Bali wartet auf den grossen Knall

«400 Grad heisse Felsblöcke, gross wie Garagen, schiessen an den Hängen herunter»: Ein Geophysiker beschreibt, was beim Ausbruch des Vulkans Agung zu erwarten ist.

Ausbruch des Vulkans Mount Agung auf Bali am Montag, 27.11.

Ausbruch des Vulkans Mount Agung auf Bali am Montag, 27.11.

(Bild: Keystone Firdia Lisnawati)

Agung und Batur sind ungleiche Zwillinge. Beide befinden sich auf der indonesischen Insel Bali, beide sind Vulkane, und beide werden von derselben unterirdischen Magmaquelle gespeist. Und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Wenn Batur ausbricht, dann quellen heisse, aber dünnflüssige Lavaströme hervor, die vergleichsweise gemächlich an den Bergflanken herabfliessen. Nur wenig Material gelangt in höhere Luftschichten; herabfallende Gesteinsbrocken sind also selten.

Der etwa 3140 Meter hohe Agung hat ein ganz anderes Naturell: Seine Eruptionenen sind hoch explosiv. Er speit enorme Mengen glühendes Gestein aus, welches die Umgebung niederwalzt und erstickt. Indonesiens Behörden fürchten, ein solcher Ausbruch könne unmittelbar bevorstehen. Für den Agung wurde soeben die höchste Warnstufe 4 ausgegeben. Die Bevölkerung der Umgebung ist aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen.

Agung ähnelt dem Vesuv

Wenn Agung ausbricht, dann wälzen nicht nur glühende, fast flüssige Lavaströme an den Bergflanken hinunter, denen man im Ernstfall entkommen kann. Aus seinem etwa 200 Meter tiefen Krater schleudert der Vulkan mit extremer Gewalt Gestein in die Atmosphäre. Darunter ist vergleichsweise kaltes Material, das nach kurzer Zeit auf die Umgebung herabregnet. Aber auch glühend heisse Gesteinswolken speit der Berg aus, die kollabieren und buchstäblich an den Bergflanken hinunterrasen. Diese sogenannten pyroklastischen Ströme fegen alles in der Umgebung hinweg und bedecken das Land mit heisser Asche.

«400 Grad heisse Felsblöcke, gross wie Garagen, schiessen bei einem solchen Ausbruch mit 150 bis 200 Kilomentern pro Stunde an den Hängen herunter», beschreibt der Geophysiker Joachim Wassermann von der LMU München die Vorgänge beim Ausbruch eines solch explosiven Vulkans. «Da bleibt dann von der Umgebung nichts mehr übrig.»

In dieser Hinsicht ähnelt Agung eher dem Vesuv bei Neapel, der einst Pompei verschüttete, als Batur, seinem Zwillingsberg. In den 1960er-Jahren ist der Agung zuletzt ausgebrochen, damals starben mindestens 1200 Menschen. 2010 kam es auf der indonesischen Insel Java durch den Vulkan Merapi zu ähnlich gewaltsamen Eruptionen. Dank verbesserter Warnsysteme konnten die meisten Menschen rechtzeitig fliehen, es waren insgesamt 38 Todesopfer zu beklagen. Dass nun auch der Agung unter Beobachtung steht, zeige, dass die Seismologie vor Ort Fortschritte mache, sagt Joachim Wassermann.

Keine Gefahr für Touristen

Touristen können hingegen entspannt bleiben, meint der Physiker, der selbst lange Zeit die Vulkane in Indonesien erforscht hat. Denpasar und die anderen Urlaubszentren seien weit entfernt und ausserhalb der Reichweite des Vulkans. Trekkingtouren in dem landschaftlich reizvollen Gebiet seien natürlich nicht angeraten. Allerdings könne es ähnlich wie 2010, als auf Island der Eyjafjallajökull ausbrach, zu Einschränkungen im Flugverkehr kommen, falls grosse Mengen Vulkanasche in die Atmosphäre gelangen.

«Das Schlimmste wäre jetzt», sagt Wassermann, «wenn der Berg wieder einschläft, ein bisschen vor sich hin brodelt, die Anwohner der Umgebung wieder zurückkehren und es dann plötzlich knallt.» Dass die Menschen ungerne weggehen und sobald wie möglich an ihre Wohnorte zurück wollen, könne man ihnen nicht verdenken, viele Bauern betreiben Plantagen oder halten dort Tiere, die versorgt werden müssen.

Neben Japan ist Indonesien die geologisch aktivste Zone der Welt. Von den rund 550 als aktiv geltenden Vulkanen weltweit sind etwa 120 auf den Inseln Indonesiens zu finden. Mindestens 75 dieser Vulkane sind in den vergangenen 1000 Jahren ausgebrochen. 1815 zum Beispiel explodierte der Vulkan Tambora auf der östlich von Bali gelegenen Insel Sumbawa. Damals starben auf dem umgebenden Archipel um die 100'000 Menschen. 1883 tötete der Krakatau Zehntausende Menschen. Und 2004 kam es vor der Küste Indonesiens zu dem gewaltigen Seebeben, das einen Tsunami auslöste, der fast 300'000 Menschen getötet hat. Die hohe seismische Aktivität ist eine Folge davon, dass in der Region die Indisch-Australische Erdplatte auf die Eurasische Platte stösst. Entlang solcher tektonischer Grenzen kommt es üblicherweise zu heftigen Erdbeben wie auch verstärktem Vulkanismus.

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