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Wann sind Antidepressiva sinnvoll?

Über die Frage ob Medikamente gegen Depressionen helfen, ist eine Kontroverse entbrannt. Psychotherapeutin Yvik Adler gibt Antworten.

Was wirkt bei einer Depression besser: Medikamente oder eine Psychotherapie? Foto: Plainpicture
Was wirkt bei einer Depression besser: Medikamente oder eine Psychotherapie? Foto: Plainpicture

Die Wirksamkeit von Antidepressiva wird seit ein paar Monaten kontrovers diskutiert. Betroffene und Angehörige sind verunsichert. Wann sind die Medikamente noch sinnvoll?

Es gibt keinen Grund, verunsichert zu sein. Die neue Studienlage hilft dabei, ein differenzierteres Bild zu den Antidepressiva zu erhalten. Sie wirken manchmal nicht so, wie erwartet. Trotzdem gibt es durchaus Patienten, denen sie helfen. Bei leichten Depressionen ist es aber so, dass man zunächst eine Psychotherapie ohne Medikamente bevorzugen sollte. Das heisst aber nicht, dass, wenn ein Patient Antidepressiva wünscht, ein Arzt diese nicht verschreiben darf.

Hinzu kommen Anwendungen ausserhalb der Depression.

Am häufigsten kommen sie bei Schlafstörungen zur Anwendung. Bei Angststörungen werden die Medikamente ebenfalls eingesetzt. Sie sind aber dort nicht erste Wahl, denn es gibt in diesem Bereich wirksame psychotherapeutische Verfahren. Ganz grob gesagt, lassen sich Antidepressiva in zwei Gruppen einteilen: jene, die eher dämpfen und Distanz zu den unangenehmen Gefühlen schaffen, und solche, die antriebssteigernd wirken. Beides wird von manchen Patienten als angenehm empfunden. Das heisst aber nicht unbedingt, dass ein Medikament im engeren Sinn antidepressiv wirkt. Dies ist bei leichten Störungen tatsächlich zu wenig belegt.

Trotzdem werden in der Schweiz Antidepressiva vor allem bei leichten Depressionen und von Allgemeinärzten verschrieben. Ein Problem?

Das ist kein Drama, entspricht aber nicht den Behandlungsempfehlungen. Dass von Hausärzten nicht mehr Psychotherapien verschrieben werden, liegt auch daran, dass es schwierig ist, einen Psychotherapieplatz zu finden, der sich über die Grundversicherung abrechnen lässt. Es gibt in der Schweiz zu wenige davon.

Erich Seifritz vom Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), findet es kein Problem, wenn Hausärzte gleich zu Beginn ein Antidepressivum vorschlagen.

Ein Arzt muss wissen, was er tut. Es gibt die Problematik der unerwünschten Wirkungen, der Absetzsymptome und auch der Interaktionen mit anderen Medikamenten. Es ist wichtig, dass er das berücksichtigt und auch die Patienten darüber informiert.

Die Wirksamkeit der Psychotherapien werde überschätzt und liege in einem ähnlichen Bereich wie bei den Antidepressiva, sagt Seifritz.

So lese ich die Studien nicht. Der grosse Unterschied ist aber ohnehin, dass Psychotherapien länger und nachhaltiger wirken. Das leuchtet eigentlich auch ein. Wenn ich bei einer leichten oder mittelschweren Depression versuche, die Auslöser für meine Probleme zu erkennen und sie anzugehen, wirkt das nachhaltiger, als wenn ich einfach ein Medikament einnehme, das meine negativen Gefühle unterdrückt.

Ein Teil der Depressionen ist stoffwechselbedingt. Wirkt da eine Ursachensuche nicht kontraproduktiv?

Psychische Erkrankungen sind immer eine Wechselwirkung von genetischen, biomedizinischen und psychosozialen Faktoren. Mich stört, dass gegenwärtig der Fokus stark auf der Biomedizin liegt. Natürlich gibt es Fälle, bei denen genetische oder biomedizinische Ursachen stark im Vordergrund sind. Aber so häufig sind diese nicht.

Verschiedene Therapiemethoden schliessen sich nicht aus, im Gegenteil – in Kombination helfen sie bei schwereren Störungen am besten.

Kann es manchmal nicht auch besser sein, wenn ein Betroffener mit einer Pille aus einem Teufelskreis herauskommt und dadurch positive Erlebnisse hat, die ihm helfen?

Ich weiss nicht, ob Sie eine solche Behandlung wünschen würden. Es kann doch nur hilfreich sein, in einer Therapie von vielleicht 20 Stunden zu schauen, was überhaupt diese Symptome auslöst. Ich muss dafür ja nicht unbedingt meine gesamte Lebensgeschichte aufarbeiten.

Was ist mit den negativen Auswirkungen von Psychotherapien? Symptome können auch verstärkt werden.

Ich finde das schon etwas überzeichnet. Wir kochen alle mit Wasser und werden manchmal unseren Patienten nicht gerecht. Dann müssen wir Therapeuten richtig reagieren und etwas ändern. Aber wirklich gefährlich ist das nicht, wenn man professionell arbeitet. Die ganze Diskussion ist sehr polarisiert geworden. Wir Psychologen sind nicht gegen Antidepressiva. Und wir arbeiten gerne mit den Psychiatern zusammen. Die verschiedenen Therapiemethoden schliessen sich ja nicht aus, im Gegenteil – in Kombination helfen sie bei schwereren Störungen am besten.

Böse gesagt, bleibt der Eindruck, dass sich die verschiedenen Spezialisten bei grundlegenden Fragen uneinig sind und gar nicht so genau wissen, was sie machen.

In der Praxis haben wir diese Entweder-oder-Probleme gar nicht. Psychiater behandeln ja ebenfalls psychotherapeutisch, und wir Psychotherapeuten kennen die Wirkungen von Medikamenten, auch ohne dass wir sie verschreiben dürfen. Es gibt einfach gewisse Dinge, die man bei den Antidepressiva beachten muss, und man sollte nicht zu hohe Erwartungen an deren Wirksamkeit haben.

Erich Seifritz als Vertreter der SGPP empfindet die ganze Antidepressiva-Diskussion als Angriff gegen die Psychiatrie, angeheizt von Psychologen, die ihre Psychotherapien abrechnen möchten. Wie kommt das bei Ihnen an? (zum Interview mit Erich Seifritz)

Diese Aussagen sind schon sehr von Misstrauen geprägt. Die Wissenschaftler, die sich kritisch zu Antidepressiva äussern, sind unabhängig. Es sind auch Psychiater und andere Mediziner darunter. Ausserdem wird die Kritik international geäussert. Diese Spaltung zwischen Psychiatern und Psychologen bringt überhaupt nichts, weder für die Zusammenarbeit noch für die betroffenen Patienten.

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