Antarktis und Afrika vereinigt waren, hat sich die Evolution der Tiere und Pflanzen in verschiedenen Erdteilen unabhängig voneinander vollziehen können.

Aber auch das nicht ganz, denn es gab Landbrücken – Grossbritannien etwa war bis vor achttausend Jahren mit dem europäischen Festland verbunden. Und Vögel beförderten schon immer in ihrem Verdauungstrakt Pflanzensamen über Erdteile hinweg. Hinzu kamen im Laufe der Jahrmillionen weitere Kräfte, welche die Natur immer wieder vor neue Herausforderungen stellten – Asteroidentreffer, Parasiten, Naturkatastrophen und Klimaveränderungen, die das Aussterben und Entstehen von Arten mit sich brachten.

Falsch gewählte Begriffe

Die Vorstellung, dass Spezies in bestimmten Regionen «heimisch» oder «fremd» sind, entstand erst im 19. Jahrhundert und stammt vom englischen Botaniker Hewett Cottrell Watson. Womöglich geht damit eine zu statische Vorstellung des geografischen Vorkommens von Arten einher, die den historischen Bewegungen und Verschiebungen, wie sie sich über Jahrmillionen ergeben haben, nicht gerecht wird. Ist vielleicht schon der Begriff «Invasion» mit seinen militärischen Assoziationen unpassend gewählt? Schliesslich gehen Neuzugänge auch mit der Ausbreitung des Menschen einher, haben sein Überleben erleichtert oder überhaupt erst ­ermöglicht. Allerweltsgeschöpfe wie Kühe, Hunde, selbst der heute allgegenwärtige Weizen, waren irgendwann Neulinge in der Biosphäre.

Auch der Mensch war invasiv

Welche Arten in der Lage sind, in einem neuen Lebensraum heimisch zu werden, kann man nie genau vorhersagen. Die im 19. Jahrhundert aus Nordafrika und der Mongolei nach Amerika importierten Dromedare und Kamele sollten als Lasttiere die Transportprobleme in Prärie und Rocky Mountains lösen. Man gründete die «Camel Transportation Company», einige Jahre lang wurde mit den Tieren experimentiert. Aber mit Spucken und Beissen machten sie sich unbeliebt, und auf Bergpfaden kamen sie schlecht zurecht. 1869 setzte die transkontinentale Eisenbahn dem Experiment ein Ende; die letzten Dromedare landeten in Wanderzirkussen, wurden geschlachtet oder ihrem Schicksal überlassen.

So einfach ist die Natur nicht auszutricksen, vieles bleibt unberechenbar. Dem Menschen indes ist die Ausbreitung gelungen, oft auch unter widrigsten Bedingungen. Unter den invasiven Arten ist die Spezies Homo sapiens eine der erfolgreichsten.

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