Baden vor der Kur

Hintergrund

Investoren wollen das Bäderquartier in der aargauischen Kleinstadt wiederbeleben. Bevor die Bagger auffahren, gibt es für die Archäologen noch viel zu tun – Baden in Baden hat eine reiche Geschichte.

In der Blütezeit als Weltkurort: Das Bäderquartier auf einer Postkarte um 1900.

In der Blütezeit als Weltkurort: Das Bäderquartier auf einer Postkarte um 1900.

(Bild: Andrea Schaer)

Es riecht. Sobald man in Baden das blaue Bädertor durchschritten hat, sticht es in die Nase: faule Eier, Schwefel. Noch ein paar Schritte, jetzt steht man im Zentrum des Badener Bäderquartiers und wähnt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Um den kleinen Kurplatz herum stehen alte Hotels: Verenahof, Blume, Schweizerhof, nur der Staadhof ist neuer. Es sind Kurhotels, die ihre besten Tage hinter sich haben und zum Teil schon seit Jahren geschlossen sind.

Das Bäderquartier hat eine lange Geschichte, die bis in die römische Zeit zurückreicht, und es steht unter Denkmalschutz. Alle Eingriffe in den Boden müssen deshalb in jedem Fall archäologisch begleitet werden. Seit die Wiederbelebung des Bäderquartiers vor bald fünf Jahren Tatsache geworden ist, ist deshalb die Kantonsarchäologie Aargau auf dem Platz. Andrea Schaer, welche die schwierige Grossgrabung mit viel Engagement und Herzblut leitet, führt über die Baustelle. Schicht für Schicht gräbt sich ihre Equipe durch eine 2000-jährige Geschichte und versucht, die Entwicklung des Quartiers nachzuvollziehen.

Römer kannten die Quelle

Baden ist einer der wenigen Schweizer Orte, die in den römischen Schriften namentlich erwähnt sind. Der Historiker Tacitus nennt die Stadt Aquae Helveticae, also «Wasser (oder Quellen) Helvetiens». «Es war das im nahen Legionslager Vindonissa stationierte Militär, das hier im 1. Jahrhundert n. Chr. die ersten Thermen baute», sagt Archäologin Schaer. Das Militär brachte die römische Lebensart über die Alpen. Und dazu gehörte eben auch der tägliche Badebesuch. Er diente nicht nur der Körperpflege, sondern hier traf man sich auch zum geselligen Beisammensein, zum Klatschen, zum Politisieren. «Das rund 45 Grad heisse Badener Wasser war prädestiniert für den Bau einer Thermenanlage, und sein Schwefelgehalt galt sicher schon in römischer Zeit als heilkräftig», so Schaer.

Vom Kurplatz sind wir mittlerweile auf der Rückseite des Staadhofs angelangt, wo sich ein riesiges Loch im Boden befindet; unten arbeiten die Archäologen. «Wenn hier nur die Römer gewesen wären, wäre die Sache einfach», sagt Andrea Schaer. Aber dem ist nicht so. Das Baden ging fast ohne Unterbruch durch die Jahrhunderte weiter bis heute. Und in jeder Epoche wurde im Bäderquartier um- und angebaut, abgerissen und neu aufgestellt. «Man muss sich das vorstellen wie eine Schwarzwäldertorte. Immer wieder wurde von oben in diese Torte hineingestochen und wurden die Schichten durcheinandergebracht. Und wir versuchen nun herauszufinden, welche Mauern in welche Epoche gehören – eine anspruchsvolle und aufwendige Arbeit.»

Andrea Schaer ist dabei auch mit ganz speziellen Problemen konfrontiert: «In Baden existieren 19 Quellen, die unterirdisch alle miteinander verbunden sind, aber unterschiedliche Besitzer haben. Wenn wir also im Boden auf Thermalwasser stossen, müssen wir das Rinnsal sofort stopfen, damit kein Schaden am fragilen Quellsystem entsteht.» An anderen Orten wiederum ist der Boden durch die im Thermalwasser enthaltenen Mineralien zu einer Art Beton versintert. «Da können wir nur mit dem Spitzhammer dahinter – das ist nicht gerade ein gängiges Archäologenwerkzeug.»

Kaiser und Papst im Bad

Nach den Römern hat das Frühmittelalter kaum Spuren hinterlassen, Schaer vermutet aber, dass weiterhin gebadet wurde. Aus der habsburgischen Herrschaft im 13. Jahrhundert und bis in die Gegenwart liegen in den Archiven viele Schriftzeugnisse und Bilder vor. Die Badener Heilquellen wurden europaweit berühmt und zur ersten Tourismusdestination in der Schweiz – lange vor den Alpen. Weltliche und kirchliche Fürsten wie Kaiser Karl IV. (1354), Papst Martin V. (1418) oder Kaiser Sigismund I. (1433) waren hier zu Gast. Aber auch ganz normale Bürger und Bürgerinnen genossen das stundenlange Verweilen im heissen Wasser. Das Baden war im Mittelalter ein ausgesprochen geselliges Vergnügen, verbunden mit verschiedensten Lustbarkeiten. Da wurde gesungen, gespielt und auch ausgiebig gegessen und getrunken. Da Männer und Frauen oft gemeinsam badeten, hatten Badekuren nicht nur einen guten Ruf.

Mittlerweile haben wir den Staadhof umrundet und betreten durch einen Hintereingang den seit Jahren geschlossenen Verenahof. «Da alle diese Hotels ausgekernt werden, müssen wir auch ihre oberirdische Bausubstanz untersuchen», erklärt Andrea Schaer. Begeistert weist die Archäologin dafür auf die letzten Reste eines mittelalterlichen Badehauses, die im Keller des Ochsen zum Vorschein gekommen sind. «Das sind die Mauern eines grossen Gemeinschaftsbades aus dem 14. Jahrhundert, eine fast sensationelle Entdeckung, ein seltenes Zeugnis für die Kontinuität der Badearchitektur!»

Kurgast Hermann Hesse

Was man sonst noch in diesen Badekellern zu Gesicht bekommt, ist eng und düster: kleine Sitzbecken in zellengrossen, gekachelten Räumen. Vor allem das 19. Jahrhundert hat mit zunehmender Prüderie dem gemeinsamen Baden den Garaus gemacht – keine Lustbarkeiten mehr, jetzt wurde einsam gekurt! Einzelwannen, Dampfbäder und Inhalatorien wurden eingeführt – detailliert und amüsant nachzulesen im «Kurgast» von Hermann Hesse. Der Schriftsteller war während Jahrzehnten immer wieder Gast im Verenahof.

Heute steht – wie bei den alten Römern – der gesellige Aspekt beim Baden wieder im Vordergrund, Wellness ist das Zauberwort. Architekt Mario Botta wird dem Rechnung tragen. Der Baubeginn ist für 2013 geplant, und ab 2015 ist Baden in Baden wieder angesagt.

Tages-Anzeiger

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