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Wie der CEO-Mönch Geschäfte macht

Der oberste Abt des Shaolin-Ordens ist der umstrittenste Religionsführer von China.

Marketinginstrument für einen Mythos. Die Gruppe der Kungfu-Mönche tourt mit ihren Showkämpfen durch Europa und Amerika.
Marketinginstrument für einen Mythos. Die Gruppe der Kungfu-Mönche tourt mit ihren Showkämpfen durch Europa und Amerika.

Shi Yongxin hat nicht den Charme des Dalai Lama. Er lächelt kaum, ist untersetzt und sein Blick wirkt abgelöscht. Trotzdem ist der oberste Abt des Shaolin-Ordens in China genauso bekannt wie das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Nicht nur, weil er einer der wichtigsten Religionsführer des Landes ist, sondern auch wegen unzähligen Skandalen, die eher in den Lebenslauf eines Rockstars passen würden: Er soll Kinder gezeugt, sich mit Prostituierten vergnügt, Luxusautos gekauft und sogar eine Nonne vergewaltigt haben, lauten gewisse Vorwürfe. Geldgier wird ihm ebenfalls unterstellt, weil er den Namen Shaolin vor über zehn Jahren als Marke patentieren liess und den einstigen Bettler-Orden zu einem regelrechten Marketing-Imperium aufgebaut hat.

Shi ist bis in die obersten Politkreise vernetzt und traf Grössen wie Nelson Mandela oder die Queen. Zudem ist er Abgeordneter des chinesischen Nationalen Volkskongresses, der Legislative des Landes. Und er gilt als der erste Mönch mit einem MBA-Abschluss. Kurzum: Shi Yongxin verkörpert für die westliche Welt all das nicht, was wir mit den sagenumwobenen Shaolin-Mönchen in Verbindung bringen.

Seit 17 Jahren im Amt

Die Vorstellung, die wir von den Shaolin-Mönchen haben, ist paradoxerweise Shis Kreation. Er war es, der die Henan Shaolin Kungfu Monk Corporation gegründet hat. Eine Gruppe, die mit ihren Show-Kämpfen durch Europa und Amerika tourt und nicht nur Kampfsportfans begeistert: Die Mönche zerschlagen Eisenstangen auf ihren rasierten Köpfen und lassen aufeinandergestapelte Betonplatten mit blossen Händen bersten. Mut, Kraft, Disziplin und Härte stellen sie gerne als chinesische Eigenschaften zur Schau. Das Image, das durch den Film «The Shaolin Temple» in den 1980er-Jahren erschaffen wurde und den chinesischen Schauspieler Jet Li weltberühmt gemacht hat, wurde durch Shi einfach weiterent­wickelt und verbreitet. Der gewitzte Mönch hat schnell begriffen, dass sich der Mythos Shaolin in dieser Form gut verkaufen lässt. In seiner bisher 17-jährigen Amtszeit als Oberhaupt der Zen-Buddhisten gründete er acht Subunternehmen.

Unter dem Namen Shaolin verkauft er mittlerweile Medizin (Dengfeng Shaolin Pharmaceutical Company), Tee (Shaolin Tea Company), Essen, Bücher oder Erlebnistouren (Dengfeng Songding Cultural Experience Camp Company). Kungfu-Laien und Touristen können nun auch für einen durchschnittlichen chinesischen Monatslohn eines Handwerkers von knapp 1000 Franken 30 Tage lang im Tempel trainieren, das heisst ein bisschen Shaolin-Mönch spielen.

Kein Wort über den Umsatz

Wie viel Umsatz sein Imperium erzielt, gibt er nicht bekannt. Es müssen mehrere Dutzend Millionen Franken pro Jahr sein. Allein vom Eintrittsgeld in den Tempel, von dem die Provinzregierung als Grundbesitzer zwei Drittel kassiert, bleiben dem Orden rund acht Millionen Franken pro Jahr. Mehr als eineinhalb Millionen Touristen und Gläubige besuchen die Stätte jährlich, jeder bezahlt 100 Yuan Eintritt, was 15 Franken entspricht. Für chinesische Buddhisten ist das ein sehr stolzer Preis. Zudem eröffnete er im Ausland «Zweigstellen» unter dem Namen Shaolin. In Resorts und Hotels will Shi Kungfu und buddhistische Werte vermitteln, sagt er. Dieser Ausbau brachte ihm den Spitz­namen CEO-Mönch ein, den er selbst jedoch verabscheut. Er möchte lieber als spirituelles Oberhaupt wahrgenommen werden.

Shi Yongxin hat auch das Kungfu- Festival ins Leben gerufen, das kürzlich im Shaolin-Tempel stattfand. Etwa 500 Mönche sowie Kampfsportfans aus aller Welt fanden zusammen, zudem werden neue Mönche in den Orden aufgenommen. Bei dieser Gelegenheit erhielt die BaZ exklusiv eine seltene Audienz. Genervt von Fragen über seinen Lebensstil und die Kommerzialisierung sprach Shi jahrelang nicht mehr mit westlichen Medien.

Grosser Durst nach Spiritualität

Auf den Wunden Punkt angesprochen, entgegnet er: «Der Shaolin-Tempel gehört zum Weltkulturerbe. Dadurch haben wir eine Verantwortung, die Werte und Prinzipien des Shaolin-Ordens und des Buddhismus zu vermitteln und weiterzugeben.» Auf den Vorwurf, er verkaufe die Religion, reagiert er genervt und möchte das Gespräch abbrechen (siehe Interview).

Die Mittelschicht in China, die immer reicher wird, greift für die geistige Erfüllung gerne und tief in die Tasche. Der Durst nach Spiritualität ist gross und lässt sich – ganz pragmatisch und vielleicht sogar etwas ehrlicher als im christlichen Westen – ohne moralischen Tadel kaufen. Der buddhistische Gelehrte Gao Xiang sagt, viele Chinesen hätten den Buddhismus falsch interpretiert: «Viele nehmen an, je mehr Geld sie bezahlen, desto besser. Das entspricht jedoch nicht den Werten des Buddhismus.» Dieses Missverständnis kommt Shi Yongxin nicht ungelegen.

Mehr Europapark als Kultstätte

Doch die Kommerzialisierung hat ihre Folgen. Der Tempel gleicht mehr dem Europapark als einer mystischen Kultstätte. Braune Schilder aus Kunststoff, die wie Holz aussehen sollen, weisen den Weg. Cars voller Touristen werden herangekarrt und abgefertigt. Im Getümmel, zwischen Selfiesticks und Gruppenführungen, im Duft von gerösteten Mandeln sollen die Mönche ihren täglichen Pflichten nachkommen: beten, schweigen, lesen. Eine schwierige Aufgabe, sich da zu besinnen. Vor allem wenn man wie viele Ordensträger auf den Handybildschirm starrt. Es sind Mönche der Neuzeit, so wie sie sich Shi Yongxin vorstellt. «Die Zeiten, in denen wir nur Gartenarbeit erledigten und beteten, ist vorbei.»

Die idyllische Umgebung rund um den Tempel, fernab von Touristenströmen, hat hingegen nichts von ihrer Mystik eingebüsst. Am Fusse des heiligen Bergs Songshan gibt es Kungfu-Schulen, welche die Schüler aufnehmen, die es nicht in den Shaolin-Orden geschafft haben. Ein erfolgreiches Internat wurde von einem Freund von Shi und Mitglied des Ordens gegründet. Als dieses zu erfolgreich wurde, gerieten sich die beiden Mönche vor drei Jahren in die Haare. Shi soll Geld verlangt haben, wirft ihm sein ehemaliger Weggefährte vor. Dieser musste nach dem Streit aus dem Orden austreten. Konkurrenten duldet Shi offensichtlich nicht.

Verzicht auf den Golfplatz

Auch mit der Provinzregierung lag der oberste Abt jahrelang im Zwist. Es ging – natürlich – um Geld und viel Einfluss. Mittlerweile haben sich die Parteien hinter verschlossenen Türen geeinigt, vielleicht auch auf Druck der Zentralregierung in Peking. Diese hat kürzlich einen Gesetzesentwurf beschlossen, der Gewinne aus Religion unterbinden soll. Gao Xiang bezweifelt, dass dieses Gesetz den Shaolin-Tempel beeinträchtigen wird. Es betreffe eher all jene Unternehmen, die vom Namen Shaolin profitieren. Doch die Provinz-Regierung verdiene zu gut an den Touristen, als dass sie diese Vorschriften auch gegen Shis Unternehmen durchsetzen würde, sagt der buddhistische Gelehrte.

Es scheint, als können nicht mal Gesetze dem obersten Abt etwas anhaben. Die Anschuldigungen, im Internet verbreitet durch einen Whistleblower aus dem Orden, wurden von den zuständigen Behörden untersucht. Das offizielle Ergebnis: Shi Yongxin habe sich nichts zuschulden kommen lassen. Entweder hat er seine Kontakte gut genutzt oder geldgierige Neider versuchen den cleveren Strategen mit erfundenen Beschuldigungen loszuwerden.

Shi baut sein Imperium unbeirrt weiter aus. In Australien ist ein neues Resort geplant – inklusive Golfplatz. Diesen Plan verwarf er jedoch wieder. Selbst Shi Yongxin hätte wohl Mühe gehabt, seinen Anhängern zu erklären, wie er einen Golfplatz und buddhis­tische Genügsamkeit unter einen Hut bringen will.

Das SRF-Wirtschaftsmagazin «ECO» zeigt heute Abend um 22.20 Uhr auf SRF1 wie in China im Namen der Religion Kasse gemacht wird.

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