«Die palliative Versorgung ist enorm wichtig»

Interview

Das belgische Parlament stimmt der Sterbehilfe für Kinder zu. Medizinrechtler Julian Mausbach von der Uni Zürich über die Frage, ob ein solches Gesetz auch in der Schweiz kommen könnte.

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Das belgische Parlament hat gestern der Sterbehilfe für Kinder zugestimmt. Wie sehen Sie dieses neue Gesetz? Hinter dem Entscheid steht der Gedanke, dass es auch bei schwerkranken Kindern und Jugendlichen ein Bedürfnis geben könnte, über den Tod selbst zu bestimmen. Ob es dieses Gesetz braucht oder nicht, war höchst umstritten. In Belgien ging man von vier bis fünf Fällen pro Jahr aus, in denen das zum Thema wird. Nun hat sich im belgischen Parlament eine Mehrheit gefunden, das Gesetz anzunehmen. Diesen Entscheid zu beurteilen, steht mir nicht zu.

Am umstrittensten war die Frage, ob Kinder und Jugendliche in der Lage sind, diesen Entscheid zu treffen. Bei Kindern und Jugendlichen muss man sich mit dem Thema der Urteilsfähigkeit besonders intensiv auseinandersetzen. Das ist eine sehr schwierige Frage, gerade bei einer solch weitreichenden und unumkehrbaren Entscheidung. Im Hinblick darauf, dass das Gesetz relativ eng umgrenzt ist, hat man in Belgien angenommen, dass ein Jugendlicher in der Lage sein kann, diese Entscheidung zu treffen. Zudem sieht die belgische Regelung ein Einverständnis der Eltern vor. Mindestens betreffend der Urteilsfähigkeit von Kindern würde man in der Schweiz aber wohl davon ausgehen, dass diese eine solch weitreichende Entscheidung nicht überblicken können. Auch bei Jugendlichen kann dies allenfalls bei einer sehr weit fortgeschrittenen Reife der Fall sein.

Wie ist die Regelung, wie sie nun in Belgien gilt, für das Umfeld sehen? Wenn ein Kind schwer erkrankt oder mit einer Grunderkrankung zur Welt kommt, ist das für alle, auch für die Angehörigen und das ganze Umfeld, eine äusserst emotionale und belastende Situation. Hier muss man dafür sorgen, dass das Kind trotz der Erkrankung eine möglichst hohe Lebensqualität erreicht und dass auch für das Umfeld die Situation so gut wie nur möglich aufgefangen werden kann.

Wie sieht die Situation in der Schweiz aus? Nach meinem Kenntnisstand gelingt es in der Schweiz mit palliativmedizinischen Massnahmen, den Sterbeprozess von schwerkranken Kindern und Jugendlichen so zu bewältigen, dass sich kein Sterbewunsch entwickelt. Das Bedürfnis einer Veränderung der rechtlichen Situation bezüglich direkter aktiver Sterbehilfe sehe ich deshalb nicht.

Können Sie mehr sagen zur rechtlichen Situation hier in der Schweiz? Die von den Belgiern beschlossene Regelung betrifft die direkte aktive Sterbehilfe, diese ist in der Schweiz nicht gestattet. Die direkte aktive Sterbehilfe, bei der beispielsweise ein Arzt mit einer Spritze dem Patienten zum Tod verhilft, ist in der Schweiz nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen verboten. Die Schweiz steht somit rechtlich gesehen an einem ganz anderen Punkt.

Welche Formen der Sterbehilfe sind erlaubt? Nicht gesetzlich geregelt ist in der Schweiz die aktive indirekte Sterbehilfe, bei dieser wird ein Schmerzmittel wie Morphium zur Linderung von Leiden eingesetzt, die als Nebenwirkung die Lebensdauer herabsetzen können. Der möglicherweise früher eintretende Tod wird dabei in Kauf genommen. Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften gestattet diese Form der Sterbehilfe. Ein weiterer Bereich ist die sogenannte passive Sterbehilfe. Hierunter versteht man den Verzicht oder den Abbruch von lebenserhaltenden Massnahmen, auch sie ist unter bestimmten Voraussetzungen gestattet. Bei Erwachsenen erlaubt ist die Suizidhilfe. Hier wird eine tödliche Substanz von einem Arzt verschrieben, die der Suizidwillige selbst einnimmt. Diese begleiteten Suizide stehen Kindern und Jugendlichen, eben mit Blick auf die Urteilsfähigkeit, grundsätzlich nicht offen.

baz.ch/Newsnet

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