Zum Hauptinhalt springen

Der grosse Durst der Eidgenossen

Ab dem 19. September zeigt das Landesmuseum im Château des Prangins «Geschichten über das Trinken in der Schweiz» – überraschende Einsichten in die Kultur der Flüssigkeitsaufnahme.

Um das Jahr 1900 konsumieren die Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt fast 16 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr. Die weniger angenehmen Seiten des Konsums zeigt der gerötete Trinker auf dem Gemälde von Ludwig Werlen (1884–1928).
Um das Jahr 1900 konsumieren die Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt fast 16 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr. Die weniger angenehmen Seiten des Konsums zeigt der gerötete Trinker auf dem Gemälde von Ludwig Werlen (1884–1928).
Musée d'Art, Sion, Foto: Heinz Preisig
«Fressen saufen und pagenthiern, Tutt uns gsellen vom Handtwerck füeren» – ein Glasgemälde als Mahnung vor den wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Folgen des Trinkens.
«Fressen saufen und pagenthiern, Tutt uns gsellen vom Handtwerck füeren» – ein Glasgemälde als Mahnung vor den wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Folgen des Trinkens.
Schweizerische Landesmuseen, Zürich
Der Wein als Begleiter eines guten Essens: Dieses Plakat, eine Farblithografie von Cuno Amiet aus dem Jahr 1921, zierte das Bahnhofsbuffet in Basel – ein historische Werbung für den Konsum von kostspieligen Getränken.
Der Wein als Begleiter eines guten Essens: Dieses Plakat, eine Farblithografie von Cuno Amiet aus dem Jahr 1921, zierte das Bahnhofsbuffet in Basel – ein historische Werbung für den Konsum von kostspieligen Getränken.
Peter Thalmann, Bibliothèque nationale suisse BN
1 / 4

Wer weiss schon noch, wie es sich anfühlt, wenn «Bavaroise» oder «Hippokras» die Kehle hinunterrinnen? Und wie der Mensch sich nachher fühlt? Nur wenig ist bekannt von den Trinksitten der Ahnen, doch sicher ist, dass die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz seit jeher als trinkfest gelten – bis in die Gegenwart. Im vergangenen Jahr nahm die Bevölkerung pro Kopf im Durchschnitt 8,8 Liter reinen Alkohol zu sich, wobei das Schlucken von Spirituosen zunahm – allen voran beim Whisky, der sogar dem heimischen Kirsch den Rang ablief.

Sprichwörter auf Kosten der Eidgenossen

Schon zu Zeiten der alten Eidgenossenschaft sagten die Spötter: «Im Bauch haben die Schweizer einen Igel, der sie zwickt, wenn er nicht im Wein schwimmt». Ein Glasgemälde aus der Zeit um 1600 wird den Besuchern die Auswirkungen des Allzuviel aufzeigen: Der Alkohol hält Schweizer Handwerker von der Arbeit ab. Ein Werk im Stil einer Karikatur, doch durchaus mit moralischer Attitüde, obschon die Trunksucht auch in anderen Nationen zum Problem geworden war.

War es etwa Stanislas, der lothringische König, der den schlechten Ruf der Schweizer einst begründete? «Boire en suisse» – mit diesem Ausdruck beschrieb man seine Trinkerei, weil er bei seiner Schweizergarde Wein deponierte. Und weil er dann und wann auch politische Konferenzen unterbrach, um «bei den Schweizern» zumindest einen Schluck zu nehmen.

Vom Nutzen und von schrecklichen Gefahren

Eine Einsicht wird die Ausstellung in Prangins ihren Besucherinnen und Besuchern gewiss vermitteln: Die Zeiten ändern sich – manchmal sogar ins Gegenteil. Während Gesundheitsbewusste heutzutage kaum mehr ohne Wasserfläschlein aus dem Haus gehen und Alkohol fast furchtsam meiden, galt Wasser laut einer Mitteilung des Museum im 18. Jahrhundert als minderwertig, während Wein und Schnaps als probate Stärkungsmittel angesehen wurden.

So war das nicht nur beim Alkohol; auch Flüssigkeiten ohne Rauschwirkung schafften es von den Arztpraxen in die Beizen. Die exotischen Getränke Kaffee, Tee und Schokolade wurden einst auf medizinischen Rat eingenommen, während man sie heute genüsslich schlürft, um vom rasanten Alltag zu entspannen.

Der Massenrausch als historische Konstante

Dass der Alkohol es zur legalen Droge schaffte, dürfte vor allem an «Demokratisierung der Getränke» liegen, die laut einem Begleittext zur Ausstellung auf den Zweiten Weltkrieg folgte. Die Preise für Wein und andere Alkoholika fielen; die meisten Getränke wurden so preiswert, dass auch Hinz und Kunz sich daran berauschen konnten – ob beim traditionellen bayerischen Oktoberfest im Norden oder bei Botellónes im Süden, die nun auch in der Schweiz Schlagzeilen auch machen.

«A la Vôtre! Zum Wohl! Salute!» – trotz allem wird die Ausstellung diesen optimistischen Titel tragen. Und schliesslich sind dem C2H50H, wie Chemiker gern sagen, ja durchaus gewaltige Kulturleistungen zu verdanken. Auch diesen Aspekt soll die Schau den Besucherinnen und Besuchern näherbringen, mit Hinweisen auf schöpferische Menschen wie Hermann Hesse oder Rosseau – und einem Gratisgläschen origineller und längst vergessener Getränke wie «Bavaroise» oder «Hippokras».

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch