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Wie ein Stück unbeseeltes Fleisch

Manche Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als behindert zu sein. Die Störung spricht weder auf Medikamente noch Therapie an. Ein Zürcher Neuropsychologe hat das Phänomen erforscht.

Manche Xenomeliker setzen sich in den Rollstuhl, um sich Erleichterung zu verschaffen.
Manche Xenomeliker setzen sich in den Rollstuhl, um sich Erleichterung zu verschaffen.
Keystone

Die meisten Menschen fürchten sich vor Behinderungen, weil sie glauben, eine solche würde ihr Leben zerstören. Es gibt aber eine kleine Gruppe von Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als das. Diese medizinische Skurrilität heisst in der Fachsprache Xenomelie oder auch Fremdgliedrigkeit und ist eine besondere Form von Körperwahrnehmungsstörung. Xenomeliker sind vom intensiven Wunsch beseelt, behindert zu sein. Dies, weil sie bestimmte Körperteile als unbeseelten Klumpen Fleisch empfinden, als Glied, das nicht zu ihnen gehört. Erst wenn sie das ungeliebte Körperteil losgeworden sind, fühlen sie sich vollständig. Weil es Ärzten in Europa aber verboten ist, gesunde Körperteile zu amputieren, gibt es hier keine medizinische Lösung für ihr Begehren. Darüber berichtet die «Aargauer Zeitung» von heute (Artikel online nicht erhältlich).

Wenig Verständnis aus dem Umfeld

Was aber steht hinter dieser seltsamen Krankheit, von der weltweit nur knapp über tausend Personen betroffen sind? Weil sich kaum repräsentative Daten erheben lassen, sei diese Frage schwierig zu beantworten, sagt Neuropsychologe Peter Brugger vom Universitätsspital Zürich im Bericht. Er gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die dazu forschen und hat Ende letzten Jahres eine viel beachtete Studie dazu veröffentlicht. Untersuchungen zeigen, dass die Störung im Zusammenhang mit spezifischen Veränderungen im Gehirn steht. Dabei ist das Kommunikationsnetzwerk gewisser Hirnteile, welche für das Körperempfinden zuständig sind, gestört. Dies führt dazu, dass der Patient ein Körperteil als nicht zugehörig empfindet. Analog dazu sind bei allen Patienten auch im Gehirnareal, das die Körperoberfläche sozusagen abbildet, Veränderungen auszumachen. Damit ist dieses Leiden so etwas wie das Gegenstück zu den bekannten Phantomschmerzen, bei denen jemand Körperteile spürt, obschon sie nicht mehr vorhanden sind.

Der Wunsch, behindert zu sein, ist bei Xenomelikern so stark, dass viele Betroffene sich Erleichterung verschaffen, indem sie so tun als ob. Sie setzen sich in einen Rollstuhl oder sie binden sich ein Bein unter dem Mantel hoch, um sich wie ein Behinderter bewegen zu müssen. Dies tun sie aber meistens heimlich, weil das Umfeld nichts von dem Wunsch weiss und im Normalfall auch nicht besonders verständnisvoll darauf reagiert.

Historisch belegt

Die Störung ist jedoch auch historisch belegt. Ein französischer Chirurg berichtete bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts davon, dass er von einem Patienten mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen worden sei, ein völlig gesundes Bein zu amputieren. Nach erfolgtem Eingriff habe der Patient ihn mit reichlich Dank und Geld belohnt, so berichtete der Arzt.

Da so wenige Menschen von dieser skurrilen Krankheit betroffen sind, gibt es kaum genug Daten, um statistisch auszuwerten, was überhaupt dahinterstecken könnte. Sicher ist, dass mehrheitlich akademisch gebildete Menschen und mehr Männer als Frauen betroffen sind. Ob aber eine Veränderung des Gehirns die Körperwahrnehmungsstörung auslöst oder ob die Wahrnehmungsstörung und der Wunsch, ein ungeliebtes Körperteil loszuwerden, zu den Veränderungen im Gehirn führt, lässt sich laut Brugger nicht feststellen.

Behandlungen mit Psychopharmaka oder Psychotherapien würden kaum je Wirkung zeigen, sagt Brugger gegenüber der «Aargauer Zeitung». Betroffene wünschen sich vor allem eine Amputation und sind nach dem Eingriff glückliche Behinderte. Deshalb sei es wohl sinnvoll, Xenomelie-Patienten den Wunsch einfach zu erfüllen.

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