Das Klima schreibt Kulturgeschichte

Exklusiv

Extreme Klimaschwankungen passen auffällig zu gesellschaftlichen Veränderungen wie der Völkerwanderung und begünstigten Epidemien wie die Pest.

Wird Eyjafjallajökull kulturhistorische Auswirkungen haben? Die Zukunft wird es zeigen.

Wird Eyjafjallajökull kulturhistorische Auswirkungen haben? Die Zukunft wird es zeigen.

(Bild: Keystone)

Martin Läubli@tagesanzeiger

Als im April letzten Jahres der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull den Flugverkehr in Europa lahmlegte, war in einer Randnotiz zu lesen: Eruptionen auf Island zwischen 1783 und 1785 hätten kulturhistorische Bedeutung gehabt. Sie brachten kalte Sommer, Missernten und Hungersnöte. Umwelthistoriker würden sogar vermuten, die Vulkanausbrüche seien mitverantwortlich gewesen, dass 1789 das französische Volk revoltierte.

Dass solche kausale Verknüpfungen nicht abwegig sind, zeigt die Geschichte des europäischen Sommerklimas der letzten 2500 Jahre, die heute im Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentlicht wird. Erstmals hat ein internationales Forscherteam den Verlauf von Niederschlag und Temperatur in Zentraleuropa lückenlos über einen solch langen Zeitraum rekonstruiert. Die Wissenschaftler griffen dabei auf das Klimaarchiv von Eichen, Kiefern und Lärchen zurück. Es sei das erste Mal, dass mithilfe von Baumjahrringen die Klimageschichte, also Sommerniederschlag und -temperatur für weite Teile Europas, bis zur späten Eisenzeit zurückverfolgt worden sei, sagt Projektleiter Ulf Büntgen von der Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf und vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern.

Kälte und Völkerwanderung

Bereits früher dokumentierten Daten von Eisbohrkernen, See- und Meeressedimenten, Baumjahrringen, Korallen und historischen Dokumenten einen möglichen kulturhistorischen Zusammenhang. Die neue Klimareihe bestätigt und verdeutlicht dies mit verblüffenden Analogien. Für den Geografen Ulf Büntgen beginnt die spannendste Phase etwa um 250 n. Chr. «Da gab es extrem grosse Schwankungen im Klimasystem.» Die Sommer wechselten teilweise im Jahresrhythmus zwischen nass und trocken. In den folgenden Jahrhunderten kühlte es generell im Vergleich zu heute im Durchschnitt um 1 bis 2 Grad ab.

Der Beginn dieser Klimaveränderungen fiel zeitlich mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches zusammen: Es gab politische und wirtschaftliche Krisen während einer längeren Trockenperiode, Barbaren drangen ins Reich ein, in verschiedenen römischen Provinzen brach die Wirtschaft zusammen.

Gutes Klima begünstigt Wirtschaft

Gut drei Jahrhunderte lang (250 bis 550 n. Chr.) war das Klima unstet, die Niederschläge waren im 5. Jahrhundert unterdurchschnittlich, und sie sanken in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts noch weiter. Die schnellen Klimawechsel verbunden mit Epidemien zerstörten in dieser Periode regelmässig die Ernten. Es war die Zeit der grossen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, welche die grosse germanische Völkerwanderung auslösten.

Ab dem 7. Jahrhundert wurde das Klima für etwa 300 Jahre wieder ausgeglichener, die Temperaturen stiegen, die Niederschlagsschwankungen waren moderat. In dieser Zeit habe sich die Gesellschaft in neuen Königreichen auf dem ehemaligen Gebiet des Weströmischen Reiches wieder konsolidiert, schreiben die Wissenschaftler. Nordische Seefahrer gründeten Siedlungen auf Südgrönland. Die milden und feuchten Sommer verlaufen parallel zum schnellen kulturellen und wirtschaftlichen Wachstum des europäischen Mittelalters.

Dürren, Frost, Waldbrände

Klima- und Kulturgeschichte lassen sich bis in die jüngere Vergangenheit verfolgen. Ungewöhnliche klimatische Bedingungen haben wohl auch bei der Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts eine Rolle gespielt. Damals wurde vermutlich die Hälfte der mitteleuropäischen Bevölkerung dahingerafft. «Die feuchten Verhältnisse haben vermutlich die Ausbreitung begünstigt», sagt Ulf Büntgen. 500 Jahre später war wahrscheinlich eine überdurchschnittliche Kälte für die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert von Europa nach Amerika mitverantwortlich.

Für die Wissenschaftler ist die europäische Klimageschichte auch ein Fingerzeig für die Zukunft. Die klimatische Entwicklung während der Völkerwanderung ist ihrer Ansicht nach durchaus vergleichbar mit den Zukunftsprojektionen der Klimaforscher für dieses Jahrhundert. Starke Klimaschwankungen sind mit grosser Wahrscheinlichkeit zu erwarten, falls sich die Erwärmung der Erde in den nächsten Jahrzehnten weiter fortsetzt und die kritische Grenze von 2 Grad übertrifft.

Veränderte Bedingungen

Um die Folgen abzuschätzen, dafür braucht man nicht nur in die Vergangenheit zu blicken. Der Jahrhundertsommer 2003 in Europa hat deutlich die Verletzlichkeit der heutigen Gesellschaft aufgezeigt. Der Ernteverlust aufgrund der Trockenheit war vielerorts durch die Trockenheit gross. Und Klimaforscher warnten, dass sich solche Klimastörungen durch die Erderwärmung häufen könnten. Zwar relativiert Ulf Büntgen: «Die Klimaveränderungen begünstigten vermutlich vielfach den Kulturwandel, aber man muss das immer im politischen und sozialen Kontext der Zeit sehen.» Auch seien frühere Gesellschaftssysteme anfälliger auf Hungersnöte und Krankheiten gewesen, die durch Dürren, Überschwemmungen, Frost oder Waldbrände ausgelöst worden seien.

Anderseits fragen sich die Autoren der Studie, ob Bewegungen im Ausmass der Völkerwanderung vor mehr als 1500 Jahren heute und in Zukunft noch möglich sind. Es werde schwierig sein, in der zunehmend überbevölkerten Welt klimatisch günstigere und sozial lebenswerte Lebensräume zu finden. «Unsere Daten zeigen jedenfalls, dass Klimaveränderungen durchaus den Wandel von Zivilisationen beeinflussen können», sagt Büntgen. Denn noch immer sei in der Wissenschaft der Glaube verbreitet, Zivilisationen würden sich unabhängigvon Umweltveränderungen entwickeln.

Tages-Anzeiger

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