Ein abenteuerliches Missverständnis

Magellan gilt als der Erste, der die Welt umsegelt hat. Aber er kam um, lange bevor sein letzes Schiff nach Hause kam.

Man weiss nicht, wie er wirklich ausgesehen hat: Magellan auf einem nach seinem Tod entstandenen Gemälde. Foto: G. Dagli Orti (bpk)

Man weiss nicht, wie er wirklich ausgesehen hat: Magellan auf einem nach seinem Tod entstandenen Gemälde. Foto: G. Dagli Orti (bpk)

Viele Irrtümer ranken sich um diesen Mann. Seine Reise gilt in der Geschichtsschreibung als erste Weltumseglung, dabei kam Magellan selbst nur halb herum. Er hiess eigentlich auch nicht Magellan, sondern Fernão de Magalhães, er kam als Portugiese zur Welt. Doch für seine Landsleute war er ein Verräter, weil er als Generalkapitän für die spanische Krone fuhr. Magellan nannte er sich, weil Spanier das leichter aussprechen können.

Man weiss nicht genau, wann Fernão de Magalhães geboren wurde, irgendwann um 1485 herum, und man weiss auch nicht, wie er ausgesehen hat. Alle Bildnisse sind Idealvorstellungen, die sich die Nachwelt von ihm machte. Er soll kleinwüchsig und drahtig gewesen sein. Ausser Frage steht, dass er von äusserster Willenskraft war, denn das musste man sein, um so ein Unternehmen auch in Momenten scheinbar totaler Aussichtslosigkeit voranzutreiben. Magellans modernster Biograf, der Historiker Christian Jostmann, beschreibt ihn in seinem fundiert recherchierten und spannend geschriebenen Buch als ziemlich rücksichtslos und brutal.

In Nussschalen unterwegs

Magellan stach am 20. September 1519 mit fünf Schiffen in See, keine riesigen Schoner, wie man sie sich heute vielleicht vorstellt, sondern robuste «Naos», die schon einige Einsätze hinter sich hatten. Sie waren wenig grösser als heutige Fischkutter, wie Stefan Zweig in seiner schwärmerischen Fiktion der Reise schrieb. An Bord waren 250 Mann Besatzung, Steuerleute, Navigatoren, Matrosen, Ärzte, Kanoniere. Und 508 Fässer Wein, 984 Laibe Käse, 200 Fässer ­Anchovis und getrockneter Fisch, 250 Zöpfe Knoblauch, sieben Kühe, Trinkwasser und Essig in Fässern sowie zentnerweise Zwieback, Bohnen, Kichererbsen, Speck, Zucker, Rosinen, Mandeln, Honig, getrocknete Pflaumen, Salz, Reis, Senf und Weizenmehl.

Mindestens ebenso wichtig waren Spiegel, Messer, Glasperlen, Kämme und andere Tauschwaren minderer Qualität. Konquistadoren wie Magellan, Kolumbus, Cortés oder Pizarro waren Abenteurer eher im Nebenberuf, patriotische oder politische Motive trieben sie weniger an; sie waren vielmehr Unternehmer, die mit vollem Risiko und einem Ziel segelten: reich zu werden. Aus dieser Sicht war die Reise ein Erfolg, auch wenn genau drei Jahre später nur 18 halb verhungerte, kranke und zu Tode erschöpfte Männer wieder in Sanlúcar einliefen – mit nur noch einem Schiff.

Sie hatten einmal die Welt umrundet. Doch der hölzerne Bauch der Victoria war voll mit Nelken und anderen Gewürzen, die sie auf den Molukken eingetauscht hatten, was märchenhaften Reichtum versprach. Magellan hingegen war, erschlagen von kriegerischen Einheimischen, auf den Philippinen zurückgeblieben.

Sein Auftrag aber war erfüllt: Einen Seeweg von Spanien nach Ostindien finden, der das portugiesische Hoheitsgebiet nicht streifte. Kurz zuvor war die überseeische Welt in zwei Hälften aufgeteilt worden. Ein Vertrag sprach Portugal den Osten, Spanien den Westen zu. Im äussersten Osten aber lockten die Reichtümer, unter anderem die Gewürzinseln im heutigen Indonesien.

Die Fahrt begann zäh, mit etwas, das noch oft auftauchen sollte: einer Flaute. Schon kurz nach den Kanaren brach deshalb eine Meuterei aus, die Magellan gerade noch in den Griff bekam. Schon da machte sich sein Verhandlungsgeschick, gepaart mit Härte, bezahlt. Als wieder Wind aufkam, segelte die Armada an die südamerikanische Küste, kurz zuvor war dort die Bucht des Januarflusses entdeckt worden, portugiesisch Rio de Janeiro, an dessen tropischen Gestaden die Besatzung märchenhafte Tage verbrachte.

Heute gelten Konquistadoren wie Magellan als Wegbereiter des Imperialismus.

Es muss nicht leicht gewesen sein, sie danach zur Weiterreise anzutreiben. Doch Magellan war nicht zimperlich. Er befahl, er drohte, er misshandelte, er exekutierte – so zwang er seine Leute immer weiter fort auf dem endlosen Weg in einen arktischer werdenden Süden. Eine Bucht nach der anderen lief er an, immer auf der Suche nach der verheissungsvollen Passage nach Westen, von deren Existenz der Generalkapitän überzeugt war. «Hier war er sehr nachdenklich, bisweilen froh, bisweilen traurig, denn sobald es ihm dünkte, dass dies die Meerenge war, die er verheissen hatte, freute er sich so, dass er vergnügte Dinge sagte, dann wurde er traurig, wenn ihm durch irgendeine Einbildung dünkte, dass sie es nicht war», schrieb ein Matrose in seinen Erinnerungen.

Die Arbeit an Deck wurde schier unerträglich für die Seeleute, wie Stefan Zweig schrieb: «Mit kaltem Griff rasiert der Wind ihnen grob die Wangen und eisig greift er durch die zerfetzten Kleider; schon frieren die Hände an, wenn sie die gefrorenen Taue fassen wollen, und der Atem erstarrt vor dem Mund zu Rauch. Und dabei: welche Öde ringsum, welch grausame Trostlosigkeit!» Heute nennt man diese Einöde Patagonien.

Nach drei Monaten erfolgloser Suche verlangte ein Teil der von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung gezeichneten Besatzung den Abbruch der Reise. Magellan schlug auch diese Meuterei nieder. Der Generalkapitän blieb stur: «Selbst wenn er das Leder essen müsste, mit dem die Rahen verkleidet sind, müsste er weiterfahren und entdecken, was er dem Kaiser versprochen hat», soll er gesagt haben.

Ein vergifteter Pfeil und zwei Lanzenstösse

Und, tatsächlich, im äussersten Süden des amerikanischen Kontinents entdeckte er an Allerheiligen 1520 die Route, die später seinen Namen tragen sollte: die Magellan-Strasse, die Fahrrinne vom Atlantik zum Pazifik, voller Untiefen, Fallwinde und Strömungen, durch die seine Steuerleute geschickt navigierten. Die Besiedlung der südamerikanischen Westküste im grossen Stil durch Europäer wurde durch diese Entdeckung erst möglich.

Und war es nun nicht ein erhabenes Gefühl, die Ödnis hinter sich zu lassen und über das Meer aller Meere zu segeln, getrieben von günstigen Passatwinden? Magellan nannte es «Mar Pacífico» – das Friedliche. Doch noch lag der schlimmste Teil der Reise vor ihnen: tausende Kilometer, ohne Land in Sicht, ohne die Möglichkeit, Proviant zu fassen. Viele Seeleute starben an Mangel und Erschöpfung.

Im März 1521 erreichten die Schiffe die «Inseln der Bemalten», was auf die Vorliebe der Einheimischen für Tätowierungen schliessen lässt. Hatte Magellan seinen Traum gefunden? Darauf deutet hin, dass er viel Energie auf die Christianisierung der Bewohner verwendete und sich in deren kriegerische Händel einmischte – was ihm schliesslich zum Verhängnis wurde. Bei einem Angriff auf die Insel Mactan fand der Generalkapitän am 27. April 1521 den Tod. Laut seinem Chronisten Pigafetta kämpfte Magellan, noch im Wasser stehend, als einer der Letzten, um den Rückzug seiner Leute aufs Schiff zu decken. Ein vergifteter Pfeil habe seinen Oberschenkel durchbohrt; kurz darauf sei er von zwei Lanzenstössen niedergestreckt worden.

Der Bauch voller Gewürze

Die Mannschaft war so dezimiert, dass sie ein Schiff versenken musste, die Seeleute verteilten sich auf die verbliebenen zwei – und führten sich fortan auf wie Piraten auf Kaperfahrt. Schliesslich erreichten sie die Molukken, wo sie eiligst den Bauch der Schiffe mit Gewürzen füllten. Dann trennten sich die Wege der Trinidad und der Victoria. Erstere versuchte den Rückweg über den Pazifik, fiel jedoch einer portugiesischen Flotte in die Hände. Die Victoria hingegen segelte weiter gen Westen, unter dem Kommando des Steuermanns Juan Sebastián Elcano, der es schaffte, die lecke Nussschale um das Kap der Guten Hoffnung herum und durch portugiesisches Herrschaftsgebiet bis nach Spanien zu bringen, wo er am 6. September des Jahres 1522 einlief. Elcano wurde zum Ritter geschlagen und verdiente nicht schlecht am Erlös.

Und Magellan? Das Bild, das sich die Nachwelt von ihm machte, wandelte sich im Zeitgeschmack der Jahrhunderte. Zunächst geriet er in Vergessenheit. Erst Alexander von Humboldt erklärte ihn im Licht der Aufklärung zum Helden wissenschaftlicher Welterkundung, man benannte einen Sternennebel nach ihm. Für Stefan Zweig war Magellans Reise «eines der heiligen Märchen der Menschheit». Ein ziemlich blutrünstiges, muss man sagen. Heute gelten Konquistadoren wie Magellan als Wegbereiter des Imperialismus.

Was also war Fernão de Magalhães wirklich? Wohl alles und nichts davon.

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