Die Insel der glücklichen Bienen

Auf der kanadischen Insel Neufundland gibt es keine Bienenseuchen. Forschungsarbeiten in der Schweiz sollen die Grundlagen dafür liefern, dass das auch so bleibt.

Honigbienen bei der Rückkehr in den Bienenstock: In den USA und auch in der Schweiz werden sie durch Krankheiten und Parasiten dezimiert.

Honigbienen bei der Rückkehr in den Bienenstock: In den USA und auch in der Schweiz werden sie durch Krankheiten und Parasiten dezimiert.

(Bild: Keystone)

Der kanadische Bienenexperte Geoffrey Williams weiss, was ein Bienenwunderland ist: Dort sind die Honigbienen friedlich, leben ohne Stress, stechen fast nie und werden auch nicht krank – anders als fast überall auf der Welt. Dieser paradiesische Zustand herrscht auf der Insel Neufundland im Osten Kanadas. So soll es auch weiterhin bleiben, und deshalb ist Williams in die Schweiz gereist. In Liebefeld bei Bern studiert er im Schweizerischen Bienenforschungszentrum der landwirtschaftlichen Forschungsorganisation Agroscope die Gefahren und Krankheiten, denen Bienen ausgesetzt sind und die nie nach Neufundland gelangen dürfen.

Die Schweizer und die Neufundländer Bienen gehören der gleichen Gattung der Europäischen Honigbiene (Apis mellifera) an. Sie haben eine weitere Gemeinsamkeit: Die Schweizer Bienen sind ebenso freundlich wie ihre Artgenossen in Neufundland. «Ich bin jetzt drei Monate hier und noch nie gestochen worden», sagt der 28-jährige Williams, der vier Jahre lang an der Dalhousie-Universität in der kanadischen Provinz Nova Scotia forschte. Ganz anders waren seine Erfahrungen im US-Bundesstaaat Arizona: Innert 20 Minuten stachen ihn dort an die 50 Killerbienen. In den USA ist die Bienenwelt in Aufruhr: Im vergangenen Winter ist rund ein Drittel der Bienen durch Parasiten, Viren und andere Krankheiten eingegangen. Einer der Parasiten ist der kleine Bienenstockkäfer, dessen Larven sich durch die Waben fressen und sie beschädigen. Der ausgewachsene Schädling imitiert eine Biene und bringt andere Bienen dazu, ihn mit Honig zu füttern. In Kanada ist der Käfer erst in einem winzigen Gebiet entdeckt worden. Die Insel Neufundland dagegen ist, wie die Schweiz, bislang vom Bienenstockkäfer verschont geblieben.

Varroa-Milbe bringt Bienen den Tod

Im Gegensatz zu Neufundland gibt es in der Schweiz aber den bekanntesten Feind der Biene, die Varroa-Milbe, lateinisch Varroa destructor («zerstörerische Milbe»). «Dass diese Milbe in Neufundland nicht auftaucht, ist einzigartig», sagt Geoffrey Williams. «Das hat zwei Gründe: Neufundland ist geografisch ziemlich abgelegen, und es gibt ganz strenge Vorschriften für den Import von Bienen und deren Quarantäne.» In der Schweiz findet man auch den Parasiten Nosema ceranae, der den Magen der Bienen attackiert und zu Durchfall und Tod führt. In Spanien wurden wegen dieses Parasiten viele Bienenvölker zerstört. In den USA wird die sogenannte Kolonienkollaps-Krankheit seit kurzem damit in Verbindung gebracht. Auch wenn die gefährlichsten Feinde der Bienen dort nicht vorkommen, müssen die Imker in Neufundland wachsam bleiben. Die kanadischen Bienenforscher müssen ihre Feinde kennen, ehe sie Schaden anrichten. In Liebefeld erforscht Geoffrey Williams, vor welchen Parasiten sich Neufundland besonders hüten muss. Seine Erkenntnisse teilt er den kanadischen Bienenzüchtern mit.

Profitieren können auch die Schweizer Imker: Der Kanadier untersucht hier Bienen nach Parasiten. Er erforscht zudem die Interaktion von Pestiziden und Parasiten und die Wirkung auf Schweizer Bienen: Wie viele Chemikalien vertragen sie und in welchen Kombinationen? Williams arbeitet an einem Forschungsprojekt mit, das von der Schweizer Ricola-Stiftung gesponsort wird. Daneben untersucht er im Rahmen des Projekts «Coloss» der Europäischen Union, wie man den Verlust von Bienenkolonien begrenzen kann.

Gifteinsatz ist unnötig

Da in Neufundland keine Bienenkrankheiten mit Chemikalien bekämpft werden müssen, sind die Bienen giftfrei. Da liegt die Frage nahe, ob die Schweiz nicht einige von Neufundlands gesunden Bienenvölkern importieren könnte. Das sei grundsätzlich möglich, sagt Williams, denn die Bienen in Neufundland würden keine Parasiten aufweisen, die von der Europäischen Union verboten seien. Aber eigentlich findet er, die Einfuhr von Bienen aus dem Ausland sollte nicht die erste Wahl sein. «Die Schweiz sollte nicht darauf angewiesen sein, Bienen einzuführen, um die einheimische Population aufrechtzuerhalten», sagt Williams. Wenn man die Tiere von einem Land zum anderen verschiebe, gehe man immer ein Risiko ein. Auf diese Weise hätten sich oft Krankheiten verbreitet.

Honigsammeln ohne Stress

Noch etwas verbindet die Schweizer und Neufundländer Bienen. Sie sind relativ wenig gestresst, weil sie vor allem für die Honigproduktion und weniger für die Befruchtung von Feldern eingesetzt und deshalb von Ort zu Ort transportiert werden. Wie für die Schweizer Imker ist die Bienenzucht für die Neufundländer mehr ein Hobby, das man aus Liebe zu den Bienen pflegt.

Hier wie dort haben die Imker im Durchschnitt nur einige wenige Kolonien – ganz anders als etwa in den USA. In Neufundland, wo es lediglich fünf Züchter und etwa 150 Bienenvölker gibt, ist die Honigherstellung eine vernachlässigbare Branche. Aber das könnte sich ändern, wenn Neufundland weltweit einer der wenigen Orte würde, der biologischen Honig ohne Chemikalien anbieten könnte.

Tages-Anzeiger

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