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Gesunkener Dampfer in San Francisco erscannt

Am 22. August 1888 sank die City of Chester im dichten Nebel, wo heute die Golden Gate Bridge steht. Nun haben Forscher das Wrack entdeckt – und entlasten damit gleichzeitig die angeblich Schuldigen.

Liegt 66 Meter unter der Wasseroberfläche in der Bay Area in San Francisco: Die City of Chester. (hier ein Scan-Bild, das die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) freigegeben hat)
Liegt 66 Meter unter der Wasseroberfläche in der Bay Area in San Francisco: Die City of Chester. (hier ein Scan-Bild, das die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) freigegeben hat)
NOAA

Dichter Nebel umhüllte die City of Chester, als Familienangehörige den 106 Passagieren eine gute Reise wünschten und das Dampfschiff langsam aus dem Hafen von San Francisco auslief. Weit kam die Chester nicht: Nur Momente nachdem er vor den Toren eines der damals wichtigsten Häfen der Welt gänzlich im Nebel verschwunden war, zerbrach der Dampfer in zwei Teile – das doppelt so grosse Schiff Oceanic hatte die Chester gerammt. Wenige Minuten später war die Chester gesunken.

16 Menschen starben, darunter zwei Kinder. Das Unglück gilt noch heute als zweitschlimmste Havarie der Bucht von San Francisco – obwohl sie sich bereits am 22. August 1888 abspielte.

In 66 Meter Tiefe

Die Katastrophe liegt damit mittlerweile fast 126 Jahre zurück, ist in San Francisco nun jedoch aktueller denn je. Ein Team der US-amerikanischen Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA fand das Wrack der Chester in knapp 66 Meter tiefem Wasser direkt an der weltberühmten Golden Gate Bridge – zufällig bei der Aufzeichnung von Fahrwasserrinnen.

Crewmitglieder konnten ihren Fund kaum fassen. «Die Möglichkeit zu bekommen, mit maritimer Geschichte in Berührung zu kommen und ein mehr als 100 Jahre altes Wrack zu finden...das war unglaublich erfüllend», sagte etwa Laura Pagano nach der Entdeckung. Sie schränkte gleichzeitig ein: «Auf eine Weise war es aber auch traurig wegen des Verlusts der Leben.»

Wegen Strömung kaum manövrierfähig

Die Chester sollte ursprünglich ihren Weg nach Eureka in Kalifornien antreten. Von dort aus war eine Weiterfahrt in Richtung Portland im US-Staat Oregon geplant. Bevor es so weit kommen konnte, schob sich der Bug der zweimal so grossen Oceanic drei Meter tief in den Schiffsrumpf der Chester. Fünf bis sechs Minuten später war die Chester komplett untergegangen. Die Oceanic überstand die Katastrophe mit ein paar Beulen im Rumpf.

Im dichten Nebel hatten sich die beiden Schiffsbesatzungen vermutlich auf einer halben Meile Entfernung entdeckt, schafften es aber nicht mehr rechtzeitig, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Wegen einer Strömung nahe dem Eingang der Bucht war die Chester zudem kaum manövrierfähig.

Die Chinesen bewiesen Heldenmut

Die Wissenschaftler, die die Chester fast 126 Jahre nach ihrem Untergang entdeckten und mit speziellem Sonargerät dreidimensionale Aufnahmen des Wracks anfertigten, fanden Erstaunliches zur Ursache des Unfalls heraus. Während über ein Jahrhundert lang vermutet wurde, die Immigranten auf der Oceanic seien verantwortlich für das verheerende Unglück gewesen, zeigt sich nun: Der Skipper der Chester ist laut Untersuchungsbericht Schuld an dem Zusammenstoss – ungeachtet der Zeitungen, die sich damals auf die chinesischen Crewmitglieder der Oceanic als Sündenböcke stürzten.

James Delgado, der bereits 2010 bei der Kartografierung der Titanic als federführender Wissenschaftler dabei war, stellte fest: Die Chinesen bewiesen Heldenmut. Die Zeitungen hätten berichtet, die chinesische Crew habe nur herumgestanden und die Menschen ertrinken lassen, sagte Delgado. Stattdessen liess der Oceanic-Kapitän sein Schiff so lange wie möglich im Schiffsrumpf der Chester stecken, um das Loch zu stopfen und den Passagieren die Chance zur Flucht zu geben. Einige an Bord der Oceanic seien ins Wasser gesprungen, um ein Kind zu retten, so Delgado.

Gleiches Schicksal für SS City of Rio de Janeiro

«Crewmitglieder der Oceanic streckten vom Bug aus ihre Hände nach unten, um Überlebende auf das Deck zu heben», berichtete Robert Schwemmer von der NOAA. «In den fünf oder sechs Minuten nach der Kollision rettete die Crew eine Menge Menschenleben.»

Die Geschichte der Chester wird nun auf einer Anzeigetafel auf dem früheren Flughafen Crissy Field erzählt, der heute Teil des Golden-Gate-Nationalparks ist. Von hier aus ist der Blick frei auf die Unglücksstelle – direkt neben der Golden Gate Bridge.

Nur bei einer Schiffstragödie kamen laut NOAA in San Francisco mehr Menschen ums Leben. 13 Jahre nach der Chester ging die SS City of Rio de Janeiro in der Bucht unter – und riss mehr als 120 Menschen in den Tod.

SDA/cpm

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