«Man kann ihn nicht aufhalten»

Am Wochenende hat sich eine gigantische Insel aus Eis von einem Gletscher in Grönland gelöst. Sie bewegt sich unaufhaltsam hin zu jener Stelle, wo einst die Titanic sank. Schiffe und Bohrinseln sind in Gefahr.

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Das hat in diesem Sommer der Naturkatastrophen noch gefehlt: In der Arktis ist ein gigantischer Eisberg abgebrochen. Der unaufhaltsam im Meer treibende Koloss, viermal so gross wie Manhattan, droht, Schifffahrtswege und Ölförderung zu gefährden. Schlimmstenfalls könnten Teile davon die vielbefahrenen Gewässer erreichen, in denen 1912 die «Titanic» einen Vorgänger rammte und sank. Der Moment, in dem vorige Woche der Petermann-Gletscher in Grönland kalbte und den grössten Eisberg der Arktis seit 1962 abstiess, könnte auch ein Signal der Erderwärmung sein.

Schon ist der Eisberg zu einem Symbol der Klimadebatte geworden. Der US-Abgeordnete Edward Markey schlug bereits vor, alle Zweifler am Klimawandel könnten sich ja auf der Eisinsel niederlassen. Kaum ein anderes Bild spiegelt die mit der Erderwärmung verbundenen Befürchtungen dermassen plastisch wider wie der Anblick eines 260 Quadratkilometer grossen Brockens, der sich vom Eispanzer Grönlands löst. Würde sich der ganze Eispanzer auflösen, stiege der Meeresspiegel weltweit um verheerende sechs Meter.

«Man kann ihn nicht aufhalten»

Forscher versuchen derzeit, den Weg vorherzuberechnen, den der Eisberg nehmen wird. «Er ist so gross, man kann nicht verhindern, dass er driftet. Man kann ihn nicht aufhalten», sagt der Glaziologe Jon-Ove Methlie Hagen von der Universität Oslo. Der Koloss treibt auf die Nares-Strasse zwischen Grönland und Kanada zu. Erreicht er sie, bevor sie mit dem - für kommenden Monat erwarteten - Wintereinbruch zufriert, würde er von den Strömungen wahrscheinlich südwärts getragen, die Ostküste Kanadas entlang bis zu den Gewässern vor Neufundland, wo reger Schiffsverkehr herrscht und Öl gefördert wird. «Da fängt es an, gefährlich zu werden», warnt Mark Drinkwater von der Europäischen Weltraumagentur ESA.

Kanadische Fachleute schätzen für die Strecke ein bis zwei Jahre. Wahrscheinlich kollidiert er mit Inseln und anderen Eisbergen und bricht auseinander. Die Einzelteile würden von Wind und Wellen angenagt und in wärmeren Gewässern zu schmelzen beginnen. «Doch die Bruchstücke könnten immer noch ziemlich gross sein», warnt die kanadische Eisforscherin Trudy Wohlleben, die den Eisberg vergangenen Donnerstag als erste auf Satellitenbildern entdeckte. Sie könnten gross genug sein, um die kanadischen Bohrinseln vor Neufundland zu gefährden.

Es ist zwar möglich, kleinere Eisberge durch Schleppen oder Beschuss mit Wasserkanonen umzuleiten. Aber: «Ich glaube nicht, dass das mit einem Eisberg dieser Grösse geht», meint Wohlleben. «Man müsste die Bohrinsel vom Fleck bewegen.» Das wäre zeitraubend und teuer - und äusserst kompliziert, wenn die Plattform am Meeresgrund verankert ist.

Zeichen der Erwärmung

Wohin der Eisberg auch treibt, der Klimadebatte bleibt er erhalten. Fachleute finden es zwar schwierig, den Koloss direkt mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen, weil bei der Entstehung von Eisbergen viele verschiedene Faktoren mitspielen. Doch das ungewöhnliche Ereignis fällt zusammen mit besorgniserregenden Anzeichen für eine Erwärmung der Arktis. Seit 1970 sind die Temperaturen in grossen Teilen um über 2,5 Grad gestiegen, viel rascher als im weltweiten Durchschnitt. Im Juni war die Eisdecke auf dem niedrigsten Stand dieses Monats seit Beginn der Aufzeichnungen 1979.

Die Gletscherschmelze in Grönland, die sich in den letzten Jahren beschleunigt hat, ist ein noch wenig erforschter Teil des Klima-Puzzles. Eine Gruppe von Klimaforschern, die das Rätsel voriges Jahr auf einer Expedition zum Petermann-Gletscher zu ergründen versuchte, will in den nächsten Wochen wieder aufbrechen. «Wir haben ein paar Kameras und GPS-Geräte dort gelassen. Jetzt wollen wir schleunigst wieder hin und die Daten einsammeln», erklärt der Gletscherexperte Jason Box vom Polarforschungsinstitut der Universität von Ohio.

Falscher Zeitpunkt

Er und zwei britische Forscher waren voriges Jahr mit dem Greenpeace-Schiff «Arctic Sunrise» unterwegs. Die Umweltschützer hatten gehofft, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen Zeichen des Klimawandels mit der Kamera einzufangen. «Es wäre schön gewesen, wenn der Eisberg letztes Jahr abgebrochen wäre», meint die damalige Greenpeace-Expeditionsleiterin Melanie Duchin. «Ich meine: Schmelzendes Eis. Einfacher geht's gar nicht.»

Die «Arctic Sunrise» ist nicht mehr in der Arktis. Sie ist jetzt im Golf von Mexiko und beobachtet die Ölpest.

oku/bru/dapd Karl Ritter

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