Dem CO2 ist es egal, wo es in die Luft geblasen wird

Wenn wir es mit unserer Besorgnis um Klima und Umwelt wirklich ehrlich meinten, dürften wir ab morgen keine einzige energieintensive Produktionsanlage mehr auslagern.

Giessereien sind typische energie­intensive Betriebe, die hierzulande einen immer schwereren Stand haben.

Giessereien sind typische energie­intensive Betriebe, die hierzulande einen immer schwereren Stand haben.

(Bild: Keystone Sigi Tischler)

Markus Häring

Vergangene Woche wurde in Liestal auf dem Areal der Giesserei Erzenberg ein Wohnbauprojekt vorgestellt. Das Traditionsunternehmen war bekannt für sein Vollsortiment qualitativ hochstehender Schachtdeckel. Ein kleines, aber feines Stück Schweizer Industriegeschichte geht zu Ende. Giessereien sind typische energie­intensive Betriebe, die hierzulande einen immer schwereren Stand haben. Aufgrund der höheren Produktionskosten in der Schweiz, aber auch wegen der anspruchsvollen Umweltauflagen können sich solche Betriebe gegen die billige Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr behaupten.

Die Deindustrialisierung der Schweiz hat nicht erst gestern angefangen.Es ist ein stetiger Prozess, der bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einsetzte und auch noch weitergehen wird. Die Wirtschaft wächst trotzdem noch, dank einer starken Dienstleistungsindustrie sowie unter anderem Banken und Versicherungen; aber auch neue Hightech­betriebe tragen zum Wohlstand bei. Bemerkenswert ist bei den meisten neuen Branchen, dass die Wert­schöpfung auf einem bescheidenen Energieverbrauch beruht. Deren ­Emissionen halten sich in Grenzen. Aus Sicht der Energie- und Klima­politik eigentlich sehr begrüssenswert und fit für die Zukunft.

Beim Importieren lassen wir den Dreck jetzt einfach an der Grenze zurück.

Brauchen wir tatsächlich keine Schachtdeckel oder andere Guss­produkte mehr? Natürlich benötigen wir gleich viele wie früher. Mit der heutigen Bautätigkeit vermutlich sogar noch mehr. Die Versorgung aus Fernost oder Osteuropa ist sichergestellt. Dort können Produkte nicht nur wegen geringerer Löhne, sondern auch wegen lockerer Umweltauflagen günstiger produziert werden. Die dortigen Schornsteine blasen allerdings in die gleiche Atmosphäre. Der zusätzliche Transport ist dann betreffend Umweltbelastung nur noch Beilage. Dem CO2 ist es gleichgültig, wo es in die Luft geblasen wird, es ist staatenlos, ausser in den nationalen Berechnungsmethoden. Das wurde unter anderem auch im Klimaabkommen von Paris so vereinbart. Emissionen sind am Ort der Produktion zu berechnen, nicht am Ort des Konsums.

Wenn wir es mit unserer Besorgnis um Klima und Umwelt wirklich ehrlich meinten, dürften wir ab morgen keine einzige energieintensive Produktionsanlage mehr auslagern. Dann hätten wir es selbst in der Hand und könnten sicherstellen, dass Produkte umwelt- und klimaschonend her­gestellt würden. Beim Importieren lassen wir den Dreck jetzt einfach an der Grenze zurück. Genau wie beim Kohlestrom, den wir importieren. Es geht nichts über eine saubere Schweiz.

Markus Häring ist Geologe und Vizepräsident des Carnot-Cournot-Netzwerks, ein Thinktank für Politberatung in Technik und Wirtschaft.

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