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«Auch gesunde Personen können den Keim mit sich tragen und verbreiten»

Zurzeit sterben in Haiti hunderte Menschen an Cholera. Ein Facharzt gibt darüber Auskunft, ob sich die Seuche auch in der Schweiz ausbreiten könnte.

Schwere Vorwürfe: Haitianer demonstrieren vor der UNO-Mission in Mirebalais.
Schwere Vorwürfe: Haitianer demonstrieren vor der UNO-Mission in Mirebalais.
Keystone
Für Haiti ist die Cholera-Epidemie vor allem deshalb so prekär, da zu wenig sauberes Wasser vorhanden ist: Ein an Cholera erkrankter Junge liegt im St. Nicholas Spital.
Für Haiti ist die Cholera-Epidemie vor allem deshalb so prekär, da zu wenig sauberes Wasser vorhanden ist: Ein an Cholera erkrankter Junge liegt im St. Nicholas Spital.
Reuters
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Bernhard Beck, warum bricht eine Krankheit wie Cholera aus?

Cholera wird durch unsauberes Wasser und verschmutzte Lebensmittel übertragen. Die Bakterien können in einer idealen Umgebung sehr lange überleben. Muscheln in warmem Brackwasser stellen zum Beispiel so ein Reservoir dar. Wenn die Erreger erst einmal an Land sind, wird eine Übertragung dadurch begünstigt, dass Erkrankte die Bakterien mit dem Durchfall wieder ausscheiden. So verschmutzen sie die Umgebung, wie zum Beispiel Lebensmittel und Hände. Eine Krankheit wie Cholera tritt auf, wenn sehr schlechte hygienische Bedingungen herrschen. Wenn viele Menschen zusammen leben und sich Wasserquellen und Toiletten teilen müssen, wird eine Epidemie ebenfalls begünstigt. Dass gerade in Haiti eine Cholera-Epidemie ausgebrochen ist, erstaunt daher nicht. In Haiti sind die Bedingungen für einen Ausbruch nämlich geradezu «ideal». Das Klima ist warm und Haiti ist umgeben von Meer. Ausserdem leben nach dem Erdbeben sehr viele Personen in den provisorischen Lagern dicht beieinander.

Welches sind jetzt die grössten Gefahren in Haiti?

Die Gefahr bei Cholera ist die rasche Ausbreitung der Krankheit, wenn das Trinkwasser gleichzeitig knapp ist. Bei einer starken Cholera können die Erkrankten bis über zehn Liter Wasser täglich verlieren. Diese Flüssigkeit muss ersetzt werden. Die Patienten müssen möglichst viel trinken. In ganz schlimmen Fällen muss gar eine Infusion angesetzt werden. Dadurch steigt natürlich der Trinkwasserbedarf in Haiti stark an. Gleichzeitig ist hier die Versorgung sowieso schon knapp. Deshalb besteht die Gefahr, dass nicht aufbereitetes Wasser als Trinkwasser verwendet wird. So steigt das Infektionsrisiko noch mehr an. Zudem sind in Haiti die medizinischen Möglichkeiten sowieso schon beschränkt. Es wird Fachpersonal und eine ständige Überwachung nötig sein.

Welche Dimensionen kann die Epidemie annehmen?

Vermutlich werden vor allem die Menschen an Cholera erkranken, die sowieso schon unter sehr schlechten Bedingungen leben müssen. Fluchtaktionen in der Bevölkerung führen dazu, dass infizierte, aber nicht unbedingt schwer erkrankte Personen, die Krankheit auch in bisher nicht betroffene Gebiete transportieren.

Inwiefern besteht die Möglichkeit, dass die Krankheit auf Nachbarstaaten wie die Dominikanische Republik übergreift?

Cholera kann gelegentlich auch als «normale» Durchfallerkrankung wahrgenommen werden. Dadurch können auch relativ gesunde Personen für kurze Zeit den Keim mit sich herumtragen und verbreiten. Cholerabakterien können so auch über Landesgrenzen hinaus gelangen. Es ist möglich, dass es einem Cholera-Träger gelingt, trotz Vorsichtsmassnahmen der Dominikanischen Republik, ins Land zu gelangen.

Besteht die Gefahr, dass sich Schweizer Touristen anstecken und die Krankheit in die Schweiz schleppen könnten?

Bei guter Hygiene ist das Ansteckungsrisiko äusserst gering. Dazu gehören Händewaschen und bei Lebensmitteln stets die Regel «Schälen, sieden, kochen oder vergessen» zu beachten. Auch wenn es in der Dominikanischen Republik zu Cholerafällen kommen sollte, wäre das Risiko für dortige Touristen sehr gering. Die hygienischen Verhältnisse sind sehr gut und es ist unwahrscheinlich, dass auf diesem Inselteil extrem viele Cholera-Fälle zu verzeichnen sind.

Könnte sich Cholera auch in der Schweiz verbreiten?

In der Schweiz sind die Voraussetzungen für eine Verbreitung der Cholera im heutigen Zeitalter denkbar ungünstig: Wir haben sehr gutes und sicheres Trinkwasser, von dem auch genug für alle zur Verfügung steht. Die Schweizer Bevölkerung hat auch die Möglichkeit, hohe Hygienestandards zu erfüllen. Ausserdem können kranke Personen gut gepflegt werden. Dazu kommt, dass es zurzeit sehr kühl ist. Dies ist für Cholerabakterien schlecht. Ausserdem geht man davon aus, dass sowieso immer zwei bis drei Prozent der so genannten Reisedurchfälle durch Cholera-Bakterien verursacht werden. Wenn man über gesundheitliche Reserven verfügt und die Hygienestandards einhält, muss sich die Krankheit nicht so extrem äussern, wie zum Beispiel jetzt in Haiti. Man kann also davon ausgehen, dass jährlich hunderte Reisende an Cholera erkranken, wieder gesund werden und gar nie etwas von der Diagnose erfahren.

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