Nach 27 Jahren im Koma: «Sie muss alles neu lernen»

Eine Frau ist nach fast drei Jahrzehnten im Wachkoma aufgewacht. Eine Ärztin sagt, wie aussergewöhnlich der Fall ist – und was jetzt auf die Patientin zukommt.

Medizinisches Wunder: Nach 27 Jahren ist eine Frau aus Saudiarabien in der Schön Klinik in Bad Aibling aus dem Koma erwacht. Bild: Schön Klinik

Medizinisches Wunder: Nach 27 Jahren ist eine Frau aus Saudiarabien in der Schön Klinik in Bad Aibling aus dem Koma erwacht. Bild: Schön Klinik

In Deutschland ist eine Frau nach 27 Jahren im Koma aufgewacht. Weltweit ist der Erfolg nach einer solch langen Zeit ein Ausnahmefall. Ärzte in der Klinik für Neurorehabilitation Rehab in Basel rechnen mit einer Aufwachzeit von einigen Monaten bis zwei Jahre.

Die heute 60-jährige Munira Abdulla hatte mit 32 einen Autounfall in der Stadt Ain in der Nähe von Abu Dhabi. Sie erlitt Hirnverletzungen und verlor das Bewusstsein. Mehr als zwanzig Jahre befand sie sich laut Medienberichten in Spitälern in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ihr Zustand blieb unverändert. Auch eine Behandlung in London brachte kein Ergebnis.

2017 wurde der Kronprinz von Abu Dhabi auf die Geschichte aufmerksam. Das Königshaus gewährte der Familie finanzielle Unterstützung für eine Behandlung in Deutschland. In einer Fachklinik im oberbayerischen Bad Aibling wurde Abdullas Epilepsie unter Kontrolle gebracht, wie «The National» aus Abu Dhabi berichtet. «Unser vorrangiges Ziel bestand darin, ihrem fragilen Bewusstsein die Möglichkeit zu geben, sich in einem gesunden Körper zu entwickeln», sagt der behandelnde Neurologe Ahmad Ryll.

«Sie machte merkwürdige Geräusche»

Auslöser für den entscheidenden Schritt auf dem Weg der Genesung könnte ein Streit gewesen sein. «Ich war am Bett meiner Mutter in einen Streit verwickelt», sagt Abdullas Sohn Omar Webair der Zeitung. «Sie war erschrocken und machte merkwürdige Geräusche.» Drei Tage später rief jemand seinen Namen. Es war sie.

Fast drei Jahrzehnte befand sich Abdulla im minimalen Bewusstseinszustand. Dass sie zuletzt innert kurzer Zeit grosse Fortschritte machte, dürfte an einem umfassend veränderten Therapieregime liegen, sagt Margret Hund-Georgiadis, Chefärztin an der Rehab Basel.

Koma-Patienten sind oftmals auf Medikamente angewiesen. Zu den Nebenwirkungen gehört laut Hund-Georgiadis starke Müdigkeit. Das wirke dem Ziel, den Patienten zu stimulieren und aufwachen zu lassen, entgegen. Mit einer auch an der Rehab Basel angewandten modernen Methode könnten bestimmte Medikamente mittels eines dünnen Katheters und einer Pumpe in den Rückenmarkskanal direkt ans Nervensystem gelangen, wo sie ihre Wirkung entfalten. «Dadurch werden einige Nebenwirkungen vermieden.»

Die Patienten liegen zudem nicht einfach passiv im Bett. Sie werden aktiviert und in den Rollstuhl mobilisiert. So können sie aktiver ihre Umwelt wahrnehmen lernen, mit allen verfügbaren Sinnen. Diese Strategie wandten auch die Ärzte in Bad Aibling an, wie «Focus» berichtet.

Die Sinneseindrücke, die ein Patient im minimalen Bewusstseinszustand wahrnehmen und verarbeiten kann, seien vermutlich weniger bunt und nachhaltig als jene gesunder Menschen, sagt Hund-Georgiadis. Dies liege an eingeschränkten Hirnleistungen, die Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen betreffen. So erinnerten sich Komapatienten zumeist nicht an das, was vor oder während ihres Erwachens passiert sei.

«Eine Patientin, die wir in der Aufwachphase im letzten Jahr sehr intensiv begleitet haben, berichtete uns, dass sie für diese gesamte Zeit einen Filmriss habe. Sie hat uns erst nach dem Aufwachen ‹neu› kennengelernt», erzählt die Neurologin. «Obwohl sie uns sehr vertraut war, war für sie jedes Gesicht neu.»

Hätte Abdulla schon früher – etwa nach fünf oder zehn Jahren die jetzige, veränderte Behandlung und Aktivierung erhalten, wäre es gut möglich gewesen, dass sie auch schon früher aufgewacht wäre, vermutet Hund-Georgiadis.

Therapieziel: Erwachen

«In meinen zwanzig Jahren als Neurologin habe ich es selbst allerdings noch nie erlebt, dass jemand nach Jahrzehnten das Bewusstsein zurückerlangt», sagt sie. «An der Rehab versuchen wir in den ersten Wochen und Monaten nach der Hirnschädigung alles, damit der Patient aufwacht. Das ist das grösste und höchste Ziel. Wir sehen aber auch viele Verbesserungen in den ersten Jahren, wenn die Patienten ambulant von uns weiter betreut werden.»

In der ersten Phase des Wachwerdens ist der Kontaktaufbau mit der Familie, mit vertrauten Menschen wichtig, um den Patienten in sein Leben zurückzubegleiten. «Meist will der betroffene Patient nicht als Erstes wissen, was in der weiten Welt passiert, welche Nachrichten er verpasst hat. Das Interesse kreist um das eigene Ich und die Menschen drumherum», sagt Hund-Georgiadis. Menschen, die nach einem Wachkoma aufwachen, seien ein wenig wie kleine Kinder, die alles neu lernen und begreifen müssen.

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