Das dicke Ende von Raucherkarrieren

Wer mit dem Rauchen aufhört, nimmt durchschnittlich um vier bis fünf Kilogramm zu, wie eine neue Studie zeigt. Fast jeder Zehnte verliert hingegen an Gewicht.

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(Bild: Felix Schaad / Tages-Anzeiger)

Felix Straumann@fstraum

Ausgerechnet sie trifft es am härtesten: junge Frauen, die Sport treiben, kontrolliert essen und ihr Gewicht dadurch gut im Griff haben. Wenn sie dann von der Zigarette wegkommen wollen, ist das Risiko gross, dass sie zunehmen. Dies, weil sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um gegen die natürliche Tendenz zur Gewichtszunahme nach einem Rauchstopp anzukämpfen. Eine gewisse Tragik hat dies vor allem bei jenen, die ursprünglich mit Rauchen im Glauben begonnen haben, deswegen ein paar Pfunde zu verlieren. Sie schieben einen Rauchstopp immer weiter hinaus und riskieren gesundheitliche Schäden.

Solche Klientinnen hat Isabella Sudano selten. Die Internistin leitet die Tabakentwöhnungs-Sprechstunde am Universitätsspital und betreut vor allem ältere Patienten, die wegen Krebsleiden, Herzinfarkts oder schwerer Atembeschwerden definitiv mit Rauchen aufhören müssen. Sudano weiss um die Hürden beim Ausstieg: «Es ist extrem wichtig, beim Rauchstopp über das Gewicht zu reden», sagt sie. «Die Patienten machen umso besser mit, je mehr sie informiert sind.» Vor allem Frauen würden wieder mit Rauchen beginnen, wenn sie unvorbereitet mehr als zwei, drei Kilogramm zunähmen. Andere legen so viele Pfunde zu, dass sie sich damit ein neues Gesundheitsrisiko einhandeln – das allerdings niemals so hoch sei wie dasjenige von Zigarettenrauch, wie Isabella Sudano betont.

Bis zu 20 Prozent nehmen ab

Eine neue Übersichtsstudie zeigt, dass der Kampf der Ausstiegswilligen noch härter ist, als bislang gedacht. Denn demnach ist die durchschnittliche Gewichtszunahme innerhalb eines Jahres mit vier bis fünf Kilogramm deutlich höher als die zwei bis drei Kilogramm, von denen sonst meist die Rede ist. Zu dieser Erkenntnis kommen Mediziner um Henri-Jean Aubin von der Universität Paris-Sud, nachdem sie 62 Studien zum Thema ausgewertet haben. «Frühere Berichte haben die durchschnittliche Gewichtszunahme unterschätzt», schreiben sie im «British Medical Journal». Im ersten Jahr nach dem Rauchstopp legen die meisten kontinuierlich an Gewicht zu – wie es danach weitergeht, haben die Forscher nicht untersucht.

Allerdings variierte die Änderung des Körpergewichts beträchtlich: Während 13 bis 14 Prozent nach 12 Monaten mehr als 10 Kilogramm zugenommen hatten, hatten 16 bis 20 Prozent sogar weniger auf den Rippen als zuvor als Nikotinsüchtige. «Dies ist die erste Studie, die genau auswertet, wie viele Leute nach einem Rauchstopp Gewicht verlieren», sagt Sudano. Dies sei vor allem möglich, wenn man gut betreut werde und Sport mache.

Der Appetit steigt

Die gute Nachricht der Studie ist also: Eine Gewichtszunahme ist kein unabänderliches Schicksal.Dass die meisten dennoch zunehmen, hat zwei Gründe. Einer ist physiologischer Natur: Das Nikotin hemmt den Appetit und steigert den Stoffwechsel. Das heisst, der Körper nimmt weniger Kalorien auf und verbrennt mehr. Wenn die stetige Zufuhr der Suchtsubstanz nach einem Rauchstopp wegfällt, steigt der Appetit, und der Stoffwechsel verlangsamt sich – zumindest vorübergehend: «Der Körper gewöhnt sich mit der Zeit an das Fehlen von Nikotin», sagt Sudano.

Eine Gewöhnung ans Nikotin tritt übrigens auch ein, wenn man mit Rauchen beginnt. Aus diesem Grund bringt es wenig, mit Rauchen anzufangen, um ein paar Kilos leichter zu werden: «Nicht wenige Frauen tun dies», sagt Sudano. «Doch das Gewicht geht nur am Anfang runter und pendelt sich nach einer Anpassungszeit auf annähernd dem Ausgangsgewicht wieder ein.»

Naschen anstatt Rauchen

Der zweite Grund für eine Gewichtszunahme nach dem Rauchstopp ist psychologisch: Ohne die regelmässige Zigarette fehlt Ex-Rauchern die regelmässige Belohnung, was sie mit Naschen kompensieren. «Essen ist im Alltag die am einfachsten verfügbare Belohnung», sagt Sudano. In den Gesprächen rät sie ihren Patienten deshalb, sich mehr zu bewegen und weniger Snacks und Ähnliches einzukaufen. Wenn genascht wird, soll es etwas Kalorienarmes wie Gemüse sein. «Man muss sein Leben umstellen und Gewohnheiten ändern», so die Ärztin. Bei manchen Patienten setzt sie Medikamente zur Unterstützung ein: Nikotinersatz in ausreichend hoher Dosierung oder Entwöhnungspillen.

«Insbesondere Männer unterschätzen manchmal das Problem der Gewichtszunahme», sagt Sudano. Wenn sie in der Sprechstunde das Thema anspreche, antworteten die meisten, zusätzliche Kilos würden sie nicht stören. Einige nehmen dann gewaltig zu. «Bei sieben und mehr Kilogramm wird dies zum gesundheitlichen Problem.» Auch wenn es Sudano am liebsten sieht, wenn Patienten ohne Gewichtszunahme mit Rauchen aufhören: «Zwei, drei Kilogramm mehr spielen für die Gesundheit sicher keine Rolle.»

Tages-Anzeiger

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