«14'000 Enten in einem Schwarm»

Small Talk

Laut der Biologin Verena Keller kommen in diesem Winter weniger Wasservögel aus dem Norden zu uns. Verantwortlich dafür sind die milden Temperaturen.

Die Temperaturen sind derzeit fast frühlingshaft. Wirkt sich dies auf die Wasservogelpopulationen aus?

Normalerweise haben wir rund eine halbe Million Enten, Möwen und Taucher, die auf unseren Seen und Flüssen die kalte Jahreszeit verbringen. Dieses Jahr werden wir weniger Wintergäste aus Russland und Skandinavien haben, weil es auch dort nicht so kalt ist. Die Buchten in der Ostsee sind nicht zugefroren, sodass es für Wasservögel wie Schellente, Sturmmöwe oder Reiherente auch im Norden und Osten Europas noch genug Nahrung gibt. Generell ist die Zahl der Wintergäste aus dem Norden zurückgegangen. So zählten wir in den letzten Jahren nur noch rund 120'000 Reiherenten, halb so viele wie in den 80er-Jahren. Ich bin gespannt, was die diesjährige Zählung ergibt, deren Ergebnisse jedoch erst in ein paar Monaten bekannt gegeben werden.

Fliegen auch Wasservögel aus dem Süden in die Schweiz?

Ja, zum Beispiel die Kolbenente, bei der die Männchen so einen schönen roten Schnabel haben. Wenn es im Winter im Mittelmeerraum, etwa in Spanien, sehr trocken ist, kommen sie sogar in Massen hier an. Die Artenzusammensetzung bei uns ändert sich, je nach den Bedingungen in ihrer Heimat oder in anderen Überwinterungsgebieten.

Zählen Sie auch immer mit?

Ja, als Koordinatorin springe ich oft ein, wenn jemand ausfällt. Dieses Mal für eine Person am Zürichsee, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mitmachen kann. Bei der Zählung verteilen sich rund 500 Freiwillige auf 350 Zählstrecken. In ganz Europa sind es einige Tausend Personen, die an diesem Wochenende Wasservögel zählen. Die Zählungen zur gleichen Zeit erlauben es, die Entwicklung der Bestände grossräumig zu dokumentieren.

Zum Teil tummeln sich auf einem See ein paar Hundert Enten. Kann man da den Überblick behalten?

Vor allem am Boden-, am Neuenburger- und am Genfersee haben wir sehr hohe Konzentrationen. Mit etwas Übung geht es aber recht gut. Wir beobachten mit Feldstecher und Fernrohr. Für grosse Schwärme verwende ich wie die Flugbegleiter einen Handzähler.

Was war ihr Zählrekord?

Anfang der 90er-Jahre habe ich einen Zähler in ein Wasservogelreservat am Neuenburgersee begleitet. Dort haben wir in einem einzigen Schwarm 14'000 Tauchenten gezählt. Sollte man tatsächlich einmal das eine oder andere Tier zu wenig oder zu viel erfassen, kommt es bei einer solch grossen Zahl nicht darauf an. Amateure freuen sich besonders, wenn sie eine Seltenheit wie etwa eine amerikanische Möwe hier entdecken, die bei starken Winden über den Atlantik zu uns geblasen wurde.

Haben sich die Wasservögel bereits auf den Frühling eingestellt und beginnen mit dem Nestbau?

Die Wintergäste brüten nicht hier. Die Balz lässt sich aber beobachten, da sich viele Enten im Winterquartier verpaaren und gemeinsam ins Brutgebiet zurückziehen. Bei der Schellente sieht die Balz mit den ruckartigen Kopfbewegungen wie ein kleiner Tanz aus.

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