HPV-Impfung: Der Fall Jessica verunsichert

Eine junge Frau erkrankte nach einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs an multipler Sklerose. Nur ein Einzelfall? Eine Einschätzung von Arzneimittelexperte Stefan Russmann.

Nach einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs an MS erkrankt: Jessica Mühlethaler. Bild: SRF

Nach einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs an MS erkrankt: Jessica Mühlethaler. Bild: SRF

Felix Straumann@fstraum

Jessica Mühlethaler aus dem Kanton Waadt war 17-jährig, als sie plötzlich nicht mehr sehen konnte. Im Spital erhielt sie die Diagnose multiple Sklerose (MS). Ihr Augenlicht kam zwar schnell wieder zurück, doch die unheilbare Autoimmunerkrankung zwingt sie, lebenslang Medikamente zu schlucken. Jessica hatte davor eine Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) erhalten, die sie vor einem möglichen Gebärmutterhalskrebs schützen sollte. Es handelte sich um den Impfstoff Gardasil des Herstellers Sanofi Pasteur MSD, die in der Schweiz am häufigsten verwendete HPV-Impfung. Die junge Frau und ihre Eltern sind überzeugt, dass die MS-Erkrankung eine Folge der Impfung ist.

Der Fall, den die Sendung «Rundschau» publik gemacht hat, verunsichert viele. Die HPV-Impfung wird vom BAG seit 2008 für Mädchen und junge Frauen empfohlen – so wie in zahlreichen andern Länder auch. Gegenüber der «Rundschau» sagt Rudolph Stoller von der Abteilung Arzneisicherheit von Swissmedic, dass der Fall gemeinsam mit den Angehörigen und den behandelnden Ärzten intensiv abgeklärt worden sei. Es bestehe ein «klarer zeitlicher Zusammenhang» mit der Impfung. Ob sie die Ursache sei, müsse aber offengelassen werden. Weil der Nutzen mögliche Risiken überwiege, werde die Impfung weiterhin empfohlen.

Auslöser oder Ursache?

In der Sendung wird ein weiterer Fall in Frankreich erwähnt, bei dem es nach einer HPV-Impfung mit Gardasil ebenfalls zu MS gekommen ist. Eine staatliche Gesundheitskommission habe dabei bescheinigt, dass der Impfstoff die Erkrankung entweder ausgelöst oder beschleunigt habe.

Stefan Russmann, Leiter der Pharmakoepidemiologie und Arzneimittelsicherheit am Unispital Zürich, warnt gegenüber baz.ch/Newsnet jedoch vor einer voreiligen Interpretation des Falls. Aufgrund solcher unklarer Einzelfälle würde er ganz sicher nicht empfehlen, auf diese Impfung zu verzichten. «Wenn eine Impfung in der Bevölkerung sehr häufig durchgeführt wird, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines rein zufälligen Zusammentreffens eines MS-Schubes und einer vorangegangenen Impfung», so Russmann. Es brauche jetzt zuerst grosse epidemiologische Studien, um das zu klären. «Und selbst wenn man dort eine Assoziation finden würde, dann wäre immer noch die Frage, ob eine Impfung allenfalls eher als Auslöser denn als eigentliche Ursache eines MS-Schubes gelten kann.» Der Pharmakologe sagt, dass zum Beispiel auch bei der Hepatitis-B-Impfung diskutiert werde, ob MS eine Folge sein könnte: «Es bleibt trotz zahlreicher Studien kontrovers und schwierig zu beantworten.» Abgesehen davon gebe es auch Patienten, die einen MS-Schub nach einer Hepatitis-Infektion entwickelten, die man mit einer Impfung hätte verhindern können.

baz.ch/Newsnet

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