Es fehlt nicht viel, und es wird extrem heisser

Neue Klimamodelle der ETH Zürich zeigen, dass bereits die aktuelle Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit für Hitzeextreme deutlich erhöht hat.

  • loading indicator
Martin Läubli@tagesanzeiger

Die Versicherungen mussten auch im vergangenen Jahr tief in die Taschen greifen. Schwere Gewitterstürme fegten über Europa und die USA. Amerikaner und Japaner litten unter einem harten Winter. Allein die daraus entstandenen Schäden schlugen mit gegen 35 Milliarden Dollar zu Buche. Global beträgt die Schadensumme 110 Milliarden. «Die Verluste durch schwere Stürme haben zugenommen, es braucht mehr Instrumente, um die Risiken einschätzen zu können», schreibt der Schweizer Rückversicherer Swiss Re im neuen Katastrophenbericht.

Die Schäden haben weltweit nicht nur zugenommen, weil die Siedlungen immer grösser und deren Infrastruktur teurer werden. In den letzten 50 Jahren gibt es auch messbar mehr und intensivere Hitzeextreme. Zudem steigt die Zahl an Starkniederschlägen vielerorts.

Wie stark ist diese Entwicklung auf die Erderwärmung zurückzuführen? Die Welt wird wärmer. Deutliche Anzeichen dafür sind die ansteigende globale Durchschnittstemperatur, das ungewöhnlich stark schmelzende arktische Eis und die Erhöhung des Meeresspiegels. Darin sind sich die meisten Klimaforscher einig. Aber wie steht es mit extremen Ereignissen wie zum Beispiel dem europäischen Jahrhundertsommer 2003, dem Hochwasser in Bangladesh und der australischen Dürre im vergangen Jahr? Oder mit der aktuellen extremen Trockenheit in Kalifornien? «Einzelne extreme Ereignisse können zufällig entstehen, ohne menschlichen Einfluss», sagt Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich. Lokale Änderungen der Häufigkeit von extremen Wetterereignissen lassen sich statistisch kaum erkennen, weil diese sehr selten sind.

Starker Wärmeeffekt

Interessant wird es aber, wenn Hitzetage- und Starkniederschläge global untersucht werden. Da gibt es genügend Daten, um zu errechnen, wie gross der Einfluss des Menschen ist, der durch die Emissionen von Treibhausgasen die Erdoberfläche erwärmt. Das haben Reto Knutti und sein Kollege Erich Fischer gemacht und dabei modellhaft die Welt um 2 und 3 Grad Celsius erwärmt. Die Resultate sind bemerkenswert: Die beobachtete globale Erderwärmung von 0,85 Grad seit der vorindustriellen Zeit macht sich bereits in der Häufigkeit von Hitzeereignissen bemerkbar, die Wahrscheinlichkeit moderater extremer Hitzetage – einmal in drei Jahren – ist fünf-mal höher. Das heisst auch, dass nahezu 75 Prozent auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen sind, wie die ETH-Forscher im gestern veröffentlichten «Nature Climate Change» zeigen.

Erwärmt sich die Welt um 2 Grad, so verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit für extrem heisse Tage im Vergleich zu einer Temperaturzunahme um 1,5 Grad. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nimmt die Wahrscheinlichkeit sogar um das Fünffache zu. Das heisst: Schon bei einer Erwärmung um wenige Zehntel Grad kann sich in der statistischen Berechnung die Häufigkeit von extremen Ereignissen erhöhen. Der menschliche Einfluss ist bei Extremereignissen grösser als bei normalen. Interessant ist weiter, dass mit der Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit längerer Hitze- oder Niederschlagsperioden schneller ansteigt. «Dass ein Sommer während dreier Monate heiss ist wie 2003, kommt durch natürliche Umstände praktisch nie vor, da kann nur die Erwärmung durch den Menschen eine Rolle spielen», sagt der Zürcher Klimaforscher Reto Knutti.

Tropen reagieren schneller

Was für Hitzetage gilt, gilt auch für Stark­niederschläge, wenn auch nicht so ausgeprägt. Die Modelle zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit moderater Starkniederschläge bei einer Erderwärmung um 2 Grad in Nordeuropa und Nordamerika um mehr als den Faktor 2 ansteigt. «Pro Grad Erwärmung nimmt der Wassergehalt in der Luft um 7 Prozent zu, damit sind auch stärkere Niederschläge zu erwarten», sagt Knutti. Was die Forscher herausfanden, gilt aber nicht einheitlich für den ganzen Globus. Die Veränderungen in den Wahrscheinlichkeiten sind je nach Klimazonen unterschiedlich. Zum Beispiel ist der Erwärmungseffekt in den Tropen viel stärker als etwa in Europa oder Nordamerika. Der Grund: Die natürlichen Schwankungen von Jahr zu Jahr sind in dieser Klimazone deutlich geringer als im Norden.

Die ETH-Forscher verwenden für ihre Modellierungen die gesamte Palette der aktuellen Klimamodelle. Die Resultate haben denn auch eine entsprechende Bandbreite. Der Anstieg der Wahrscheinlichkeiten ist je nach Modell unterschiedlich – der Trend ist aber durchgehend zunehmend. «Die Modelle bilden die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte erstaunlich gut ab», sagt Knutti.

Für die beiden ETH-Forscher sind die neuen Kalkulationen ein wichtiges Instrument, um das Risiko des Klimawandels für die nächsten Jahre abzuschätzen. Für die Versicherungen, aber auch bei die anstehenden politischen Verhandlungen sei es relevant, zu wissen, wie schnell die Wahrscheinlichkeit für extreme Wetterereignisse anwachse, sagt ETH-Forscher Knutti. Einmal mehr zeigt sich: Die grössten Leidtragenden sind die Ärmsten. Bei einer Erwärmung um 3 Grad würde in den Tropen die Wahrscheinlichkeit für extreme Hitzetage bis zu einem Faktor 50 zunehmen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt