Der Sieg der Tiere

Ob Zirkus, Zoo oder Stall: Den Tieren in der Schweiz geht es heute besser als noch vor 30 Jahren. Wie es soweit kam.

Schwimmen im grossen Becken: Elefant im Wasser der neuen, 11'000 Quadratmeter grossen Anlage im Zürcher Zoo.

Schwimmen im grossen Becken: Elefant im Wasser der neuen, 11'000 Quadratmeter grossen Anlage im Zürcher Zoo.

(Bild: Keystone)

Nik Walter@sciencenik

Zirkusfreunde mögen ein wenig enttäuscht gewesen sein, doch die Tierschützer freuten sich, als der Circus Knie am Dienstag bekannt gab, er würde fortan in seinem Programm auf Elefantennummern verzichten. Stattdessen wolle man sich künftig auf die Zucht der bedrohten asiatischen Elefanten konzentrieren. Dies sei in einem Zirkus nicht möglich, sondern nur in einem Zoo.

Zum Bruch mit der fast hundertjährigen Tradition und zum Umdenken haben bei den Knies mehrere Gründe beigetragen. Zum einen war da der Tod von drei betagten Elefantendamen im Juni und Juli, dann aber auch die neue, erst diesen Frühling eröffnete 6500 Quadratmeter grosse Elefantenanlage Himmapan im familieneigenen Kinderzoo in Rapperswil. Und letztlich auch die Tatsache, dass man keine der bedrohten Dickhäuter mehr aus Asien importieren kann und daher auf eine eigene Zucht angewiesen ist. Mit der langjährigen Kritik aus Tierschutzkreisen habe der Entscheid aber nichts zu tun, sagte Franco Knie zu den Medien.

Schluss mit Kunststück in der engen Manege: Elefanten im Zirkus Knie gibt es nicht mehr lange. (Keystone)

Trotzdem ist der Entscheid auch ein Erfolg für den Tierschutz. Ein weiterer Erfolg, muss man sagen, denn in den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich in der Schweiz enorm viel getan für das Wohl der Tiere – sei es in den Nutztierställen, im Zoo, in den Tierversuchslabors oder im Haus von Herr oder Frau Schweizer. 1981 trat in der Schweiz das Tierschutzgesetz in Kraft. Seit 1992 wird die «Würde der Kreatur» durch die Bundesverfassung geschützt und im gleichen Jahr wurde auch die Käfighaltung bei Hühnern verboten (in der EU erst 2012!). 2005 wurde das Tierschutzgesetz massiv revidiert und ist heute vermutlich das strengste der Welt.

Die Hälfte der Nutztiere lebt in tierfreundlichen Ställen

«In den letzten 30 Jahren ist bei uns viel passiert», sagt Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer beim Schweizer Tierschutz (STS). Die allermeisten anderen Länder hätten überhaupt keine oder nur eine eingeschränkte Gesetzgebung. «Insofern haben wir das beste Gesetz weltweit», sagt Huber. Aus Sicht des Tierschutzes sei die Gesetzgebung aber trotzdem ungenügend, weil sie zum Beispiel keine tierfreundliche Haltung bei den Nutztieren vorschreibe. «Sie deckt nur das Minimum bis zur amtlich verfolgten Tierquälerei ab.»

Trotzdem habe es auch in der Landwirtschaft grosse Fortschritte gegeben, sagt Huber. So dürfen Ferkel und andere Nutztiere nicht mehr ohne Schmerzausschaltung kastriert und Schlachttiere nicht länger als sechs Stunden transportiert werden. Vor allem aber hat sich bei der Tierhaltung einiges geändert. So lebt heute knapp die Hälfte der hiesigen Nutztiere in tierfreundlichen Ställen und mehr als die Hälfte hat regelmässig Auslauf ins Freie.

Dieser Wandel habe aber nicht mit der Gesetzgebung zu tun, sagt Huber, sondern mit gesellschaftlichen Prozessen. «Bewusste Konsumenten, die Label-Produkte kaufen und mehr bezahlen, haben dazu beigetragen.» Zudem habe eine Änderung in der Agrarpolitik dazu geführt, dass Bauern, die tiergerechte Haltungsformen anbieten, zum Beispiel Freiland oder Weidehaltung, dafür Subventionen erhalten.

1,5 Millionen Heimtierhalter machen es nicht schlecht

«Mit solchen Anreizen könnte man beim Tierschutz noch viel mehr erreichen», ist Huber überzeugt. Bedarf sieht er vor allem im Bereich Tierversuche. Zum einen würden viel zu viele Versuche gemacht ohne Nutzen für den Menschen, zum anderen würden Ersatzmethoden viel zu wenig gefördert. Analog zur Landwirtschaft müsste die Politik auch hier Anreizsysteme schaffen, sagt Huber, um mehr Geld für die Erforschung von Ersatzmethoden zur Verfügung zu stellen.

Positiv ist laut Huber dafür die Entwicklung im Heimtierbereich. Die Hundeausbildung sei massiv verbessert worden, die Leute seien sich viel bewusster, welche Verantwortung sie gegenüber einem Tier haben. Es gebe zwar immer noch sehr viel Tierschutzfälle mit Heimtieren, sagt Huber, «aber das Gros der 1,5 Millionen Heimtierhalter hierzulande macht es nicht so schlecht.»

Offensichtlich ist der Wandel bei der Tierhaltung in den hiesigen Zoos. Noch in den 1980er-Jahren dominierten kleine, monotone Käfige, in denen gelangweilte Raubkatzen hin und her tigerten, Eisbären unter der Hitze Mitteleuropas litten oder Delfine in viel zu kleine Becken eingezwängt ein tristes Dasein fristeten. Bei vielen Tieren traten massive Verhaltensstörungen auf wie etwa Stereotypien, Apathie oder Selbstverletzungen. Von einer artgerechten Tierhaltung, wie man sie heute versteht, konnte keine Rede sein.

Sich suhlende Wildschweine, sich kratzende Wisente

Dann, Anfang der 1990er-Jahre setzte ein Umdenken ein. Zumindest die grossen Zoos sahen sich vermehrt als Arten- und Naturschutzzentren und investierten in grössere und vor allem artgerechtere Gehege, in denen die Tiere ein möglichst breites natürliches Verhaltensrepertoire ausleben können. Dass die Tiere immer sichtbar sein sollten für die Besucher, wurde indes weniger wichtig. Im Zoo Zürich zum Beispiel machte 1995 die neue Anlage «Bergnebelwald Sangay» für Brillen- und Nasenbären den Anfang. 2001 folgte die Himalaya-Anlage (Tiger, Wölfe, Schneeleoparden, Kleine Pandas), 2003 die Masoala-Halle, 2006 der Indische Trockenwald (Löwen, Zwergotter), und letztes Jahr der riesige, 11'000 Quadratmeter grosse Kaeng-Krachan-Park für Elefanten, Hirschziegenantilopen und weitere Tiere.

Auch andere Zoos haben massiv aufgerüstet. Im Basler Zolli zum Beispiel wurde 1993 die Afrikaanlage eingeweiht, in der Flusspferde, Zebras und Strausse Seite an Seite leben. Zudem kann man ebenfalls im Zolli seit 2001 im Etoscha-Haus u.a. Geparden, Erdmännchen und Stachelschweine beobachten. Im Wildpark Bruderhaus in Winterthur wälzen sich derweil vor den Augen der Besucher Wildschweine im Dreck, und im Tierpark Dählhölzli in Bern leben die Wisente seit 2008 in einem fünf Hektar grossen Waldgehege mit vielen Rückzugsmöglichkeiten, Wurzeln und Kratzbäumen. Eisbären oder Delfine sucht man heute vergebens in einem Schweizer Zoo.

Neue Wege geht nun auch Knies Kinderzoo mit der modernen Elefantenanlage Himmapan. Den beiden im Zirkus übrig gebliebenen Elefantendamen Dehli und Ceylon dürfte es dort nach ihrer Abschiedsvorstellung in der Manege jedenfalls besser gefallen als auf der Tournee.

Das Ende der Elefantenvorführungen im Zirkus ist derweil nur die logische Fortsetzung einer langen Entwicklung. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an Bären, die in der Manege Velo fuhren oder an adrett angezogene Äffchen. Diese Zeiten sind längst vorbei, doch der Zirkus ist deswegen nicht minder attraktiv oder weniger beliebt geworden. Und einige Tiere werden wir auch in Zukunft noch ruhigen Gewissens im Zirkus beklatschen können. Gegen Pferde in der Manege, Hunde oder Ziegen hat selbst der Schweizer Tierschutz nichts einzuwenden.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt