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Reizung der Halsschlagader kann Blutdruck senken

Ein Schrittmacher gaukelt dem Nervensystem einen noch höheren Blutdruck vor. Als Folge davon sinkt der Bluthochdruck.

Bluthochdruck lässt sich oft durch Abnehmen senken oder mit Medikamenten. Berner Ärzte um den Gefässchirurgen Jürg Schmidli und den Internisten Markus Mohaupt versuchen es dagegen mit elektrischem Strom. Sie gehören zu mehreren europäischen Zentren, in denen das Gerät namens Rheos®-Hypertension-System eines US-amerikanischen Herstellers zurzeit erprobt wird.

Optisch unterscheidet sich dieses kaum von einem Herzschrittmacher, auch die Technologie ist vergleichbar. Statt die Elektroden jedoch im Herzen zu platzieren, implantiert Schmidli sie an der rechten und der linken Halsschlagader. Dort befinden sich spezifische Drucksensoren des Körpers – Nervenbündel, die ihre Informationen an das Zentralnervensystem weiterleiten. Mithilfe eines Impulsgenerators, der unter dem Schlüsselbein in einer Hauttasche versteckt wird, werden diese Drucksensoren am Hals permanent gereizt. So gaukelt das Gerät dem Zentralnervensystem einen noch höheren Blutdruck vor, als er bei den Hochdruckpatienten sowieso schon ist.

Bereits während der Operation registriere man Blutdruckabfälle von über 50 Millimeter Quecksilbersäule (mm Hg), sagt Jan Menne von der Medizinischen Hochschule Hannover, die ebenfalls in das Forschungsprojekt involviert ist. In Pilotstudien mit insgesamt etwa 70 Teilnehmern weltweit sind Blutdrucksenkungen von durchschnittlich etwa 30 mm Hg systolisch (oberer Blutdruckwert) und 15 mm Hg diastolisch (unterer Blutdruckwert) über ein Jahr erreicht worden. Allerdings, so Menne, sprächen 20 Prozent der Patienten nicht auf die Behandlung an. Derzeit läuft eine weitere Studie, an der weltweit rund 300 Patienten teilnehmen sollen.

Die Therapie ist sehr aufwendig. Allein die Operation, die nur von erfahrenen Gefässchirurgen vorgenommen werden kann, dauert zwei bis vier Stunden. Die Chirurgen müssen äusserst sorgfältig vorgehen, um keine Nerven oder wichtige Gefässe im Halsbereich zu verletzen. Die Elektroden müssen millimetergenau platziert werden. Die Stimulation mit dem Impulsgenerator stellen die Spezialisten individuell ein, um einen maximalen Therapieerfolg zu erreichen.

Nicht für alle Patienten

Wer nun aber hofft, bald keine Diät mehr halten zu müssen oder auf seine Tabletten verzichten zu können, wird enttäuscht sein. Gedacht ist die Behandlungsoption nur für jenen kleinen Teil der Bluthochdruckpatienten, deren Blutdruck trotz optimaler medikamentöser Therapie in maximaler Dosierung nicht ausreichend sinkt und denen deshalb schwere Organschäden drohen, zum Beispiel an Herz und Nieren. So hatten die bislang sieben in Bern operierten Patienten obere Ausgangsblutdruckwerte von 190 bis 200, obwohl sie meist bereits fünf bis sechs Hochdruckmittel bekamen. «Bei einem Patienten waren es sogar 300 mm Hg», sagt Schmidli. Zum Vergleich: Der normale systolische Blutdruck liegt bei 120 bis 130 mm Hg.

Die Medikamente müssen die Patienten auch mit dem «Schrittmacher» weiter nehmen. Es sei nicht das primäre Ziel, die Arzneimittel wegzulassen, betonen die Experten. Vielmehr sollen schwere und häufige Komplikationen eines jahrelang bestehenden, sehr hohen Blutdrucks verhindert werden: Schlaganfälle, Herzinfarkte und andere Gefässkrankheiten sowie vorzeitiger Tod. Nur wenn der Blutdruck ausreichend sinkt, kann die Medikamentendosis gegebenenfalls reduziert werden.

Verbesserte Lebensqualität

Jan Menne aus Hannover berichtet über eine einzige Frau, die nach der Implantation des Gerätes keinerlei Medikamente mehr brauchte. Bei ihr handelte es sich jedoch um eine Ausnahme, denn sie vertrug viele Mittel nicht, war zuvor nur auf zwei Medikamente eingestellt gewesen und hatte keinen extrem hohen Bluthochdruck.

Die operierten Patienten freuten sich allerdings nicht nur über verringerte Blutdruckmesswerte. «Uns alle hat die Verbesserung der Lebensqualität dieser Patienten stark beeindruckt», so Schmidli. Sie hatten weniger Kopfschmerzen, konnten sich besser konzentrieren und endlich wieder durchschlafen.

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