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Wie akademischer Kapitalismus funktioniert

Big Pharma will den Universitäten hineinreden. Was es mit akademischer Unabhängigkeit aber wirklich auf sich hat.

Im Spannungsfeld verschiedener Kräfte: Die Universität Zürich.
Im Spannungsfeld verschiedener Kräfte: Die Universität Zürich.
Keystone

Die «Rundschau» von SRF publizierte gestern ihre Recherche zu den Interessenbindungen von Schweizer Universitäten. Besonders für Wirbel sorgte dabei der Vertrag der Pharmafirma Merck Serono mit der ETH Lausanne – sie könne «akzeptable Änderungen» der Publikation der Forschungsresultate verlangen.

Jetzt wird diskutiert: Drittmittel könnten unter Umständen die Freiheit von Forschung und Lehre gefährden; diese dürfe «nicht angetastet werden», sagt Uni-Zürich-Rektor Michael Hengartner der «Rundschau». Heisst es jetzt Firmeninteresse gegen Forschungsunabhängigkeit?

Gewisse Forscher stehen der marktbezogenen Forschung kritisch gegenüber. Ein sogenannter akademischer Kapitalismus könne die Grundlagenforschung bedrohen – und Zweige wie die Geisteswissenschaften.

Aber diese vermeintlich einfache Gegnerschaft ist gar nicht so einfach, bestätigt ein Augenschein in der Akademie. Die Themen Verantwortlichkeit, Rechenschaft und Forschungsunabhängigkeit werden nämlich verschieden thematisiert. Das deutet auch Hengartner in der «Rundschau» an – zum Beispiel Stiftungsprofessuren seien grundsätzlich «ein Gewinn».

Die entscheidende Frage ist die folgende: Woher soll das Geld für die Forschung kommen? Und was bedeutet das für die Forschung? Nachfolgend ein paar Fakten und Ansichten:

  • Zwischen 1993 und 2003 hat sich das von Staaten investierte Geld in höhere Bildung um über 60 Prozent erhöht. Dennoch haben Universitäten versucht, ihre Drittmittel zu verstärken, sodass Drittmittel jetzt proportional stärker sind als die staatliche Finanzierung.
  • Der ehemalige deutsche Bildungsminister E. Jürgen Zöllner sieht es als dringend nötig an, dass Universitäten vom Staat unabhängig agierten. Wenn es um angewandte Forschung gehe, erwarte man, dass sich die Profiteure der Forschung finanziell daran beteiligten. Im Endeffekt könne Verantwortung nur übernehmen, wer frei sei – deshalb sei es wichtig, Unis offen zu halten für die ganze Gesellschaft und die internationale Konkurrenz. Daran anknüpfend: Es brauche gesetzliche Rahmenbedingungen für die Kollaboration zwischen Universitäten und der Industrie.
  • Druck auf die Kernanliegen und -werte von Universitäten üben neben Unternehmen auch Regierungen aus – selbst von innen käme solcher Druck, sagt Professor Ken Edwards vom Magna Charta Observatory. Ähnlich wie Zöllner fordert auch Edwards öffentliche Politik und Gelder für die Unterstützung qualitativer Forschung.
  • Hanns Seidler von der Technischen Universität Darmstadt versteht die Reduktion des Angewiesenseins auf staatliche Gelder als Gewinn für die akademische Unabhängigkeit. Sich Drittgelder zu sichern, ist Kern dieser Reduktion. Aber auch: Universitäten seien keine Marktplätze.
  • Das öffentliche Interesse beeinflusst massgeblich die Entscheidung über Gelder. Vor einigen Jahren seien einem zum Beispiel eher Gelder zugesprochen worden, wenn die Forschung sich mit Klimathemen auseinandergesetzt habe, wie Redaktion Tamedia-Klimaexperte Martin Läubli sagt.
  • Die Entwicklung «unternehmerischer Universitäten» wird von mehreren Forschern als positiv empfunden – und als unausweichliche Entwicklung, sagt Seidler.
  • Eine Konklusion, die zum Beispiel Zöllner zieht: «Eine moderne, proaktive Universität» könne sich nicht auf ein Haupteinkommen verlassen. Das sei ein fehlerhafter Weg.
  • Universitäten verlassen sich nicht nur in der Schweiz auf Drittmittel. Die Entwicklung von staatlichen Geldern hin zu externer Finanzierung sei eine, die in allen OECD-Ländern gemacht werde, heisst es im «Oslo Report».
  • Forscher konstatieren, dass direkte Interaktion zwischen Industrie und Universitäten oft als «neuer Modus» der Wissensproduktion verstanden werde. Die Politik hat das aktiv forciert. Eine andere Interpretation dieser neuen Zusammenarbeit ist die Einigung auf einen «neuen sozialen Vertrag» zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.
  • Von der Industrie finanzierte Forscher behaupten, durch Vertragsarbeit neue und interessante Forschungsfelder zu erschliessen – und dass teurere Projekte anders kaum realisiert werden könnten.

Diese Auswahl zeigt, innerhalb welcher Einflusssphären und Spannungsfelder sich die Wissenschaft bewegt. Und dass die Frage nach der Forschungsunabhängigkeit nicht so simpel ist, wie sie auf den ersten Blick wirkt.

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