Krieg gegen die Klimaerwärmung

Die Klimaerwärmung ist zur grössten Herausforderung für die Menschheit geworden. Sie könnte auch zur Chance gegen eine sich abzeichnende Massenarbeitslosigkeit werden.

Gemeinsam gegen die Klimaerwärmung: Greenpeace-Aktivisten am letzten Klimagipfel in Cancún.

Gemeinsam gegen die Klimaerwärmung: Greenpeace-Aktivisten am letzten Klimagipfel in Cancún.

(Bild: Keystone)

Philipp Löpfe

Der Zeitgeist, der derzeit vor allem im Westen weht, ist alles andere als optimistisch: Wirtschaftskrise, Staatsschulden und Massenarbeitslosigkeit beherrschen die Schlagzeilen, Lösungen sind Mangelware. Es herrscht eine Endzeitstimmung, die an die Ära vor den beiden Weltkriegen erinnert. Krieg ist keine Option mehr. Was wir aber bräuchten, ist eine Nachkriegszeit ohne Krieg, denn offenbar ist der Mensch nur in Notsituationen bereit, seinen Egoismus und seine Trägheit zu überwinden.

Die Klimaerwärmung bietet sich für einen solchen «Krieg, der kein richtiger Krieg ist» geradezu an. Sie ist zur grössten Herausforderung und Bedrohung für die Menschheit geworden. Dazu braucht man keine komplexen Modelle zu analysieren, sondern bloss gesunden Verstand walten zu lassen. «In der Schweiz verbrauchen wir Ressourcen, die ungefähr der vierfachen Grösse unseres Landes entsprechen, um unseren Lebensstandard zu halten», sagt der ETH-Professor Mathis Wackernagel in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Er bestätigt die düstere Prognose des soeben veröffentlichten Berichts des Club of Rome, der einen weltweiten Kampf um Ressourcen, drastische Klimaveränderungen und soziale Unrast prophezeit.

Auch konservative Republikaner warnten früh vor Klimakatastrophe

Der Club of Rome und die Warner vor einer Klimakatastrophe werden gerne als linksgrüne Aktivisten abgetan. Das ist ein Irrtum. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die US-Navy bei der Erforschung des Klimawandels führend. Charles David Keeling, dem als Erster der wissenschaftliche Nachweis gelang, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zunimmt, war bis zu seinem Tod ein stockkonservativer Republikaner. Auch Daniel Yergin, heute einer der renommiertesten Öl-Experten, kommt in seinem neuesten Buch «The Quest» zu einem Schluss, den man etwas salopp wie folgt zusammenfassen kann: Wir haben nicht zu wenig Öl, aber wir verbrennen viel zu viel davon. Yergin war lange Professor in Harvard und hat mit «The Commanding Heights» ein Loblied auf den Neoliberalismus von Thatcher/Reagan verfasst.

In der «New York Times» warnt James Hansen, Direktor für Space Studies bei der Nasa – auch nicht gerade eine linksgrüne Hochburg –, vor den Folgen des Klimawandels. Sein Befund ist glasklar: «Klimaerwärmung ist keine Prophezeiung. Sie passiert», stellt er fest. Die extremen Summer der letzten Jahre waren kein Zufall. «Wir können mit grosser Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Hitzewellen in Texas und Russland, und die Rekordhitze in Europa im Jahr 2003, die Zehntausende von Opfern gefordert hat, keine natürlichen Ereignisse waren – sie waren das Resultat von menschlich verursachter Klimaerwärmung.»

Hansen erwartet kurzfristig gewaltige ökologische und wirtschaftliche Schäden. Dazu gehören extreme Wetter wie Trockenheit oder Überflutungen, die derzeit noch fruchtbare Gebiete in Wüsten verwandeln. Langfristig werden – sollte die Entwicklung so weitergehen – steigende Meeresspiegel Küstenstädte im grossen Stil zerstören. «20 bis 50 Prozent aller Arten auf dem Planeten werden aussterben. Die Zivilisation ist bedroht», stellt Hansen fest, und fügt trocken hinzu: «Wenn das apokalyptisch tönt, dann deshalb, weil es apokalyptisch ist.»

Fehlender Gemeinschaftssinn

Für Paul Gilding, australischer Umweltaktivist und Autor eines Bestsellers mit dem Titel «The Great Disruption», stellt die Klimaerwärmung auch eine grosse Chance für die Menschheit dar. «Wir müssen unsere Gesellschaft ökologisch umbauen», sagt er. «Dazu sind Aufwendungen nötig, wie wir sie im Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Das ist machbar. Beides, die technischen Voraussetzungen und das Kapital, sind vorhanden. Wir brauchen einen ‹Krieg gegen die Klimakatastrophe›, denn nur in einem kriegsähnlichen Zustand entwickeln die Menschen genügend Gemeinschaftssinn.»

Die Menschheit verfügt heute über die Technologie, die es möglich macht, einen Krieg gegen die Klimaerwärmung erfolgreich zu führen. Was bisher noch fehlt, ist der politische Wille dazu, und der Gemeinschaftssinn.

baz.ch/Newsnet

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