Der zuverlässige Faktenlieferant

Seit den Klimademos ist ETH-Klimaforscher Reto Knutti in den Medien omnipräsent und beantwortet täglich E-Mails besorgter Bürger.

Reto Knutti im Lichthof seines Arbeitsortes an der Universitätstrasse. Foto: Urs Jaudas

Reto Knutti im Lichthof seines Arbeitsortes an der Universitätstrasse. Foto: Urs Jaudas

Martin Läubli@tagesanzeiger

Irgendwie findet er immer Zeit. Ein Mail, schnell kommt eine Antwort. Ein Interview bei einem Mittagessen in den nächsten Tagen? Er richtet es sich ein. Geht es um den Klimawandel, nimmt sich Reto Knutti Zeit. Der Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich ist gefragter denn je. Als Leitautor für den letzten und vorletzten Klimazustandsbericht des Weltklimarates IPCC steht er zwar seit gut zwölf Jahren im Rampenlicht der Öffentlichkeit. «Die letzten Monate haben aber alles übertroffen», sagt er.

Seit die Jugend den Klimawandel zu ihrem Thema macht, Zehntausende auf die Strasse gehen und die besten Klimaforscher der Welt die Bewegung unterstützen, beantwortet Knutti täglich E-Mails von Bürgern und Politikern, die sich Sorge um unseren Planeten machen, von Lehrern, die Dokumentationen anfordern, und von Schülern, die neugierig sind.

Der Klimaforscher wirkt dennoch stets locker bei den gelegentlichen Treffen. Auch an diesem Mittag in einem Lokal in der Nähe seines Büros, nicht weit vom ETH-Zentrum entfernt. Die jugendliche Ausstrahlung des 46-jährigen Wissenschaftlers passt gut zur Klimabewegung der jungen Menschen. Die Jungen sind dem Vater von zwei Kindern, die noch in die Primarschule gehen, denn auch ein Anliegen. Und dass die Wissenschaft eine politische Bewegung unterstützt und damit die wissenschaftliche Unabhängigkeit infrage stellt, damit hat er überhaupt keine Mühe. «Was wir Klimaforscher sagen, ist eigentlich nicht politisch, sondern die logische Konsequenz des Pariser Klimaabkommens, das die Schweiz ratifiziert hat.»

Kein Alarmismus, keine Mission

Ihre Botschaften würden auf wissenschaftlichen Fakten basieren. Warnungen, es sei für den Klimawandel bereits fünf nach zwölf, habe nichts mit Alarmismus und Mission zu tun. Über den Vergleich von SVP-Nationalrat Roger Köppel, der Klimawandel sei wie eine Religion, kann Knutti schmunzeln. «Wenn Herr Köppel uns Klimaforschern widerspricht und es dabei online 100'000 Zugriffe gibt, dann haben wir vielleicht doch etwas Relevantes gesagt.»

Reto Knutti kennt man heute in der Schweiz bald so gut wie seinen Doktorvater, den Klimaforscher an der Universität Bern und ehemaligen Co-Chair beim IPCC, Thomas Stocker. Die Öffentlichkeit habe er eigentlich nie gesucht. Im Gegenteil. Knutti ist im bernischen Saanenland aufgewachsen. «Ich war ein schüchternes Kind, noch im Studium musste ich mich überwinden, vor Leute hinzustehen und etwas zu erzählen.» Nun ist alles anders gekommen. «Das hat sich einfach so ergeben.»

Knuttis wissenschaftliche Karriere ist geradlinig verlaufen. Nach der Doktorarbeit geht er für drei Jahre in die USA, ans National Center for Atmospheric Research in Boulder, ein Mekka der Klimaforschung seit den 60er-Jahren. 2007 beruft die ETH den 34-Jährigen als Assistenzprofessor nach Zürich, wenige Jahre später erhält er eine ausserordentliche Professur. Seine heutige Position hilft ihm, die Dinge noch etwas anders zu sehen. «Ich mache immer noch Klimaforschung, aber ich bin nicht mehr so unter Druck wie junge aufstrebende Wissenschaftler, die sich noch über Pub­likationen etablieren müssen.»

Jugendliche gehen auf die Strasse: Klimademonstration in Bern am 6. April. Foto: Susanne Keller

Reto Knutti hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Wissensvermittlung beschäftigt, mit der Frage, wie Wissen in der Gesellschaft kommuniziert werden soll. Ein Beispiel aus Italien hat ihn nachdenklich gemacht. «Da wurden Wissenschaftler wegen einer ungenügenden Erdbebenwarnung vor Gericht gestellt. Auf der anderen Seite wirft man uns vor, wir seien politisch, wenn wir uns einbringen», wundert er sich. Wissenschaft zu vermitteln, sei eine Gratwanderung. Was darf man als Forscher sagen, was kann ich überhaupt erklären, wo muss man sich zurücknehmen? Solche Fragen treiben ihn um. «Vor laufender Kamera eine Antwort auf die einfache Frage zu finden, ob wir uns Sorge machen müssen, ist eine Herausforderung.» Ohne Wertediskussion, was aber gefährlich sei, könne man solche Einschätzungen praktisch kaum machen.

Zudem ist die heutige mediale Welt komplizierter und dadurch weniger überschaubar geworden. Mit den Kommunikationsinstrumenten von Social Media machte und macht er unterschiedliche Erfahrungen. Einerseits ist er ein emsiger Twitterer und weiss die Kanäle als Wissens-Multiplikator zu nutzen. Anderseits gibt es Fake-Interviews von ihm, sein Name wurde schon mehrmals öffentlich missbraucht.

Grösste Emissionen durch Fliegen

Knutti will allerdings nicht nur vermitteln, er will auch aktiv auf Hochschulebene etwas tun. So ist er seit einigen Jahren Delegierter für Nachhaltigkeit an der ETH. Und die Voraussetzungen, etwas zu bewirken, sind gut. So war es der ETH-Leitung etwa ein Anliegen, den Gebäudepark energetisch so gut wie nur möglich zu sanieren. Zudem reisen nur wenige ETH-Mitarbeiter mit dem Auto an. Die Hochschule ist mit dem öffentlichen Verkehr gut vernetzt, darüber hinaus steuert das minimale Parkplatzangebot das Verhalten der Angestellten.

Das führt dazu, dass rund 60 Prozent der CO2-Emissionen der ETH durch Flugreisen verursacht werden. Nun wollen alle Departemente der Hochschule ihre Emissionen insgesamt um mindestens 10 Prozent reduzieren. «Jedes Departement kann selbst entscheiden, wie stark es sich engagieren will», sagt Knutti. Sein Departement der Umweltsystemwissenschaften strebt sogar eine Reduktion um 20 Prozent an. «Was an den internationalen Klimaverhandlungen passiert, erlebe ich im Kleinen auch an der ETH, es geht stets um Interessenkonflikte.»

Geschichte der Zukunft erzählen

Knutti setzt sich für Transparenz bei den Flugreisen ein. «Das war bei manchen Professoren undenkbar, andere fühlten sich grundsätzlich als Opfer ihres Erfolges, der eben mehr Reisen an Konferenzen beinhalte.» Dank dem Projekt werde jedenfalls über den Sinn von Flügen reflektiert: Wie viele Forscher müssten eigentlich an eine Tagung? Wann ist eine Videokonferenz vollkommen genügend? Es gehe aber auch um grundsätzliche Fragestellungen. «Muss es immer internationale Forschung sein? Und muss man Exzellenz der Wissenschaft mit der Zahl der Konferenzteilnahmen messen?» Reto Knutti ist nicht nur Atmosphärenforscher.

Er interessiert sich auch für das Menschliche. Am Schluss brauche es zur Lösung des Klimaproblems nicht nur Zahlen über Temperatur und Niederschlag, sondern einen radikalen gesellschaftlichen und technologischen Wandel, sagt er. «Absolut zentral sind dabei Fragen zum Umgang mit Risiken, zu Fairness und Verantwortung – und eine effektive Kommunikation.»

So will Reto Knutti eine Geschichte der Zukunft erzählen, mit der sich die Menschen identifizieren können. Dafür nimmt er sich viel Zeit: «Die Vorzeichen dafür waren vielleicht noch nie so gut wie jetzt.»

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