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Tod von Whistleblower-Arzt: Aktivisten fordern Meinungsfreiheit

Der überraschende Tod des 34-Jährigen sorgt für Trauer und Zorn in der Bevölkerung. Ein Ermittlungsteam soll nun Klarheit schaffen.

Li Wenliang starb mit 34 Jahren: Trauerfeierlichkeiten in Hongkong. Foto: Jerome Favre, EPA/Keystone
Li Wenliang starb mit 34 Jahren: Trauerfeierlichkeiten in Hongkong. Foto: Jerome Favre, EPA/Keystone

In den chinesischen Online-Netzwerken wächst nach dem Tod des Arztes, der als einer der Ersten vor dem neuartigen Coronavirus warnte, die Wut auf die Regierung. In zwei offenen Briefen, die über den Internetdienst Weibo verbreitet wurden, forderten Aktivisten Meinungsfreiheit von der Führung in Peking. Die chinesische Zensur stoppte die Verbreitung der Schriften weitgehend.

Ein Brief wurde von zehn Professoren aus Wuhan veröffentlicht. Sie betonten, der Einsatz des mittlerweile selbst am Coronavirus gestorbenen Augenarztes Li Wenliang habe den «Interessen des Landes und der Gesellschaft» gedient. Sie forderten die Regierung dazu auf, die Meinungsfreiheit nicht länger zu unterbinden und sich öffentlich für ihr Vorgehen gegen Li und sieben weitere Ärzte nach Bekanntwerden des neuartigen Virus zu entschuldigen. Die staatliche Zensur entfernte den Brief mittlerweile aus Weibo.

Der zweite Brief wurde am Freitag von ehemaligen Studenten der bekannten Tsinghua-Universität in Peking veröffentlicht. Die anonymen Autoren forderten die Regierung auf, die in der Verfassung garantierten Rechte der Chinesen zu sichern. Sie sprachen sich dagegen aus, «politische Sicherheit» zur obersten Priorität zu erklären. Dies sei ein «extrem eigennütziges Ziel einer kleinen Organisation», kritisierten sie.

Offizielle Untersuchung eingeleitet

Die chinesische Regierung hat mittlerweile eine offizielle Untersuchung zum Tod des Arztes eröffnet. Mit Zustimmung des Zentralkomitees der Partei schickte die staatliche Aufsichtskommission ein Ermittlungsteam nach Wuhan, wie die Behörde am Freitag mitteilte.

Li hatte sich Anfang Januar unwissentlich bei einer seiner Patientinnen angesteckt. Am 6. Februar verstarb er in einem Spital in Wuhan. Sein Schicksal symbolisiert für viele Chinesen die Folgen der Untätigkeit oder langsamen Reaktion der Behörden auf den Ausbruch. Bei den Ermittlungen gehe es um Fragen des Volkes zu diesem Geschehen, hiess es.

Bereits Ende Dezember hatte Li seine ehemaligen Studienkollegen vor einem Virus gewarnt, welches in seinem Spital diagnostiziert wurde. Die örtliche Polizei in Wuhan hatte den 34-Jährigen und sieben weitere wegen des «Verbreitens von Gerüchten» und der «schweren Störung der gesellschaftlichen Ordnung» vorgeladen und verwarnt. Sie mussten unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen (zum Porträt).

Grosse Anteilnahme

Der Tod des 34-jährigen Augenarztes, der am Donnerstagabend an der Lungenkrankheit gestorben war, hatte grosse Anteilnahme im ganzen Land ausgelöst. Zahlreiche Nutzer auf den sozialen Netzwerken bedankten sich bei Li für dessen Courage. «Sie haben viele Leben gerettet, indem Sie Alarm geschlagen haben. Sie sind ein Held. Wir werden Sie nie vergessen», schreibt ein Twitter-Nutzer. «Heute leiden einige Chinesen, darunter auch ich, unter dem Zorn und der Trauer, die durch den Tod von Li Wenliang verursacht wurden», schreibt ein anderer.

Gedenkstätte vor dem Spital, wo Li Wenliang am 6. Februar verstarb. Foto: Keystone
Gedenkstätte vor dem Spital, wo Li Wenliang am 6. Februar verstarb. Foto: Keystone

In der Landeshauptstadt Peking drückte ein Mann seine Trauer auf eigene Art aus. Er schrieb «Lebe wohl, Li Wenliang» in grossen Lettern in den Schnee und formte liegend mit seinem Körper das abschliessende Ausrufezeichen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International äusserte Kritik am Vorgehen der chinesischen Regierung. Der Tod des Whistleblower-Arztes mache die Menschenrechtsverletzungen beim Coronavirus-Ausbruch in China deutlich, schreibt die Organisation auf Twitter. «Es ist eine tragische Erinnerung daran, wie die Sorge der chinesischen Behörden um die Aufrechterhaltung der ‹Stabilität› sie dazu bringt, wichtige Informationen über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse zu unterdrücken.»

Auch die Regierung in Wuhan äusserte sich zum Tod von Li. «Trotz aller Anstrengungen starb Dr. Li Wenliang an einer Lungenentzündung. Wir danken ihm für sein Engagement im Kampf gegen die Epidemie und sprechen seiner Familie unser aufrichtigstes Beileid aus», heisst es in einem offiziellen Statement. Mit gleichlautenden Beileidsbekundungen meldete sich auch die Nationale Gesundheitskommission am Freitag in einer Mitteilung zu Wort.

Aufrufe zu Meinungsfreiheit zensiert

Tausende haben ihre Trauer über den Tod des 34-jährigen Arztes bekundet. Vermehrt äusserten sich einige Chinesen aber auch wütend über das Vorgehen der chinesischen Regierung im Internet. Denn offenbar wurden zahlreiche Posts im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo zensiert, welche den Hashtag «Ich will Meinungsfreiheit» beinhalteten. Wie eine CNN-Journalistin auf Twitter schreibt, habe das Anhängsel mehr als 1,8 Millionen Aufrufe gehabt, bevor es spurlos von der Seite verschwand. Auch der Hashtag «LiWenliang» soll laut diversen Twitter-Nutzern auf Weibo zensuriert worden sein.

Widersprüchliche Berichterstattung

Die Berichterstattung über den Tod von Li Wenliang sorgte am Donnerstag für reichlich Verwirrung. Nach Meldungen mehrerer chinesischer Medien, die den Tod von Li verkündeten, meldete sich das Spital, in welchem dieser behandelt wurde, zu Wort und dementierte die Berichte. Li befinde sich in kritischem Zustand, sei aber am Leben, so das Spital in einer Mitteilung. Daraufhin löschten die betroffenen Medien ihre Meldungen wieder. Wenige Stunden später vermeldete das Spital jedoch offiziell den Tod des 34-Jährigen.

Hinter dem Mediendebakel um die Todesmeldung von Li wird ein Vertuschungsversuch der chinesischen Regierung vermutet. Dieser Versuch der chinesischen Zensoren, das Narrativ zu kontrollieren, sei jedoch schrecklich nach hinten losgegangen, kommentiert CNN.

SDA/sho

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