Ein Killervirus, das keine Angst macht

Hintergrund

Die WHO warnt vor dem neuen Coronavirus Mers, dabei ist es nicht sehr gefährlich und wenig ansteckend. Immunologe Beda Stadler wirft der WHO-Chefin Kalkül vor.

38 Tote in einem Jahr: Das Coronavirus Mers ist verwandt mit dem gefürchteten Sarsvirus – aber deutlich weniger verheerend.

38 Tote in einem Jahr: Das Coronavirus Mers ist verwandt mit dem gefürchteten Sarsvirus – aber deutlich weniger verheerend.

(Bild: Keystone)

Eben noch hat sich die Welt über ein neues Vogelgrippevirus aus China Sorgen gemacht. Nun steht schon der nächste Krankheitserreger vor der Tür. Dieses Mal ist es das Mers-Coronavirus. Mers steht für Middle East Respiratory Syndrome, zu Deutsch: Atemnotsyndrom des Mittleren Ostens. Seit April 2012 gab es vor allem auf der Arabischen Halbinsel 64 bestätigte Infektionen. 38 Menschen starben daran, meist an der Folge einer Lungenentzündung oder durch das Versagen eines inneren Organs. Das klingt besorgniserregend, dabei ist alles gar nicht so schlimm, wie Forscher sagen.

Richtig Angst machte Mers der Welt erst Ende Mai, als die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, an der Jahreskonferenz in Genf Folgendes verkündete: «Das neue Coronavirus ist eine Gefahr für die ganze Welt.» Dieser eine Satz brach das Eis. Fortan berichteten die weltweiten Medien über Mers und die Möglichkeit einer neuen Pandemie.

Alarmistische WHO

Die Forscher, die sich mit dem Virus befassen, sehen dem neuen Erreger jedoch gelassen entgegen. Immunologe Beda Stadler von der Universität Bern beurteilt das Potenzial des neuen Virus als unzureichend, um als Gefahr für die ganze Welt bezeichnet zu werden. «38 Tote in einem Jahr ist sehr wenig. Das sind Peanuts im Vergleich zu Grippe oder Masern», sagt er. In der Tat sterben allein in der Schweiz pro Jahr mehrere Hundert Menschen an der saisonalen Grippe.

Alarmistische Äusserungen seien jedoch typisch für die WHO, so Stadler. «Sie hat uns eine Vogelgrippe untergejubelt und eine Schweinegrippe. Aber beides waren normale Grippen und stachen nicht heraus. Das ist also reine Panikmache.» Warum tut die Generaldirektorin so etwas? «Sie sucht den internationalen roten Teppich. Ich sehe sonst keinen Grund, warum das jemand macht», sagt Stadler.

Für Chan geht die Rechnung auf. Ihr Satz wird rund um den Globus zitiert, und Mers ist mit einem Schlag weltberühmt. Auf den ersten Blick ist es das zu Recht. Da gibt es beispielsweise seine Mortalitätsrate, die gemäss offizieller Statistik bei über fünfzig Prozent liegt. Ein solcher Wert treibt sogar dem abgebrühtesten Gesundheitsbeamten die Schweissperlen auf die Stirn. Doch diese offiziellen Angaben sind mit Vorsicht zu geniessen, sagt Victor Corman von der Universitätsklinik Bonn.

Frappante Unterschiede zu Sars

Er ist dafür zuständig, Schnelltests zu entwickeln, wenn neue Viren wie Mers auftauchen. «Es gibt bei den Ansteckungen eine riesige Dunkelziffer. Das betrifft vor allem die leichten Fälle. Die tauchen gar nie in einer Statistik auf», sagt er. Die Statistik erfasst nur die schweren Fälle und die Toten. «Darum muss man diese Todesrate sehr vorsichtig betrachten», sagt Corman. Sie könnte tatsächlich bei unter zehn Prozent liegen, wie er meint. Zudem hatten die meisten Leute, die bisher an Mers starben, ein geschwächtes Immunsystem oder waren mit anderen Grunderkrankungen vorbelastet.

Doch es gibt noch andere Gründe, die dazu führen, dass sich die Angst vor Mers verbreitet. Als Coronavirus ist es ein Cousin des gefürchteten Sarsvirus, das 2003 weltweit rund 8000 Menschen infiziert und rund 800 getötet hat. Ist Mers das neue Sars?

Volker Thiel vom Institut für Immunbiologie des Kantonsspitals St. Gallen verneint. «Sie sind schon verwandt. Trotzdem sind es ganz unterschiedliche Viren», sagt Thiel. Ihnen gemeinsam ist die Fähigkeit, tief in die Lungen einzudringen und diese zu infizieren. Dabei sterben Zellen der äussersten Zellschicht ab. Im Extremfall führt das zu einer Lungenentzündung und zum Tod. Im besten Fall gibt es einen Husten, und der Patient fühlt sich wie bei einer leichten Erkältung. Frappant sind die Unterschiede. Sars sprang seinerzeit leicht von Mensch zu Mensch über, Mers hingegen zeigte sich bisher als weitaus weniger ansteckend.

Übertragung von Mensch zu Mensch funktioniert schlecht

Das konnten die deutschen Forscher inzwischen bestätigen. Victor Corman ist Teil eines Teams, das den Fall des einzigen Mers-Opfers in Deutschland genauer untersucht hat. Es handelte sich um einen 73 Jahre alten Mann, der von Abu Dhabi in ein Spital in München überführt wurde und während der Behandlung an einem septischen Schock verstarb.

Während des Transports nach Deutschland und später in der Klinik hatte er Kontakt mit mehreren Dutzend Menschen. Corman und seine Kollegen spürten diese auf und entnahmen ihnen eine Blutprobe. Die Untersuchungen zeigten, dass keiner von ihnen das Virus in sich trug. «Daraus schliessen wir, dass die Übertragung von Mensch zu Mensch nur schlecht funktioniert», sagt Corman. Darauf deutet auch die niedrige Zahl der bestätigten Infektionen.

Aber Menschen sind nicht die einzigen Verbreitungsquellen von Mers. Corman vermutet, dass der Ursprung des neuen Virus in Fledermäusen liegt. Diese Tiergruppe ist eine bekannte Quelle von Coronaviren. Auch Sars kam ursprünglich von dort und sprang via Schleichkatzen auf den Menschen über. Bei Mers vermutet Corman ebenfalls einen solchen Zwischenwirt.

Sind Kamele schuld?

Eine heisse Spur führt zu einem Kamel. «Der Patient in München hatte in seiner Heimat offenbar viel Kontakt mit Kamelen. Gerüchten zufolge war eins davon krank», sagt Corman. Der einzige Weg zur Gewissheit lautet: hingehen und nachsehen. «Wir nehmen jetzt Blutproben bei Tieren auf der Arabischen Halbinsel, bis wir den Zwischenwirt des Virus gefunden haben», sagt Corman. Dann können Gegenmassnahmen ergriffen werden. Entweder müssen einige Kamele geschlachtet werden, oder der Umgang mit ihnen muss verändert werden. Auf diese Weise kann das Virus langfristig vom Menschen ferngehalten werden.

Aber könnte Mers nicht doch noch zu einem gefährlichen Erreger mutieren? Dieses Szenario halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Die Evolution deutet eher in Richtung Mässigung. Das zeigte sich auch bei Sars. Es hat sich während der Epidemie 2003 immer mehr abgeschwächt. «Viren haben kein grosses Interesse daran, ihren Wirt zu töten», sagt Corman. Ansonsten würden sie sich selbst vernichten. Und auch Beda Stadlers Einschätzung ist klar: «Nach einem Jahr Pseudowüter wird es sich nicht plötzlich zu einem Wüter entwickeln.»

Tages-Anzeiger

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