Gefährliche Virus-Studie bleibt vorerst geheim

Forscher haben hochansteckende Varianten des Vogelgrippe-Erregers H5N1 hergestellt. Nun wurde entschieden: Aus Angst vor Bioterrorismus sollen die Studien erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden.

Gefürchtetes Virus: Dänische Forscher untersuchen einen toten Vogel auf H5N1 im Februar 2006.

Gefürchtetes Virus: Dänische Forscher untersuchen einen toten Vogel auf H5N1 im Februar 2006.

(Bild: Dirk-Jan Visser (The New York Times))

Barbara Reye@tagesanzeiger

Dürfen Forscher im Labor hochansteckende Vogelgrippeviren herstellen, die für den Menschen lebensgefährlich sind? Und dürfen sie die Bauanleitung dazu auch noch mit allen Details in Fachzeitschriften veröffentlichen? Oder ist die Gefahr zu gross, dass Terroristen diese Informationen für Biowaffen missbrauchen könnten?

«Wir hatten eigentlich geplant, die Studie Mitte März in einer gekürzten, redigierten Version zu publizieren», sagte Bruce Alberts, Chefredaktor der Fachzeitschrift «Science» auf der Jahrestagung der amerikanischen Wissenschaftsvereinigung (AAAS) in Vancouver. Dies habe er mit dem Chefredakteur von «Nature» so abgesprochen, wo ähnliche Resultate publiziert werden sollen. Doch nun, so Alberts, sehe die Situation aufgrund einer offiziellen Stellungnahme der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zu diesem Thema anders aus, und er werde warten, bis es an der Zeit sei, die vollständige Studie zu veröffentlichen.

Im Labor gezüchtet

Im letzten Jahr war es dem Virologen Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam gelungen, mit nur wenigen Manipulationen am Erbgut des Vogelgrippevirus H5N1 letztlich einen riskanten, hochansteckenden «Supervirus» heranzuzüchten (siehe Kasten). Dieser war danach in der Lage, gesunde Frettchen in anderen Käfigen allein über Tröpfcheninfektion in der Luft zu infizieren. Brisant daran ist, dass das Immunsystem der Frettchen, zumindest was Influenzaviren betrifft, den Menschen sehr ähnlich ist.

Unabhängig davon hatte fast zeitgleich der Wissenschaftler Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin-Madison (USA) es geschafft, das Vogelgrippevirus für den Menschen potenziell gefährlich zu machen. Ziel der beiden Forscher ist es, besser zu verstehen, wie der Erreger der Vogelgrippe H5N1 sich verändern und dadurch auch für den Menschen zu einer tödlichen Waffe werden könnte.

Moratorium beschlossen

Weltweit ist vor allem Geflügel von der Seuche mit dem natürlich vorkommenden H5N1-Virus betroffen, mehr als 100 Millionen Vögel infizierten sich. Beim Menschen wurden dagegen nur wenige Hundert Fälle bestätigt. Laut der Statistik der WHO erkrankten rund um den Globus von 2003 bis heute nachweislich 584 Menschen, von denen insgesamt 345 starben – also weitaus mehr als die Hälfte aller Patienten.

Seit mehreren Monaten streiten sich nun Experten darüber, ob und wenn ja in welcher Form derart heikle Erkenntnisse aus der Forschung überhaupt publik gemacht werden dürfen. Aus Sorge, dass die Daten in falsche Hände geraten könnten und die riskanten Erreger mit molekularbiologischen Methoden nachgebaut werden könnten, hatte das US-Gremium für Biosicherheit (NSABB) im vergangenen Dezember gefordert, dass die Ergebnisse nur zum Teil und ohne die entscheidenden Details veröffentlicht werden dürften.

Um in dieser hitzigen Diskussion Zeit zu gewinnen, haben die Forscher eingewilligt, ihre Experimente mit der neuen Variante des Vogelgrippeerregers für 60 Tage zu stoppen. Letzten Freitag hat die WHO nach einer zweitägigen Sitzung mit insgesamt 22 Experten, darunter auch die beiden Forscher sowie der Chefredakteur von «Nature», beschlossen, dass dieses Moratorium vorerst verlängert wird. Des Weiteren kam die Gruppe zum Schluss, dass die veränderten Vogelgrippeviren vorerst dort bleiben sollten, wo sie sich jetzt befinden – in den dafür speziell eingerichteten Hochsicherheitslabors in den Niederlanden und den USA.

Vor einer Pandemie schützen

«Jetzt, da wir wissen, wie leicht es für das veränderte Virus ist, sich über Partikel in der Luft zu verbreiten, muss man befürchten, dass auch in der Natur eine solche Variante des Virus ausbrechen könnte», betont Alberts. Deshalb gebe es jetzt die Chance, alles zu tun, um sich auf eine mögliche weltweite Epidemie mit einem solchen gefährlichen Erreger vorzubereiten. Aus diesem Grund sei er der Meinung, dass die Informationen allen zugänglich gemacht werden sollten. Auf diesem Weg könne man die Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Impfstoffe vorantreiben. Es sei ein «wake-up call», noch mehr zu forschen und auch zu handeln.

Die Möglichkeit, dass Terroristen diese Informationen für ihre Zwecke nutzen könnten, hält der Chefredaktor von «Science» eher für gering. Denn man müsste ein sehr guter Forscher sein und gleichzeitig auch die entsprechende Ausrüstung in einem Labor haben, um dies bewerkstelligen zu können. Dennoch sei es wichtig, stets die Vor- und Nachteile einer vollständigen Veröffentlichung der Studie gegen die von Terroristen ausgehenden Risiken abzuwiegen.

Mit Passwort gesichert

Derzeit liegt die umstrittene Studie des Virologen Ron Fouchier bei der Zeitschrift «Science» als elektronische Version vor und ist nur über ein Passwort zugänglich. «Als wir sie bekamen, haben wir sie zur Begutachtung an Experten weitergeleitet», gesteht Alberts. Um jedoch auszuschliessen, dass die Studie auf diesem Wege irgendwie an die Öffentlichkeit oder an Unbefugte gelangen könne, habe man die betroffenen Spezialisten wegen der angelaufenen Debatte umgehend nach dem Versand aufgefordert, die Datei sofort zu vernichten.

Laut der WHO lässt sich durch das erweiterte Moratorium nun Zeit gewinnen, um beim nächsten Meeting mit Experten zur Biosicherheit Strategien zu diskutieren, wie man die Forschung auf sicherem Weg voranbringt. Vorstellbar sei, so Alberts, dass man die Anzahl der mit diesem Virus arbeitenden Labors, gering halte. Auf diese Weise liesse sich die Gefahr, dass ein Virus aus dem Labor entweiche, einschränken.

Tages-Anzeiger

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