«Die Sonne zeigt im 11-Jahres-Zyklus eine verminderte Aktivität»

Interview

Steigende Meeresspiegel, ungebremster Temperaturanstieg: Klimaexperte Urs Neu sagt, was der Weltklimabericht an Neuem bringt – und was er über die Schweiz aussagt.

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Matthias Meili@MatthiasMeili

Herr Neu, was hat sich seit dem letzten Klimabericht von 2007 geändert?
Die wichtigsten drei Botschaften sind die gleichen geblieben. Die Welt erwärmt sich, der Grund dafür sind die menschlichen Aktivitäten, und wenn wir so weitermachen, wird sich die Welt weiter erwärmen und die bereits spürbaren Folgen werden sich verstärken.

Und in den Details?
In regionalen Daten und bei gewissen Auswirkungen zeichnet sich der menschliche Einfluss noch stärker ab. Zudem sind die Modelle verbessert worden. Bei der Berechnung des Meeresspiegelanstiegs konnten zum Beispiel die dynamischen Veränderungen in den Eisschilden mit einberechnet werden, weil man heute mehr darüber weiss als vor sechs Jahren. Deshalb ist man auf rund 40 Prozent höhere Werte gekommen. Das variiert natürlich leicht zwischen den Parametern, die man erfasst. Bei den Niederschlägen ist es zum Beispiel komplizierter.

Der Bericht sagt, dass der menschliche Einfluss klar sei, im alten Klimabericht galt er als sehr wahrscheinlich. Ist das nicht haarspalterisch?
Die Wissenschaftler sind einfach noch sicherer geworden, dass der menschliche Einfluss der wichtigste Grund für die Erwärmung ist. In Zahlen ausgedrückt ist die Wahrscheinlichkeit dafür von 90 Prozent im letzten Bericht auf 95 Prozent gestiegen.

Haben die Forscher die seit einigen Jahren beobachtete Klimapause nicht berücksichtigt?
Die Klimapause wurde sehr wohl untersucht. Sie erklärt sich jedoch wahrscheinlich aufgrund einer Reihe natürlicher Prozesse, die seit 2000 zufällig zusammengekommen sind und alle kühlend wirken. So zeigt die Sonne im aktuellen 11-Jahres-Zyklus eine verminderte Aktivität, es gab vermehrt kleine Vulkanausbrüche in den Tropen, und dann sind noch interne Schwankungen im Klimasystem dazugekommen, vor allem häufige La-Niña-Ereignisse im pazifischen Raum. Ob diese natürlichen Ereignisse der alleinige Grund für die Klimapause sind, ist noch nicht sicher. Ich bin fast sicher, dass die Kurve beim nächsten El-Niño-Ereignis wieder steiler wird. Der Klimabericht geht auch davon aus, dass die Klimasensitivität, also wie stark das Klimasystem auf Treibhausgase reagiert, möglicherweise überschätzt wurde. Selbstverständlich ist das für Skeptiker ein gefundenes Fressen, aber eine leicht geringere Klimasensitivität würde überhaupt nichts am Problem ändern.

Der berechnete Temperaturanstieg bei einer Verdoppelung der CO2-Gase wird mit einer Spanne von 1,5–4,5 Grad angegeben. Im letzten Bericht schwankten die Werte noch zwischen 2 und 4,5 Grad. Sind die Modelle der Wissenschaftler ungenauer geworden?
Das ist eine gute Frage. Die Forschung entwickelt sich immer weiter. Dabei können die Unsicherheiten abnehmen, wenn Prozesse in den Modellen genauer erfasst sind. Aber die Unsicherheiten können auch zunehmen, wenn in den Modellen zusätzliche Prozesse oder Daten miteinbezogen werden. Das ist hier der Fall. Das Verständnis ist also besser geworden, aber die Marge hat sich trotzdem ausgeweitet. Letztlich steigert das aber das Vertrauen in die Aussagen des Berichtes, weil mehr Aspekte miteinbezogen werden konnten.

Welches Fazit ziehen Sie aus dem Bericht?
Letztlich sind die Grunderkenntnisse noch sicherer geworden und die Politiker können sich noch weniger hinter Unsicherheiten verstecken als vorher. Was sich verändert hat, sind Nuancen, die keinen grossen Einfluss auf die Handlungsoptionen der Politik haben.

Was sagt der Bericht über die Schweiz aus?
Tatsächlich gibt es mehr Daten über die regionalen Projektionen, aber deren Unsicherheiten sind immer noch sehr gross. Das Problem ist, dass es im regionalen Massstab um Verteilungsprozesse innerhalb des Klimasystems geht. Dabei spielen derart viele Einflussfaktoren eine Rolle, dass die Voraussagen sehr kompliziert werden. Im globalen Massstab dagegen geht es um den Gesamtinhalt im Klimasystem, zum Beispiel von Energie oder Emissionen. Da kann man den Eintrag und Austrag einzelner Parameter in das System nehmen, die relativ einfach zu messen sind.

Was weiss man denn heute besser?
Heute ist man sich ziemlich sicher, dass sich bei den Niederschlägen die Kontraste zwischen feuchten und trockenen Gebieten verstärken werden. Das heisst, dass es dort, wo es heute viel regnet, noch mehr und stärker regnen wird, und dort wo es trocken ist, wird es noch trockener. Das gleiche gilt saisonal. Konkret wird es im Mittelmeerraum vor allem im Sommer noch trockener und in Nordeuropa noch feuchter, diese Aussagen sind ziemlich klar. Die Schweiz liegt nun genau zwischen diesen zwei Blöcken. Das bedeutet, dass bei uns die Niederschlagsmengen möglicherweise sogar etwa gleich bleiben. Im Einzelfall befinden wir uns wettermässig aber auf einem Grat, wo es auf die eine oder andere Seite kippen kann. Das bedeutet, dass eher die Extremereignisse zunehmen werden.

baz.ch/Newsnet

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