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Anteilsscheine für Fischer schützen Fische

Wenn Fischer einen Anteil am Gesamtfang auf sicher haben, tragen sie den Fischbeständen mehr Sorge, findet eine Studie.

Ein amerikanischer Fischer watet durch seinen morgendlichen Fang.
Ein amerikanischer Fischer watet durch seinen morgendlichen Fang.
Keystone

Fischer an der amerikanischen und der kanadischen Westküste durchlebten Mitte der 1990er Jahre schwierige Zeiten. Die Populationen der Bodenfische waren eingebrochen. In den beiden Ländern mussten die Fischer härter und länger für immer weniger Lohn arbeiten. Viele Berufsfischer standen vor dem Aus. Inzwischen hat sich die Situation in Kanada stabilisiert, während die Fischer im Nordosten der USA noch immer ums Überleben kämpfen.

Es gibt verschiedene Gründe für die unterschiedliche Entwicklung in den beiden Ländern. Einer aber sticht hervor: 1997 änderte Kanada die gesetzlichen Grundlagen der Bodenfischerei an seiner Westküste. Die Fischer erhielten neu einen zugewiesenen Anteil an der zuvor festgelegten Gesamtfangquote. Als Folge davon erholten sich die Bestände und auch die lokale Fischereiindustrie.

Solche Anteilsscheine werden seit etwa 30 Jahren vergeben. In Neuseeland und Island werden praktisch die gesamten Bestände auf diese Art befischt. Auch Australien, Kanada, die USA, Chile, Norwegen und Dänemark haben entsprechende Fangregimes eingeführt. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn einzelne Fischer oder Kooperativen das Recht auf einen prozentualen Anteil der Gesamtfangquote bekommen und diese Anteilsscheine auch handelbar sind, gehen sie behutsamer mit den Fischbeständen um. So haben die Fischer ein finanzielles Interesse an langfristig gesunden Beständen.

Wettrennen mit Folgen

Dass gängige Methoden des Fischmanagements sogar Schaden anrichten können, zeigt exemplarisch die Heilbuttfischerei vor Alaska. Um die Buttbestände zu schonen, beschränkten die kanadischen Behörden 1980 die Fangsaison auf 65 Tage. Die Bestände wurden aber weiterhin überfischt. 1990 dauerte die Heilbuttsaison noch sechs Tage, 1991 zwei Tage.

Das fieberhafte Fischen während dieser beiden Tage hatte dramatische Folgen, wie David Festa von der amerikanischen NGO Environmental Defense Fund kürzlich im Magazin «Issues in Science and Technology» schrieb. Wegen der Heilbuttschwemme sei der Wert des Fisches eingebrochen. Und die übermüdeten Fischer hätten sich auf den überfüllten Booten unnötigen Gefahren ausgesetzt.

Mit dem System der Anteilsscheine kam 1995 die Wende in der Heilbuttfischerei vor Alaska. Die Fischer können neu während neun Monaten aufs Meer fahren, wobei sie ihre persönliche Fangquote nicht überschreiten dürfen. Insgesamt werde heute weniger Heilbutt an Land gebracht, als erlaubt wäre, so Festa. Es gebe auch 15 Prozent weniger tödliche Unfälle auf hoher See. Und weil die Fischer sorgfältiger arbeiten würden, sei der unerwünschte Beifang – Fische, die zurück ins Meer gekippt werden – geringer. «Fanganteile stärken das Bemühen der Fischer, der Ressource Fisch mehr Sorge zu tragen», ist Festa überzeugt.

Weltweit kommen die kommerziell befischten Bestände zusehends unter Druck oder sie sind bereits zusammengebrochen. Kanadische Experten kamen erst kürzlich zum Schluss, dass im Jahr 2048 die Bestände aller freilebenden Arten kollabiert sein werden. Auch wenn diese Prognose vielerorts kritisiert wurde, so macht sie doch eines deutlich: Es muss dringend etwas geschehen.

Um Fischbestände vor dem drohenden Kollaps zu schützen, legen Fischereibehörden bereits seit Jahrzehnten etwa die Gesamtfangquote und die Länge der Fangsaison fest. Oder sie definieren die Fangmethode und Maschengrösse der dabei verwendeten Netze. Genützt hat das freilich wenig, der Ausverkauf des Meeres geht unvermindert weiter.

Gut 11'000 Populationen

Handelbare Anteilsscheine für einzelne Fischer oder Kooperativen könnten diese Abwärtsspirale stoppen. Das jedenfalls schreiben amerikanische Experten in der heutigen Ausgabe des Fachmagazins «Science» (Bd. 321, S. 1678). Sie geben damit all jenen Recht, die vom Nutzen dieses alternativen Bewirtschaftungssystems überzeugt sind.

In der vorliegenden Studie haben Christopher Costello von der University of California in Santa Barbara und seine Kollegen Fangstatistiken von 1950 bis 2003 von über 11'000 Fischpopulationen untersucht.

Insgesamt 121 dieser Populationen wurden von Fischern mit Anteilsscheinen bewirtschaftet. Was offensichtlich einen positiven Effekt hatte: Während bei den herkömmlich bewirtschafteten Beständen rund 27 Prozent eingebrochen waren, verzeichneten die mit Anteilsscheinen bewirtschafteten Fischbestände nur einen halb so grossen Verlust.

Unter den gängigen Schutzbestimmungen käme es zu einem eigentlichen Wettrennen um den Fisch, erklärt der Ökonom Costello. «Mit Anteilsscheinen haben Fischer hingegen einen Anreiz, die Bestände längerfristig zu schützen. Wir haben das überall auf der Welt gesehen. Es entspricht der menschlichen Natur.»

Joachim Gröger vom deutschen Institut für Seefischerei in Hamburg findet die amerikanische Studie durchaus interessant. «Wir suchen ebenfalls laufend nach neuen Wegen, wie man die Nachhaltigkeit in der Fischerei erhöhen könnte», sagt er. Ob die neue Studie allgemein gültige Schlüsse über den Nutzen von handelbaren Anteilsscheinen zulasse, sei dagegen fraglich, so Gröger.

Regionale Verhältnisse beachten

Eine nachhaltige Fischerei hänge von verschiedenen Faktoren ab, erklärt Gröger. Regional unterschiedliche biologische, ökonomische und politische Konstellationen würden alle den Erfolg oder den Misserfolg von handelbaren Anteilsscheinen mitbestimmen, erklärt der Fischereiexperte. Deshalb sollte man die regionalen Verhältnisse im Detail betrachten und sich keinesfalls auf globale Fangstatistiken alleine verlassen. Handelbare Anteilsscheine hätten auch mehrheitlich Länder eingeführt, die ihre Fischbestände selber verwalten würden, gibt Gröger zu Bedenken. «Das rein nationale Bewirtschaften von Beständen ist immer einfacher als mittels internationalen Vereinbarungen, wie es sie in der EU gibt. Das könnte das Resultat zusätzlich in positiver Weise verfälschen», sagt der deutsche Experte.

Falls sich aber herausstellen sollte, dass solche Anteilsscheine tatsächlich die Fischbestände längerfristig retten könnten, müsste auch die EU an deren strikte Einführung denken, meint Gröger. «Wobei das sicherlich ein langwieriger politischer Prozess wäre.»

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