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Zombies auf dem Vormarsch

In der Wirtschaft treiben untote Firmen ihr Unwesen – Ökonomen warnen vor den Folgen.

Halb tot und halb lebendig. Ein einzelner Zombie ist harmlos, als Meute sind sie aber gefährlich.
Halb tot und halb lebendig. Ein einzelner Zombie ist harmlos, als Meute sind sie aber gefährlich.
Keystone

Wie killt man einen Zombie? Hartgesottene Horror-Fans wissen die Antwort: Irgendwie muss man deren Gehirn zerstören. Sei es mit einem Baseballschläger oder mit einer präzise abgefeuerten Gewehrkugel. Komplizierter ist die Jagd nach Untoten in der Wirtschaft, wo sie ebenfalls herumgeistern, in Form von hoch verschuldeten Unternehmen.

Das Problem mit den scheintoten Unternehmen ist ähnlich wie in Gruselfilmen: Ein einzelner Zombie ist harmlos, aber wenn sie als Meute ihr Unwesen treiben, wird es gefährlich. Die Firmen schaden der Produktivität einer Volkswirtschaft, indem sie knappe Ressourcen wie Arbeitskräfte an sich binden, die dann andernorts fehlen. Das schreibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in einer jüngst publizierten Studie.

Die BIZ-Ökonomen sind beunruhigt über den schnellen Aufstieg der Zombie-Firmen. Als solche gelten verschuldete Unternehmen, die Zinszahlungen nicht mit laufenden Einnahmen bezahlen können – und dies seit mehr als drei Jahren. Zudem muss ein Unternehmen mindestens zehn Jahre alt sein. Start-ups, die oftmals verschuldet sind und keine Einnahmen generieren, werden nicht eingerechnet.

Die Zombies sind eine Plage

Das Zombie-Virus ist weit verbreitet: Die BIZ-Ökonomen haben 14 Länder untersucht, darunter die USA, Deutschland, Japan und Frankreich. In diesen Ländern hat sich seit den 80er-Jahren die Anzahl infizierter Firmen von zwei auf zwölf Prozent erhöht.

Die untoten Firmen erheben sich vor allem während konjunkturellen Abschwüngen wie in den 90ern, den 2000ern und der Finanzkrise. Die Bank of America kommt zu einem ähnlichen Befund: Rund neun Prozent der 600 grössten börsenkotierten Firmen in Europa sind heute befallen. Um welche Unternehmen es sich handelt, wird allerdings nicht angegeben. Auch für die Schweiz gibt es bisher keine Zahlen.

Doch wie schaffen es diese eigentlich todgeweihten Firmen, sich ihrem Schicksal zu entziehen? Trotz zu geringen Einnahmen gelingt es ihnen, sich zu refinanzieren. Eine wichtige Rolle spielen schlecht kapitalisierte Banken. Laut den BIZ-Ökonomen haben sie Anreize, Kredite an Zombie-Firmen zu verlängern, anstatt diese abzuschreiben. Dies in der Hoffnung, das Geld irgendwann doch noch einzutreiben. Die hoch verschuldeten Firmen bleiben somit erhalten. Damit wird ein verhängnisvoller Kreislauf in Gang gesetzt: Je schlechter es den Banken geht, desto stärker die Zombifizierung der Wirtschaft. Es erstaunt wenig, dass in den europäischen Krisenländern am meisten Kapital in solchen Firmen gebunden ist. Spitzenreiter ist laut der OECD Griechenland (28 Prozent), gefolgt von Italien (19 Prozent) und Spanien (16 Prozent).

Ein weiterer Grund für den Vormarsch der Zombie-Firmen sind gemäss BIZ die tiefen Zinsen. Sie machen die Schuldenlast für schwächelnde Unternehmen tragbarer.

Zombies sind eine Plage, weil sie aufstrebenden Unternehmen die Ressourcen wegfressen. Sie finden etwa keine qualifizierten Angestellten, weil diese in den scheintoten Firmen beschäftigt sind. Für die Industrienationen ist das problematisch: Da die Bevölkerung überaltert, dürfte die Anzahl Arbeiter in den kommenden Jahren stagnieren oder sinken. Damit die Wirtschaften weiter wachsen können, müssen sie folglich produktiver werden.

Neue Evidenz für altes Anliegen

Die Ökonomen der BIZ haben errechnet, wie stark die Zombie-Firmen einer Volkswirtschaft schaden: Wenn deren Anteil um ein Prozent steigt, dann sinkt das Produktivitätswachstum um 0,3 Prozentpunkte. Kein Wunder, gilt in der Wissenschaft die Existenz von Firmen, die überleben, obwohl sie ihre Schulden nicht tragen können, als ein Grund für die weltweit schwache Produktivität der vergangenen Jahre.

Die Erkenntnis ist nicht neu, dass Volkswirtschaften schneller wachsen, wenn kriselnde Unternehmen durch produktivere ersetzt werden. Dies hat der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter vor über hundert Jahren erkannt und als «schöpferische Zerstörung» beschrieben. Dass die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich nun das Thema für sich entdeckt hat, kann folgendermassen erklärt werden: Einerseits setzt sie sich seit Jahren für eine griffigere Bankenregulierung ein. Insbesondere will sie, dass die Banken mehr Eigenkapital halten. Eine bessere Kapitalisierung der Banken dürfte auch die Zombifizierung einschränken.

Anderseits sind die BIZ-Ökonomen der Meinung, dass die Notenbanken ihre Leitzinsen rechtzeitig anheben sollten. Regelmässig weisen sie auf die Nebenwirkungen der tiefen Zinsen hin. Doch mit Ausnahme der USA sind die Leitzinsen in den grossen Währungsräumen immer noch tief oder sogar negativ. So gesehen erteilt die Studie diesen beiden Kernanliegen der BIZ neue Dringlichkeit.

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