Jetzt kommen die U-Drohnen

Die Nato entwickelt im italienischen La Spezia kleine unbemannte U-Boote, um die Unterwasserwelt lückenlos zu erfassen. Die Gleiter sind derart leise, dass sie kaum zu entdecken sind.

Nach einem Seeversuch im Golf von La Spezia eingeholt: Ein Unterwassergleiter des CMRE.

Nach einem Seeversuch im Golf von La Spezia eingeholt: Ein Unterwassergleiter des CMRE.

(Bild: CMRE)

John Osler kennt das schon: wieder ein Besucher, der irritiert ist, weil hier eine Schiffsglocke läutet. Die Leitstelle für Unterwassergleiter am Nato Centre for Maritime Research and Experimentation (CMRE) in La Spezia hat in der Tat nichts von Seefahrtromantik. Schlichte Arbeitstische und ein Gestell mit Bildschirmen bestimmen die Atmosphäre. Von einer Schiffsglocke ist nichts zu sehen.

«Das war der Rechner», klärt Ozeanograf Osler den Besucher auf. «Das Läuten signalisiert, dass neue Messwerte eingetroffen sind.» Osler leitet am CMRE ein Programm, das Methoden entwickelt, mit denen sich die ozeanografischen Verhältnisse eines Meeresgebietes punktgenau bestimmen lassen. «Wer das Gefechtsfeld am besten kennt, ist taktisch im Vorteil», erklärt Osler. Drei seiner Unterwassergleiter sind momentan bei einem mehrwöchigen Seeversuch im Golf von La Spezia unterwegs. Es sind ihre Messungen, die die Schiffsglocke des Leitstellenrechners läuten lassen. Ozeanografische Grössen wie Wassertemperatur, Salzgehalt, Strömung, Seegang und Lichteindringtiefe stehen auf dem Messprogramm.

Simulierte Wirklichkeit

Die Gleiter kommen alle drei Stunden an die Oberfläche und übermitteln ihre Messwerte über eine Satellitenverbindung an die Leitstelle, wo sie dann auf den Bildschirmen in vielfarbige Seekarten und Tiefenprofile münden. Sie sind das Ergebnis aufwendiger Simulationsberechnungen, in denen die ozeanografischen Verhältnisse im betrachteten Meeresgebiet ähnlich wie bei Wetterberichten und -vorhersagen nachgebildet und in die Zukunft extrapoliert werden.

Gewöhnlich basieren diese Berechnungen auf topografischen Seekarten und Daten von Wetterstationen und Beobachtungssatelliten. Auch Osler und sein Team verwenden diese Eingangswerte. Sie binden aber zusätzlich die aktuellen Messwerte seiner Gleiter in die Berechnungen mit ein. «Unsere Simulationen kommen der Wirklichkeit dadurch deutlich näher, als das mit der zeitlich und räumlich groben Datenabdeckung durch Wetterstationen und Beobachtungssatelliten möglich ist», freut sich Osler. «Wir können jetzt zum Beispiel ganz genau bestimmen, in welcher Tiefe das Schallgeschwindigkeitsminimum liegt.»

Alle drei Stunden an die Oberfläche

Dieser sogenannte Sofar-Kanal liegt meist zwischen 300 und 1500 Meter Tiefe und bezeichnet den Ort, wo sich die Schallwellen unter Wasser am schnellsten und weitesten ausbreiten. «Das ist eine sehr wichtige Information bei der U-Jagd», erklärt Osler, «Gewöhnliche Ortungssysteme können das Schallgeschwindigkeitsminimum nicht durchdringen. Mit ihnen würden tiefer liegende U-Boote unentdeckt bleiben.»

Das CMRE arbeitet mit Unterwassergleitern, weil sie ideal geeignet sind, um ein Gebiet unauffällig zu erkunden. «Gleiter sind so leise, dass sie kaum zu entdecken sind», versichert Osler. Die 50 bis 60 Kilogramm schweren und nicht ganz zwei Meter langen Tauchtorpedos mit Flügeln und Heckflosse arbeiten ohne lärmenden Propellerantrieb. «Der Antrieb erfolgt indirekt über eine Vorrichtung, die den Auftrieb des Gleiters regelt», sagt Osler. «Die Gleiter werden auf diese Weise ähnlich wie U-Boote kontrolliert zum Sinken und Steigen gebracht. Durch die Flügel wird aus dem Auf und Ab dann eine Vorwärtsbewegung.»

Man müsse sich das wie den Gleitflug beim Flugzeug vorstellen. «Die Physik ist die Gleiche, nur dass sie beim Unterwassergleiter sowohl beim Sinken als auch beim Steigen wirkt.» Auf diese Weise sind zwar nur 20 Kilometer Strecke am Tag zu schaffen. Die Regelung des Auftriebs benötigt aber so wenig Strom, dass die Gleiter mit einer Batterieladung leicht mehrere Monate unterwegs sein können. 2009 gelang es sogar einem Gleiter, in 221 Tagen den Atlantik von New Jersey in den USA nach Spanien zu durchqueren.

Waffenbruder Software

Noch erhalten die Gleiter alle Anweisungen für ihren Kurs von der Leitstelle. Osler und sein Team arbeiten aber bereits an einer Ausführung, die selbst entscheidet, wie genau sie ein Gebiet untersucht oder wann sie ihre Messwerte an die Leitstelle übermittelt. «Wir arbeiten aber nicht nur an den Gleitern», betont Osler. «Wir entwickeln derzeit auch eine Software, mit der wir taktische Entscheidungen noch besser unterstützen können. Nur ozeanografische Karten und Tiefenprofile zu liefern, ist uns nicht genug. Unser Ziel ist eine Software, die alle verfügbaren Informationen zusammenführt und gegeneinander abwägt, sodass sie am Ende selbst Empfehlungen abgeben kann.»

Osler gibt ein Beispiel, was die Software bereits bei seinen eigenen Seeversuchen leistet: «Wenn die Kurse der Gleiter berechnet werden, gehen neben den Angaben, die uns über die ozeanografischen Verhältnisse im Versuchsgebiet vorliegen, auch alle Angaben, die wir zum Schiffsverkehr haben, in die Berechnungen ein. Die Kurse, die die Software empfiehlt, liegen damit automatisch so, dass die Gefahr einer Kollision minimiert ist.»

Auch wenn Osler mit dem bisher Erreichten sehr zufrieden ist, sieht er die Arbeit seines Programms noch weit am Anfang. «Wir werden definitiv noch etliche Jahr benötigen, um unser Ziel zu erreichen», gibt er zu. «Aber solange es wie beim gerade laufenden Seeversuch immer einen guten Schritt vorangeht, bin ich zuversichtlich.»

Tages-Anzeiger

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