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Die Conradi-Affäre

Wie der Bundesrat nach dem Attentat in Lausanne von 1923 die Konfrontation mit der Sowjetunion suchte.

«Ich bin Schweizer!» Der Attentäter Moritz Conradi, aufgenommen im Gefängnis von Lausanne am 14. Mai 1923
«Ich bin Schweizer!» Der Attentäter Moritz Conradi, aufgenommen im Gefängnis von Lausanne am 14. Mai 1923
SRF

Giuseppe Motta verbringt eine unruhige Nacht. Um zehn Uhr abends klingelt beim Bundesrat das Telefon – und es wird nicht mehr still im Haus, bis der Morgen dämmert. Ein Schweizer hat in Lausanne einen sowjetischen Diplomaten erschossen. Dass es eine politische Tat war, ist unbestritten. Die Schweizerische Depeschenagentur hat die Nachricht bereits in die Welt telegrafiert, die Morgenzeitungen berichten. Was tun? Motta hat die Frage eine Nacht lang gewälzt. Jetzt muss er los.

Es ist Freitag, der 11. Mai 1923, neun Uhr vormittags. Der Bundesrat kommt in Bern zu seiner wöchentlichen Sitzung zusammen. Motta, der Chef des Politischen Departements, ist zuständig für die Aussenpolitik. Er berichtet, was vorgefallen ist. Sein Blick schweift in die Runde. Er sieht Jean-Marie Musy, seinen CVP-Parteikollegen aus Freiburg. Musy leitet das Finanzdepartement und ist ein vehementer Anti-Kommunist. Anwesend ist auch Edmund Schulthess, ein Freisinniger aus dem Aargau. Er führt das Volkswirtschaftsdepartement und würde gerne mit der Sowjetunion ins Geschäft kommen. Musy und Schulthess mögen sich nicht. Sie belauern sich ständig.

Sitzung ohne Krach

Der Tote ist Wazlaw Worowski. Angereist war er für eine Konferenz, ohne diplomatischen Schutz zu genies­sen, denn die Schweiz und die Sowjetunion unterhalten keine offiziellen Beziehungen. Nun entsendet die Kommunistische Partei der Schweiz einen gewissen Dr. Wyser nach Lausanne. Er soll die Interessen der Sowjetunion vertreten, wie Motta um drei Uhr morgens erfahren hat. Demonstrationen sind angekündigt, Journalisten stellen Fragen. Die Bundesräte müssen sich fest­legen: Wie soll sich die Schweiz zum Attentat verhalten?

Musy will die Angelegenheit am liebsten beschweigen. Er empfindet jede Reaktion als Entgegenkommen gegenüber der Sowjetunion. Seine Kollegen sind anderer Meinung: Eine Mehrheit beschliesst, ein knappes Communiqué zu veröffentlichen. Zurück­gewiesen wird das Ansinnen der Kommunistischen Partei: Es könne «keine Rede davon sein, den Herrn Dr. Wyser als Vertreter der Russen zu behandeln», heisst es im Sitzungsprotokoll. Die Demonstrationen werden erlaubt.

Wie aber ist das Attentat zu qualifizieren? Es ist die wichtigste Frage der Sitzung. Die Bundesräte einigen sich, den Anschlag «nicht als Staatsverbrechen», sondern als «private Tat» zu behandeln, verurteilen ihn aber «als eine Verletzung der Moral und der Gesetze, die die demokratische Rechtsordnung schützen», wie es im Communiqué heisst. Damit können alle leben, auch Musy und Schulthess. Man geht auseinander, einigermassen zufrieden. Der Krach ist ausgeblieben.

Empört sind die Kommunisten. Sie reagieren mit Kundgebungen und Protestnoten. In Zürich gehen ein paar Tausend, in Moskau mehrere Hunderttausend Menschen auf die Strassen. Die kommunistischen Zeitungen wittern eine faschistische Verschwörung, die sowjetische Regierung schickt ein Telegramm nach Bern und beschuldigt den Bundesrat, eine «schwere und absolut offensichtliche Verantwortung» am Attentat zu haben. Das Schreiben ist adressiert an Giuseppe Motta. Auf eine schlaflose Nacht folgen hektische Tage.

Diesen Abend (Mittwoch, 29. März) zeigt das Schweizer Fernsehen einen Film über das Leben des Attentäters (SRF 1, 22.55 Uhr). Sein Name ist Moritz Conradi.

Der Streit zwischen der Schweiz und der Sowjetunion, den seine Tat bewirkte, wird über zwanzig Jahre währen. Heute fast vergessen, wurde Conradi damals über Nacht berühmt. Zeitungen in aller Welt berichteten über ihn und sein Leben. Sie schilderten die Geschichte eines tiefen Falls.

Ein Zuckerbäcker-Märchen

Geboren wird Moritz Alexander Conradi am 16. Juni 1896 in St. Petersburg. Sein Grossvater war 1850, mit 15 Jahren, aus dem bündnerischen Andeer nach Russland ausgewandert und hatte eine Schokoladen­fabrik gegründet. Der kleine Moritz ist privilegiert, er lebt mit den Eltern und den fünf Geschwistern im Stadt­zentrum, von Dienstmädchen umsorgt. Ferien verbringt man in der eigenen Datscha auf der Krim. Die Armut, die den Grossvater fortgetrieben hat, ist längst überwunden. Die Conradis zählen zur Handel­s­elite in Russland und beschäftigen bis zu fünfhundert Angestellte. Ein Zuckerbäcker-Märchen.

Es endet 1917, als die Kommunisten die Macht übernehmen. Moritz Conradi erlebt, wie seine Familie enteignet und entrechtet wird. Es ist ein lebens­umstürzendes Ereignis: Der Vater verendet abgemagert an einer Krankheit, Onkel und Tante werden erschossen. Moritz schwört Rache.

Er schliesst sich der Weissen Armee an und kämpft im Bürgerkrieg gegen die Peiniger seiner Familie. Er hasst die «roten Hunde», wie er die Kommunisten nennt, er will mindestens einen von ihnen töten. Als der Krieg verloren ist, flieht er nach Zürich. Er findet eine Stelle als technischer Zeichner bei Escher Wyss. Im März 1923 kauft er sich eine Browning, eine belgische ­Pistole. Sechs Wochen später fährt er im Zug nach Lausanne.

Die Kugel trifft Worowski über dem rechten Ohr, er ist auf der Stelle tot. Conradi ruft in den Speisesaal des Hotels Cecil: «Das ist für die Kommunisten!» Er hat viel getrunken, mindestens zwei Flaschen Champagner und einen halben Liter Dézaley. Die Gäste flüchten aus dem Saal, nur Hans Willimann, der Restaurantchef, geht langsam auf Conradi zu. Er bittet ihn, die Waffe niederzulegen. Conradi zögert einen Moment, dann schreit er: «Ruft die Polizei!» Er reisst sein Hemd auf. «Schaut auf meine Brust! Ich bin Schweizer! Ich habe eine gute Sache getan, denn die Russen haben Europa ruiniert!» Sein Französisch hat eine russische Färbung.

Er geht in die Lobby, wo ein Orchester spielt, und wünscht sich ein Musikstück: «Åses Tod» aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg. Die Musiker verweigern ihm den Wunsch. Conradi ärgert sich nicht. Er wartet ruhig auf die Polizei und sagt jedem, den er sieht, die «roten Hunde» hätten seinen Vater getötet und er sei «der neue Wilhelm Tell». Eine halbe Stunde später klingelt das Telefon von Giuseppe Motta.

Aristokraten im Gerichtssaal

Dass die sowjetische Regierung die Schweiz für das Attentat verantwortlich macht, missfällt Motta. Er überzeugt den Bundesrat, eine harsche Antwort nach Moskau zu schicken. Die Schweiz verlangt von der Sowjetunion, sie solle die Auslandschweizer im sowjetischen Staatsterritorium für die «unerhörten Gewalttaten und Beraubungen» ­entschädigen. Die Fronten verhärten sich.

Conradi wartet im Gefängnis von Lausanne auf seinen Prozess. Das ­Polizeifoto zeigt einen schmalen Mann mit feinen Gesichtszügen, markanter Augenpartie und dunklen Haaren, die seinen Kopf wie eine Badekappe bedecken. Er ist populär im Volk und erhält viele Süssigkeiten zugeschickt. Im November tritt er vor Gericht.

Die Verhandlung ist ein internationales Ereignis. Über achtzig Journalisten sind akkreditiert, im Publikum sitzen viele russische Aristokraten und rufen oft dazwischen. Conradi ist ihr Held. Der Gerichtspräsident lässt die Zuschauer gewähren, Motta hat ihn extra gemahnt, nicht zu intervenieren.

Dann das Urteil: Freispruch! Nur fünf von neun Geschworenen halten Conradi für schuldig, eine Verurteilung bedingt eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Vier Geschworene lassen sich überzeugen, Conradi habe gleichsam aus Notwehr gegenüber dem Kommunismus gehandelt. So überraschend dieses Urteil ist, so überraschend verzichtet die Staatsanwaltschaft auf eine Berufung. Die sowjetische Regierung reagiert prompt: Sie verweigert Schweizern die Ausreise.

Die Beziehungen verbessern sich mit den Jahren, aber erst 1946 normalisieren sie sich vollständig. Giuseppe Motta ist da schon seit sechs Jahren tot. Moritz Conradi erlebt die Annäherung noch – und verflucht sie. Er stirbt 1947 in Graubünden, von wo sein Grossvater einst aufgebrochen war.

Literatur: Alfred Erich Senn, Assassination in Switzerland, The murder of Vatslav ­Vorovsky, Madison 1981.Quellen: www.dodis.chFilm: Die Affäre Conradi – Der Attentäter, Russland und die Schweiz. Heute um 22.55 Uhr auf SRF 1.

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