Dampfend gegen das Rauchen ankämpfen

Dornach/Büren

Eva und Peter Berger haben zusammen 90 Jahre geraucht. E-Zigaretten sollen ihnen jetzt aus der Sucht helfen.

Das Liquid ist die nikotinhaltige Flüssigkeit, die von einer E-Zigarette verdampft wird.

Das Liquid ist die nikotinhaltige Flüssigkeit, die von einer E-Zigarette verdampft wird.

(Bild: Keystone)

Lisa Groelly

Sie habe gar nie mit dem Rauchen anfangen wollen. Von Beginn weg sei es ihr Ziel gewesen, möglichst schnell wieder damit aufzuhören. Doch dafür sei sie stets zu schwach gewesen, sagt Eva Berger. «Das begleitet mich das ganze Leben.» Seit ihrer ersten Zigarette sind 40 Jahre vergangen. «Damals, zu unseren Töffli-Zeiten, haben alle geraucht. Und dass es von den Eltern verboten wurde, machte es umso spannender.» So schildert die 61-Jährige die Umstände, unter denen sie in die Zigarettensucht geraten ist. «Man wollte cool sein und dazugehören», fügt ihr Mann Peter an. Er ist 63 Jahre alt und raucht sogar schon seit 50 Jahren.

Das Ehepaar aus Büren macht vom Angebot der Suchthilfe Ost Gebrauch. Die Organisation führt im Kanton Solothurn in den Regionen Olten, Gösgen, Gäu, Thal, Dorneck und Thierstein seit Dezember einen Pilotversuch für Personen durch, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Dabei werden kostenlos E-Zigaretten ausgehändigt und Beratungsgespräche geführt.

Seit zwei Monaten sind die Bergers nun am Dampfen. Beim ersten Gespräch hat ihnen der Berater Patrick Santoux vier verschiedene E-Zigaretten-Modelle vorgestellt, die diversen «Liquids» gezeigt und mit ihnen nach der richtigen Dosierung des Nikotins gesucht. Das Liquid ist die nikotinhaltige Flüssigkeit, die von einer E-Zigarette verdampft wird. Das Ehepaar startete mit einer Mischung aus 15 Milligramm Nikotin pro Milliliter. Für starke Raucher ist es zu Beginn wichtig, die Dosierung genügend hoch einzustellen, damit man nicht den ganzen Tag dampfen muss, um seinen Bedarf zu stillen.

Noch ein halbes Päckli statt zwei

«Es läuft sehr gut. Erstaunlich ist ja, dass der körperliche Entzug komplett ausbleibt», sagt Peter Berger. Dank der E-Zigis konnte das Ehepaar seinen Zigarettenkonsum von je zwei Päckchen täglich auf ein halbes reduzieren. Vor allem am Abend gönnen sich die beiden nach wie vor ihre gewohnten Glimmstängel. «Die Finger haben ja sonst gar nichts mehr zu tun», sagt Peter Berger. Aber: «Wenn man den ganzen Tag gedampft hat, ist die erste Zigarette unglaublich ‹gruusig›», sagt Eva Berger. Doch wenn ihr Mann neben ihr rauche, könne sie trotzdem nicht widerstehen und müsse sich auch eine anzünden.

Patrick Santoux zeigt sich erfreut über die Fortschritte seiner Klienten: «Ich hätte nicht gedacht, dass sie das Rauchen in so kurzer Zeit so stark reduzieren. Das ist natürlich super.» Er hält sich während des Beratungsgesprächs an einen vorgefertigten Fragebogen. So will er von den beiden wissen, wie es ihnen ergangen ist, welche Erfahrungen sie gemacht haben, oder wie oft sie noch den Drang nach einer Zigarette verspüren. Ihre Antworten nimmt er auf, macht sich einige Notizen. Santoux kommentiert oder wertet die Aussagen aber nicht. Er nimmt sie zur Kenntnis, hakt nach oder gibt Tipps.

Keine Hemmungen

Die Idee der Suchthilfe Ost ist es, eine Alternative zum Rauchen anzubieten. «Jede Zigarette, die nicht geraucht wird, ist für uns ein Erfolg», sagt Santoux. Das Projekt sei gut angelaufen. Santoux begleitet derzeit rund zwölf Personen. In seinem Team sind sechs weitere Berater, die alle etwa gleich viele Leute betreuen. Wie Santoux betont, gehe es bei dem Projekt keineswegs darum, Druck aufzusetzen. «Nicht wir setzen die Ziele, sondern die Klienten sollen ihre Ziele selber erkennen und definieren.»

Dies kommt beim Ehepaar Berger gut an. Sie gehen gerne an die Beratungsgespräche und haben keine Hemmungen, hier offen und ehrlich von ihren Erfahrungen zu erzählen. «Wenn ich Ja gesagt habe zu diesem Projekt, will ich dies auch durchziehen und ehrlich sein. Zudem ist die Entwicklung für mich doch genauso interessant wie für die Institution», betont Peter Berger.

13 Franken pro Woche statt 224

Wie der Versuch für Eva und Peter Berger ausgehen soll, ist derzeit noch offen. «Mein erstes Ziel ist es, das Dampfen zu meinem Ritual zu machen. Sodass ich intuitiv Lust habe, zu dampfen, anstatt zu rauchen. Wenn es so weit ist, kann man den Nikotingehalt senken», sagt Peter Berger. Er beabsichtige nicht primär, seinen Konsum komplett einzustellen. «Wenn das gelingt, umso besser.» Seine Frau hingegen hat höhere Ziele: «Momentan bin ich sehr euphorisch. Ich möchte mit allem aufhören. Doch vielleicht ist das unrealistisch.»

Nicht zuletzt ist für Eva und Peter Berger auch der finanzielle Aspekt ein Anreiz. Gaben sie früher 32 Franken pro Tag für Zigaretten aus, kostet ein Liquid, das für eine Person rund eine Woche reicht, nur 6.50 Franken.

Vom Projekt der Suchthilfe Ost hat Eva Berger aus der Zeitung erfahren. «Dann bin ich meinem Mann eine Woche lang damit hinterhergelaufen, bis ich ihn überzeugt habe», erzählt sie. Kurz darauf haben sie sich mit Patrick Santoux getroffen. Nach dem ersten Gespräch war die Motivation sehr gross. «Wir wollten die E-Zigarette ausprobieren und haben zu Beginn sehr streng auf das Rauchen verzichtet», erzählt Peter Berger. Mittlerweile würden sie wieder etwas öfter zur Zigarette greifen. Was für die beiden besonders ungewohnt ist, sind die langen Pausen zwischen dem Dampfen. «Im Vergleich zum Rauchen geht es viel länger, bis man wieder das Bedürfnis danach hat», sagt Eva Berger. Dafür würde das Dampfen aber auch etwas länger dauern. «Man macht einfach so lange, bis man das Gefühl hat, es ist genug», beschreibt Peter Berger. Sein Liquid trägt den Namen «Sweet Tobacco», dasjenige seiner Frau riecht nach Kaffee. «Das Mundgefühl ist nach dem Dampfen viel besser», sagt sie. Die Bergers beschreiben den Geschmack als sehr intensiv. «Man wird quasi zum wandelnden Raumbedufter», witzelt Peter Berger.

Gegessen statt geraucht

Eva Berger ist Hausfrau, ihr Mann arbeitet Teilzeit bei einem Grossverteiler. Nach zahlreichen Operationen an Hüften, Knien und Rücken ist er nur noch zu knapp zwanzig Prozent arbeitsfähig. Die beiden haben zwei erwachsene Kinder und drei Enkel. Ein vierter ist unterwegs. Die Tochter hat es gemeinsam mit ihrem Ehemann mittlerweile geschafft, von den Zigaretten loszukommen. Der Sohn raucht noch immer. «Die Kinder hatten mit uns ja auch kein Vorbild, um mit dem Rauchen aufzuhören», sagt Eva Berger. Einmal hatte sie es geschafft, während zweieinhalb Jahren nicht zu rauchen. «In dieser Zeit habe ich 15 Kilogramm zugenommen, weil ich statt geraucht einfach gegessen habe. Und dann habe ich wieder angefangen.»

Peter Berger wollte sehr lange gar nicht aufhören. «Ich sah keinen Grund dazu», sagt er. Auch hätten sich bei ihm und seiner Frau kaum negative Nebenerscheinungen bemerkbar gemacht. «Wir haben schon manchmal ein bisschen gehüstelt, aber das war kein tiefer, starker Raucherhusten. Ich war immer überzeugt: Wenn es mir einmal wirklich schlecht geht, dann höre ich automatisch auf.» Doch auch nachdem bei Peter Berger Blasenkrebs diagnostiziert worden war, rauchte er weiter. Umso überraschter ist er jetzt, wie gut es ihm dank E-Zigaretten gelingt, die normalen Zigaretten so stark zu reduzieren.

Gemeinsam aufhören

Für die beiden habe es sich bereits jetzt gelohnt, beim Pilotprojekt dabei zu sein. «Ich bin froh, dass wir es gemacht haben», sagt Peter Berger. Auch seine Frau ist überzeugt, dass sie von sich aus nie eine E-Zigarette gekauft hätte: «Ich hatte einmal eine E-Zigi von einem Nachbarn ausgeliehen, doch mit dieser hatte ich keinen Erfolg.» Peter Berger weiss einen weiteren Grund, warum es ihnen leicht fällt: «Entscheidend ist sicher auch, dass wir gemeinsam aufhören.»

Angst, dass E-Zigaretten bisher unbekannte Gefahren bergen könnten, haben die beiden nicht. Eva Berger: «Die Risiken des Rauchens haben uns ja auch nie davon abgehalten. Leider.»

Basler Zeitung

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