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Europäer essen Klonfleisch, ohne es zu wissen

In Brüssel wird darum gestritten, ob nicht nur das Fleisch geklonter Tiere, sondern auch das ihrer Nachfahren gekennzeichnet werden soll. Die Konsumenten wünschen das, die Industrie käme es teuer zu stehen.

Es könnte eine lange Nacht werden, wenn EU-Parlamentarier und Vertreter der Mitgliedsstaaten heute in Brüssel ums Klonfleisch zanken. Einer der wichtigsten Streitpunkte: Soll eine europäische Verordnung nur die geklonten Tiere selbst oder auch Produkte von deren Nachkommen betreffen? Das Europäische Parlament hat sich immer wieder für ein umfassendes Verbot ausgesprochen. Der Europäische Rat will hingegen Lebensmittel mit blosser Klonabstammung gar nicht regulieren. Nur die Vermarktung von Fleisch, das direkt aus der Schlachtung geklonter Kühe oder Schweine stammt, soll vorerst verboten werden, nicht aber das Fleisch von deren Kälbern oder Ferkeln.

Klonbullen aus den USA

Dabei würde das Klonvieh selbst sowieso nur ausnahmsweise auf dem Teller landen. Es ist viel zu teuer und fehleranfällig für die Massenproduktion, Kühe oder Schweine nach der Dolly-Methode zu kopieren. Lohnen kann sich das hingegen für wertvolle Zuchttiere: Es wären vor allem Fleisch und Milchprodukte ihrer Nachkommen, die in den Handel kämen. Oder eben nicht – eine Einigung in dem seit Jahren schwelenden Streit zwischen Rat und Parlament der EU ist nicht in Sicht. Inzwischen wurde der Vermittlungsausschuss einberufen, der im Februar schon einmal ergebnislos tagte. Bis Ende März muss ein Ergebnis her, sonst gibt es vorerst gar keine Regelung.

Eine grosszügige Regelung dürfte im Sinne von EU-Handelskommissar Karel De Gucht sein. Wenn man einem nicht öffentlichen Papier aus seiner Behörde glaubt, finden sich Käse und Koteletts von Tieren mit Klonvorfahren aus Übersee längst in den Kühl- und Verkaufstheken europäischer Supermärkte. Ohne Kennzeichnung und ohne dass die Verbraucher etwas davon ahnen.

Kein Register vorhanden

Die Klone kommen unkontrolliert in Europa an – beispielsweise in Form von Sperma amerikanischer Hochleistungsbullen. Auch mit Tierembryonen wird international gehandelt. Ein Register von Klon-Zuchttieren gibt es in den USA aber nicht, und so sei es unmöglich nachzuvollziehen, welche Tiere von geklonten Vätern gezeugt worden seien, argumentiert das Papier des Handelskommissars. Gleichzeitig warnt es davor, diesen Import zu beschränken oder auch nur eine Kennzeichnung zu fordern. Es sei im internationalen Handel unmöglich, die Wege der Klontiere und ihrer Keimzellen transparent zu machen, heisst es in dem Papier, das der Verein Testbiotech an die Öffentlichkeit brachte.

«Selbstverständlich gibt es Systeme, mit denen man die Herkunft von Schlachttieren zurückverfolgen kann», erklärt hingegen Georg Erhardt, Direktor des Instituts für Tierzucht und Haustiergenetik der Universität Giessen. Im Gefolge der Rinderwahnsinn-Krise wurden solche Datenbanken weiterentwickelt.

Nachverfolgbarkeit möglich

Längst erhält jedes Kälbchen, das zum Beispiel in Deutschland geboren wird, in der ersten Lebenswoche nicht nur eine Ohrmarke, ihm wird auch eine Gewebeprobe entnommen, die in der Marke eingebaut wird. «Wenn man daraus die Gene analysieren und die Daten mit den Zuchtbüchern zusammenführen würde, könnte man tatsächlich jedes Stück Fleisch auf seine Herkunft und Abstammung zurückverfolgen», sagt Erhardt. Auch auf internationaler Ebene sei das möglich. Man müsse es nur wollen und bereit sein, dafür zu bezahlen.

Für den EU-Handelskommissar scheint klar: Das wäre zu teuer. Mehr Transparenz käme daher einem Verbot gleich, heisst es in dem Papier aus De Guchts Behörde. Auch wird darin vor Vergeltungsaktionen der Handelspartner gewarnt: Wer das amerikanische Klonsperma nicht wolle, könne womöglich bald kein Schweinefleisch mehr in die USA verkaufen – immerhin ein Markt von 250 Millionen Euro pro Jahr.

Wenig überzeugende Erklärungen

Den finanziellen Interessen der Agrarindustrie stehen in Brüssel die Bedenken europäischer Konsumenten gegenüber: Sie seien über das Klonen von Tieren zur Lebensmittelproduktion beunruhigt, erklärten zwei Drittel der Befragten bei einer im Dezember veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage unter 27'000 EU-Bürgern in allen 27 Mitgliedsstaaten. Das heisst: Die Verbraucher zählen das Klonen zu den vier grössten Risiken im Lebensmittelbereich.

Offenbar wirken die wiederholten beschwichtigenden Erklärungen der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wenig überzeugend. Zuletzt versicherte die EFSA im Sommer 2010, es gebe keine Hinweise, dass Milch oder Fleisch von Klonvieh weniger gesund seien als die Produkte gewöhnlicher Tiere («EFSA Journal», Bd. 8, S. 1784, 2010). Nur: Diese Behauptung der EU-Behörde ist wenig abgestützt: Nur zwei Studien fanden die EFSA-Experten, die der Frage nachgingen, wie verträglich Klonnahrung ist. Beide Untersuchungen stammen von derselben koreanischen Arbeitsgruppe.

Fressstudien mit Kaninchen

In der einen Versuchsreihe erhielten Ratten vier Wochen lang bis zu zehn Prozent Klon-Rindfleisch im Futter und nahmen keinen Schaden («Animal», Bd. 2. S. 218, 2009). In der zweiten Studie stellten die Forscher fest, dass die gleiche Klondiät die Fortpflanzung von Kaninchen nicht stört («Food and Chemical Toxicology», Bd. 48, S. 871, 2010). Man müsse allerdings in Betracht ziehen, dass Kaninchen Vegetarier seien und somit wohl nicht die am besten geeigneten Versuchstiere, merkt die EFSA an. Aussagekräftigere Versuche forderte die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit nicht, bevor sie Entwarnung gab.

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