«Wir sind aufs Höchste empört»

Ein besorgter Brief einer Rorschacher Mädchenklasse brachte 1942 den Bundesrat so sehr aus der Fassung, dass die gesamte Klasse und der Lehrer verhört wurde.

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Es ist September 1942. Vor wenigen Wochen hatte Eduard von Steiger, der Schweizer Justizminister, eine totale Grenzsperre für jüdische Flüchtlinge verhängt. Es war schon zu einer Zeit, als man nicht Bundesrat sein musste, um über die Deportationen und Hinrichtungen von Juden zu wissen. Man musste nur die Zeitung aufschlagen. Alle haben davon gewusst, entsprechend umstritten war die Flüchtlingspolitik des Bundesrats.

Am 30. August 1942 hielt Steiger seine bekannte Rede an der Landsgemeinde der «Jungen Kirche». Er sprach von einem «schon stark besetzten kleinen Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten». Für ihn war die Schweiz dieses kleine Rettungsboot. Für ihn war das Boot voll.

Zeitgleich beschäftigte die Schweiz der erschütternde Bericht von sechs jüdischen Flüchtlingen. Am 28. August war die Familie aus Belgien in miserabler Verfassung und völlig ausgehungert in einem Waadtländer Grenzdorf aufgetaucht. Sie waren kurz vor ihrer Deportation nach Polen vor den Nazis geflohen. Obschon sich die Gemeinde für die Flüchtlinge einsetzte, wurden sie interniert und tags darauf ausgeschafft. «Es sind ja Juden!», so der Gendarm zu den irritierten Bürgern. «In der Nähe der Grenze wurden sie dann unter Weinen und Bitten ausgesetzt», so die «Basler Nachrichten».

22 empörte Mädchen

Eine Mädchenklasse aus Rorschach (SG) berührte das Unrecht dieser Geschichte so stark, dass sie sich in einem Brief direkt an die «sehr geehrten Herren Bundesräte» wandte. Sie waren nicht die einzigen. Sie seien «aufs Höchste empört», schreiben die 22 Mädchen, «wir hätten uns nie träumen lassen, dass die Schweiz, die Friedensinsel, die barmherzig sein will, diese zitternden, frierenden Jammergestalten wie Tiere über die Grenze wirft.» Der Brief endet mit einem Appell an das Mitgefühl des Bundesrats und der Bitte um Aufnahme «dieser ärmsten Heimatlosen».

Der Brief hatte ungeahnte, heftige Folgen. Er hatte, so scheint es, den Nerv von Steiger getroffen. In vaterländischen Reden verkaufte er seine Flüchtlingspolitik als «menschlich», innerlich aber rang er wohl mit dem schlechten Gewissen. So sicher konnte sich dieser Mann nicht sein, wenn er ob einem Bittschreiben von 14-jährigen Mädchen die Haltung verliert. «Sehr verehrte Lehrgotte», schreibt er in ätzendem Ton gegen die Schülerinnen, «Du hast dem Bundesrat den Marsch gemacht, Du hast ihn mit Vorwürfen überschüttet.»

Zynisch: «Ich freue mich über Dein jugendliches Herz. Ich freue mich, dass es von Liebe und Mitleid erfüllt ist, und ich freue mich über Deine Empörungen.» Nach etlichen Gifteleien an die Adresse der Mädchen legt er los mit einer vierseitigen Rechtfertigungs- und Gegenanklageschrift. Die Mädchen haben natürlich keine Ahnung: «Weisst Du, dass bis jetzt für Flüchtlingshilfe mehr als 17 Millionen Franken ausgegeben worden sind?» Irgendwann würden sie sich für das Schreiben noch schämen. Er sei überzeugt, «dass Du rot werden wirst, den Bundesrat mit Vorwürfen überschüttet zu haben». Von der Komplexität der Flüchtlingsfrage hätten sie, die sich als Lehrgotten aufspielten, keine Ahnung. «Der Bundesrat muss genau so handeln, wie Du einst als getreue gute Hausfrau.»

Der unsichere Bundesrat

Steiger schreibt, er könne sein Handeln vor der ganzen Welt und dem lieben Gott verantworten: «Vor diesem Examen habe ich nicht Angst.» Zu seinem Glück wurde der Brief nie abgeschickt. Er oder seine Kollegen mussten noch rechtzeitig zur Besinnung ge­kommen sein. Die Heftigkeit seiner ­Reaktion kann nur als eigene Unsicherheit gelesen werden. Es war eine Überreaktion, eines Bundesrats unwürdig.

Die Angelegenheit war damit aber nicht vom Tisch. Woran Steiger nämlich am meisten Anstand nahm, war eine Bemerkung, die von den Mädchen eher so nebenbei hingeschrieben scheint: «Es kann ja sein, dass Sie den Befehl erhalten haben, keine Juden aufzunehmen, aber der Wille Gottes ist es bestimmt nicht.»

War für Steiger das ganze Schreiben eine jugendliche Anmassung sondergleichen, so empfand er diesen Part schlichtweg als Beleidigung. Hier wurde nichts Geringeres als die Souveränität des Bundesrats infrage gestellt. Auf sein Geheiss musste der Rorschacher Schulrat die gesamte Klasse und den Lehrer über die genauen Umstände des Schreibens verhören. Er hegte den Verdacht, die Mädchen seien zum Verfassen des Briefs angestiftet worden.

Das Verhör der Klasse 2c dauerte rund zweieinhalb Stunden, das maschinengeschriebene Protokoll wurde Steiger darauf gleichentags übermittelt. Die Mädchen konnten glaubhaft machen, dass sie niemand, ausser ihrem eigenen Gewissen, angestiftet hatte. Ihre ehrliche Empörung angesichts der herzlosen Behandlung jüdischer Flüchtlinge war der einzige Impuls für ihr Schreiben. Heidi Weber, die den Brief geschrieben hatte, war sich einer Beleidigung in keiner Weise bewusst. Als ihr der Verhörer die entsprechende Passage vorhält, ist sie – gemäss Protokoll – erschrocken.

19. Frage: «Weisst Du die schwerwiegende Bedeutung dieses Satzes nicht?»Heidi überlegt und sagt: «Ich wollte mit diesem Satz sagen, dass wir verstehen, wenn der Bundesrat auf die Deutschen Rücksicht genommen hat, wie er auch bei der Einführung der Verdunkelung auf sie Rücksicht nehmen musste, denn für die Schweiz selbst wäre es doch nicht notwendig gewesen, zu verdunkeln.»20. Frage: «Woher weisst Du das?»Antwort: «Ja das sagt man überall.»

Heidi Weber erhält darauf vom Schulpräsidenten eine protokollierte Standpauke zu den anmassenden Bemerkungen, die sich ein «paar junge, unerfahrene Mädchen» gegenüber dem Bundesrat leisteten, der sich Tag und Nacht, und am Sonntag, und am Feierabend für das Vaterland abrackere.

Grad, offen, ehrlich

Das Protokoll hält jedoch fest, dass Heidi Müller «grad» und «offen» geantwortet und sich in keine Widersprüche verwickelt hätte. Alle weiteren Mädchen bestätigten ihre Version der Geschichte. Über die ganze Angelegenheit wurde nun Stillschweigen vereinbart.

Rührt der Wille, der Ernst und die Courage dieser Mädchen, so enthüllt das Verhörsprotokoll geradezu die Befindlichkeit der Zeit: «Das sagt man überall.» Der Bundesrat fühlte sich durch das Schreiben der Mädchen in seiner Souveränität beleidigt, dabei war zu dieser Zeit selbst 14-jährigen Schulmädchen bewusst, dass der Bundesrat durchaus auf Druck Deutschlands handelte. Alle wussten es und alle wussten, dass die Schweiz die jüdischen Flüchtlinge, denen sie an der Grenze den Zutritt verweigerte, in heilloses Unglück schickte. Warum führte die so souveräne Schweiz die Verdunkelung von 22.00 bis 6.00 Uhr ein? Warum sonst, als um alliierten Flugzeugen die Orientierung zu erschweren. Wenn diese nunmehr 86-jährigen Mädchen zurückblicken, haben sie keinen Grund zu erröten, wie ihnen das Steiger 1942 prophezeite. Im Gegenteil. Für Bundesrat Steiger, Ehrenbürger von Langnau, sieht die Sache anders aus.

Die Forschungsgruppe «Diplomatische Dokumente der Schweiz» veröffentlichte die zitierten Dokumente anlässlich des Inter­nationalen Tags des Gedenkens an den Holocaust auf ihrer Website www.dodis.ch.

Basler Zeitung

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