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Präsidentschaftsbewerber erhören die Klimaforscher

Barack Obama und John McCain wollen die wissenschaftsfeindliche Politik von Präsident Bush beenden – aber auf unterschiedlichen Wegen.

Beide Präsidentschaftskandidaten wollen der Zensurpolitik für Wissenschaft der Ära Bush ein Ende setzen. Jeder auf seine Art.
Beide Präsidentschaftskandidaten wollen der Zensurpolitik für Wissenschaft der Ära Bush ein Ende setzen. Jeder auf seine Art.
Keystone

Endlich soll wieder Vernunft einkehren. Nachdem die Bush-Regierung jahrelang politisch unbequeme Forschungsberichte systematisch zensierte, staatlich besoldete Wissenschaftler gängelte und ihr wohl gesonnene Funktionäre an Schaltstellen zwischen Politik und Forschung positionierte, geht ein dunkles Zeitalter für die Wissenschaftspolitik in den USA zu Ende. Egal, wer die Wahl gewinnt – ob Barack Obama oder John McCain – beide versichern, keine Politik ungeachtet wissenschaftlicher Erkenntnisse mehr betreiben zu wollen.

Zu einer auf Wissenschaft fokussierten Debatte wollten sich der gelernte Jurist Obama und der einstige Marine-Pilot McCain in den letzten Monaten vor laufender Kamera aber nicht einlassen. Immerhin beantworteten beide jedoch vierzehn Fragen der Initiative «Science Debate 2008», in der sie ihre Vision einer künftigen Wissenschaftspolitik ausbreiten. Obama hat ausserdem dem Wissenschaftsmagazin «Nature» ausführlich Rede und Antwort gestanden; McCain schlug das Angebot aus.

Alternative Energien fördern

Wenig überraschend wollen beide Kandidaten die Etats für Grundlagenforschung, Ingenieurswissenschaften und Bildung weiter erhöhen. Doch diese legten auch unter George W. Bush zu. Worauf es vielmehr ankommt, ist, wie das Geld eingesetzt wird. Allem voran kündigen beide politischen Lager an, die Erforschung alternativer Energiequellen massiv zu fördern. Die USA sollen auf diesem Wege ihren CO2-Ausstoss reduzieren und unabhängiger von Ölimporten werden. 150 Milliarden Dollar will Obama in die Entwicklung von Wind- und Solartechnologie, Erdwärme und andere Energieressourcen investieren; auch Atomkraft zählt er dazu. Das wird in den Augen des Senators aus Illinois nicht nur fünf Millionen neue «grüner» Jobs schaffen, sondern das Land in nur zehn Jahren vom Öl aus dem Nahen Osten und Venezuela unabhängig machen.

McCains Herangehensweise spiegelt dagegen seine politische Philosophie. Er vertraut lieber dem freien Markt. So präsentiert er beispielsweise als Lockmittel einen mit 300 Millionen Dollar dotierten Preis für jenes Unternehmen, das die erste, regulären Verbrennungsmotoren ebenbürtige, Autobatterie auf den Markt bringt.

Obama will CO2 stärker reduzieren

Die Vision einer grünen Technozukunft wird flankiert von der Ankündigung einer neuen Klimapolitik. Obama und McCain haben erklärt, Obergrenzen für Emissionen des das Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) einzuführen. Damit folgen sie einem Trend in den USA, bei dem mehrere Konzerne, Bundesstaaten und Städte längst auf freiwilliger Basis versuchen, den CO2-Ausstoss zu verringern. Das anvisierte Mittel ist der Handel mit Emissionsrechten. Diese regulieren, wie viel Kohlendioxid ausgestossen werden darf. Bis 2050, lautet Obamas Fernziel, sollen die Emissionen aller CO2-Erzeuger in den USA auf ein Fünftel des Ausstosses von 1990 sinken. McCain dagegen genügt eine Reduktion um sechzig Prozent bis 2050.

Insgesamt fällt auf, dass Obama viele der Fragen zu seiner Sicht der Naturwissenschaften weit detaillierter als sein Konkurrent beantwortet. Dies kommt nicht von ungefähr: Der demokratische Bewerber hat den Vorteil, dass ihm eine Gruppe von 61 Nobelpreisträgern unter der Leitung des Medizinnobelpreisträgers Harold Varmus zur Seite steht. Zudem ist diese erlesene Ratgeberrunde nur eines mehrerer hochkarätiger Wissenschaftlergremien, die Obamas Wahlkampf unterstützen.

Da die grosse Mehrheit der Forscher an amerikanischen Universitäten ohnehin die demokratische Partei wählt, verwundert es wenig, dass sich McCains Beraterstab für wissenschaftliche Fragen vor allem aus der Industrie und früheren republikanischen Administrationen rekrutiert.

Die enge Zusammenarbeit mit den renommierten Naturwissenschaftlern kommt hingegen nicht nur Obama zugute. Die Vertreter der Forschungsgemeinschaft hoffen ihrerseits, bereits früh die Grundlagen für die künftige Wissenschaftspolitik zu legen und bei einem Wahlsieg des Präsidentschaftskandidaten Obama rasch Schlüsselpositionen in Ministerien zu besetzen.

Als George W. Bush im Jahr 2000 sein Amt antrat, dauerte es geschlagene zehn Monate, bis er den Physiker John Marburger zu seinem Wissenschaftsberater ernannte – zu diesem Zeitpunkt aber hatte Bush bereits entschieden, die Forschung an neuen Stammzelllinien nicht zu fördern und den Kohlendioxidausstoss der Industrie – entgegen seinem Wahlversprechen – nicht zu regulieren.

Ein Schreibtisch im Weissen Haus

Anders als unter Bush, soll der Wissenschaftsberater unter Obama oder McCain wieder einen Schreibtisch im Weissen Haus bekommen. Der Einfluss der Wissenschaftsgemeinde spiegelt sich ebenfalls in der von Obama anvisierten Stammzellpolitik wieder: «Kliniken für künstliche Befruchtung bewahren hunderttausende Embryos auf, die früher oder später zerstört werden. Es ist ethisch vertretbar, diese überschüssigen Embryos für die Forschung zu nützen, wenn sie freiwillig zu diesem Zweck gespendet werden», findet Präsidentschaftsbewerber Obama.

McCain dagegen, der vor seiner Bewerbung um das hohe Amt die Stammzellforschung unterstützte, will offenbar republikanische Stammwähler nicht vergrätzen und votiert neuerdings dafür, die Politik George W. Bushs weiterzuführen – das heisst, Fördergelder für Stammzelllinien, die vor 2001 existierten, bereitzustellen, aber keinen Cent für neu gewonnene Linien.

Wer deshalb meint, Obama sei der unbestrittene Vorkämpfer aller wissenschaftlich relevanten Initiativen, während sein Mitbewerber widerwillig hinterherhinke, täuscht sich. So hat Obama beispielsweise noch im Juni wenig Begeisterung für die bemannte Raumfahrt an den Tag gelegt. In seinen ersten programmatischen Äusserungen zur Zukunft der NASA sprach er sich für Robotermissionen und die Stärkung der Erdbeobachtung der Raumfahrtorganisation aus, die zuletzt zu Gunsten von Bushs Mond- und Marsvisionen stark Federn lassen mussten. Weiterhin stellte er in Aussicht, dass der Jungfernflug des neuen Orion-Raumschiffes um weitere fünf Jahre verschoben werden müsse. Mit dem so ersparten Geld wolle er als Präsident Bildungsprogramme fördern.

Doch dieser Verschlag drohte, eine ohnehin schon heikle Situation in und um das Kennedy Raumfahrt Zentrum in Florida zu verschärfen. Seit der von Bush geplanten Einstellung des Shuttle-Betriebs auf das Jahr 2010 hin stand fest, dass tausende bei der Shuttle-Flotte beschäftigte Mitarbeiter sich bald nach neuen Arbeitsplätzen würden umsehen müssen. Der erst für 2015 geplante bemannte Erstflug des Orion-Raumfahrzeugs bietet da keinen Ausweg.

Zugeständnisse an die Wechselwähler

Jetzt aber ist Florida ein wichtiger Wechselwählerstaat, der die Präsidentenwahl 2000 entschieden hat. Und die Gegend um Cape Canaveral selbst ist eine mal den Demokraten, mal den Republikanern zugeneigte Region. McCain erkannte seine Chance: Kurzerhand versprach er Ende Juli, das Shuttle-Programm zu verlängern und dem neuen Raumtransporter mit zusätzlichen Geldern auf den Weg zu helfen. Angesichts dieser Herausforderung sah sich Obama unter Zugzwang:

Neuerdings verspricht er, dass unter seiner Führung das Shuttle länger fliegen, Orion schneller fertig gestellt und die Vorbereitungen ungebremst weiterlaufen würden, Astronauten bis 2020 zurück zum Mond und später zum Mars zu schicken.

Gleich, wer die Wahl gewinnt – die ökonomische Realität wird den hochfliegenden Plänen nach der Amtseinführung im Januar wohl rasch die Flügel stutzen: Zurückgehende Steuereinnahmen, das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für den Bankensektor und die zwangsläufig steigende Staatsverschuldung werden es dem Wahlsieger erschweren, alle Versprechen einzuhalten. Doch auch wenn der verfügbare Gesamtkuchen des US-Staatshaushalts viel kleiner als erwartet ausfällt, bestehen grosse Chancen, dass der prozentuale Anteil der Zivilforschung sich nicht verändern wird. Dieser ist in den USA schon seit über 30 Jahren nahezu unverändert – unabhängig davon, ob Ford, Carter, Reagan, Bush oder Clinton im Oval Office amtierten.

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