Ein Indiz mehr für den Klimawandel

Die momentan herrschende Hitze wird als Extremereignis angesehen. Sie gilt als weiterer Hinweis auf den durch den Menschen verursachten Klimawandel.

Martin Läubli@tagesanzeiger

Der Jurist würde von Indizien sprechen, nicht von Beweisen. Auch für Klimaforscher gibt es noch keinen direkten Zusammenhang der zwei globalen Klimabestwerte mit dem durch den Menschen verursachten Klimawandel. Die amerikanische Bundesbehörde für Ozean- und Atmosphärenforschung NOAA meldet, dass der Juni noch nie so warm gewesen sei seit Beginn der globalen Messungen vor 136 Jahren. Das gilt auch für die durchschnittliche Temperatur für das erste Halbjahr. In der Schweiz war es der viertwärmste Juni seit Messbeginn 1864. Es war 1,8 Grad wärmer als der langjährige Durchschnitt. Wenn es so heiss bleibt wie bisher, wird der Monat Juli gemäss Meteo Schweiz als Rekordmonat in die Annalen der Schweizer Klimageschichte der letzten 150 Jahr eingehen. Einen Rekord gibt es bereits in Lugano: Noch nie wurden im Juli 17 tropische Nächte gezählt. Das heisst, in der Nacht sank die Temperatur nicht unter 20 Grad.

Auch wenn die Hitzeentwicklung in diesem Jahr unter dem Kapitel Extremereignisse einzuordnen ist, die Indizienkette für den durch den Menschen gemachten Klimawandel wird immer länger. Die aussergewöhnliche Hitze in Europa, in Teilen Asiens, Australiens und Südamerikas kann zwar zufällig entstanden sein, sie kann eine Laune der Natur sein, wie das üblich ist bei einem chaotischen System wie dem Wetter. In diese Kategorie gehören auch der europäische Jahrhundertsommer 2003, das Hochwasser in Bangladesh und die australische Dürre im letzten Jahr. Oder die extreme Trockenheit in Kalifornien. Seltene lokale und regionale Extremereignisse lassen sich in der Statistik noch kaum erkennen. Dafür sind die Datenreihen zu kurz.

Trotzdem sollten uns die Ereignisse der letzten Jahre eine Warnung sein. Denn im globalen Massstab gibt es inzwischen genügend Daten, um ein Muster zu erkennen, wie ETH-Forscher erst kürzlich aufzeigten. Das Risiko für Hitzeereignisse ist bereits bei der aktuell beobachteten Erderwärmung um 0,85 Grad seit der vorindustriellen Zeit grösser geworden. Nach den Modellen der Klimaforscher ist die Wahrscheinlichkeit moderater extremer Hitzetage – einmal in drei Jahren – fünfmal höher. Die Wissenschaftler schätzen, dass 75 Prozent auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen sind. Bemerkenswert ist, dass mit der Erderwärmung die Wahrscheinlichkeit längerer Hitze- oder Niederschlagsperioden schneller ansteigt.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Modelle nie die natürlichen Entwicklungen exakt abbilden können. Doch Studien zeigen, dass im Durchschnitt alle aktuellen Klimamodelle den beobachteten zunehmenden Trend der Temperaturentwicklung der letzten Jahrzehnte gut aufzeigen.

Hitzeperioden, wie wir sie derzeit erleben, entstehen vielfach durch stabile Hochdruckgebiete, welche die typische Westströmung im Nordatlantik in mehrere Kilometer Höhe ablenken. So gelangt keine feuchte Luft in die hitzegeplagten Regionen. Ob durch den Klimawandel die Häufigkeit solcher «Blocking»-Wetterlagen ansteigt, ist allerdings nach wie vor unsicher.

Sicher ist aber: Die Gletscher leiden unter der Erderwärmung, die Arktis schmilzt ungewöhnlich stark, und der Meeresspiegel steigt. Und logisch ist: Wenn sich die durchschnittliche globale Temperatur erhöht, dann steigt grundsätzlich auch die Wahrscheinlichkeit für heissere Perioden.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt