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Westschweizer Firma verklagt die Suva

Ein Personaldienstleister wundert sich über hohe Prämien. Deren Berechnung will die Suva nicht preisgeben.

Obwohl die Zahl der schweren Unfälle rückläufig ist, steigen beim Personaldienstleister Interiman die Prämien für die Unfallversicherung. Foto: Getty Images
Obwohl die Zahl der schweren Unfälle rückläufig ist, steigen beim Personaldienstleister Interiman die Prämien für die Unfallversicherung. Foto: Getty Images

«Unsere Prämien für die Unfallversicherung haben seit 2012 um gut fünfzig Prozent zugenommen», sagt Raymond Knigge, Gründer und Verwaltungsratspräsident der Interiman Group, der Nummer drei im Personalvermittlungsgeschäft in der Schweiz. «Dabei sind Zahl und Schwere der Unfälle bei uns rückläufig.» Knigge ist seit langem unzufrieden mit der Suva. Wechseln darf er die Unfallversicherung nicht, die Suva hat ein Monopol bei den Personaldienstleistern.

Als Knigge Ende 2013 die Prämienrechnung für die Betriebs- und Nichtbetriebsunfallversicherung für das folgende Jahr bekommt, legt er Rekurs ein. Er will vor allem wissen, wie die Suva die Prämie berechnet, und zweifelt am Verwaltungskostenzuschlag, den die Suva auf die Prämie verrechnet. Da die Suva ihm diese Informationen nicht liefert und auf die Beschwerde nicht eintritt, gelangt er ans Bundesverwaltungsgericht. Dieses gibt dem Rekurs im August 2016 recht und verpflichtet die Suva dazu, die Informationen zu liefern. Es liege angesichts des Monopols der Suva in ihrer Verantwortung, die Versicherungsnehmer klar zu informieren und zu erklären, wie die Prämie festgelegt wurde, schreibt das Bundesverwaltungsgericht. Diese Erklärungen seien «unverzichtbar», für die Kunden, um zu beurteilen, ob ihre Prämie richtig berechnet worden sei.

Gemäss Geschäftsbericht von 2018 verfügt die Suva nämlich über fast 9 Milliarden Franken Reserven für kurzfristige Leistungen und gut 27 Milliarden für langfristige Verpflichtungen.

Knigge hofft danach, dass er von der Suva erfährt, weshalb er so viel für seine Unfallversicherung bezahlt. Doch die Suva liefert ihm trotz Urteil des Bundesverwaltungsgerichts nur allgemeine Angaben. «Wir haben Broschüren und eine 44-seitige Präsentation erhalten, aber nichts Konkretes, mit dem wir hätten nachvollziehen können, wie die Suva unsere Prämien berechnet», sagt Knigge. «Wir wurden weiterhin bloss mit nichtssagenden Allgemeinplätzen abgespeist.» Deshalb wird man nun die Prämienberechnung mittels Klage anfechten.

Knigge vermutet, dass die Suva mit deutlich tieferen Prämien auskommen könnte. Gemäss Geschäftsbericht von 2018 verfügt die Suva nämlich über fast 9 Milliarden Franken Reserven für kurzfristige Leistungen und gut 27 Milliarden für langfristige Verpflichtungen. Das reicht bei den kurzfristigen Verpflichtungen für gut drei, bei den langfristigen Leistungen für achteinhalb Jahre. «Die Suva ist gemäss Aufsichtsverordnung eigentlich verpflichtet, nicht mehr benötigte Reserven aufzulösen und zurückzugeben», sagt Knigge, «aber die Suva macht das Gegenteil und erhöht die Reserven noch, gemäss Geschäftsbericht 2018 um mehr als 3 Milliarden Franken.»

Vonlanthen betont, die Suva habe seit 2013 insgesamt mehr als 1 Milliarde Franken an die Versicherten zurückerstattet.

Die Suva verteidigt die Höhe der Reserven damit, dass sie gemäss Gesetz alle zukünftigen Versicherungsleistungen von allen bereits geschehenen Unfällen mit den bisher einbezahlten Prämien decken müsse. «Zukünftige Prämienzahler dürfen nicht zur Deckung von Kosten aus vergangenen Unfalljahren herangezogen werden», sagt Mediensprecher Adrian Vonlanthen. Die kurzfristigen Reserven seien so hoch, weil die Heilungskosten und die in dieser Zeit nötigen Taggelder über alle Unfälle gesehen gut und gerne während dreier Jahre anfallen würden. Die langfristigen Reserven müssten für die Rentenzahlungen reichen. Diese laufen rund 37 Jahre.

Der Bund mache zudem verbindliche Vorgaben für eine Untergrenze der Reserven. Diese orientieren sich an einem Schadensereignis, das nur alle 100 Jahre vorkommt. Der Suva-Rat, das oberste Gremium der Suva, in welchem Arbeitnehmer und Gewerkschaften vertreten sind, lege zudem eine Obergrenze fest. Der zusätzliche Aufbau von Reserven im letzten Jahr sei nötig gewesen. Vonlanthen betont jedoch auch, die Suva habe seit 2013 insgesamt mehr als 1 Milliarde Franken an die Versicherten zurückerstattet.

Suva weist Vorwürfe zurück

Wie hoch die Obergrenze der Reserven ist, und wann der Suva-Rat diese aufgrund welcher Berechnung festgelegt hat, will die Suva auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht offenlegen. Und auch zum Vorwurf von Interiman, dass man das Urteil des Bundesgerichts nicht umsetze, nimmt die Suva keine Stellung, weil es sich um ein laufendes Verfahren handle, dies, obwohl das Urteil rechtskräftig ist.

Vonlanthen betont, das man den Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts stets nachkomme und weist die Vorwürfe von Interiman zurück. «Der Austausch mit ihren versicherten Betrieben ist der Suva sehr wichtig, auch im Falle der Interiman Group», sagt Vonlanthen. Man lege alle für die Prämienbemessung relevanten Daten offen. Bei den Personaldienstleistern sei die Prämie zwischen 2012 und 2020 um rund 14 Prozent gesunken, nicht gestiegen.

«Davon haben wir noch nichts gespürt», sagt Raymond Knigge. «Die intransparente und arrogante Weise, wie die Suva mit uns umgeht, ist ein Skandal», findet er. Knigge stellt das Monopol der Suva grundsätzlich infrage. Es fehle an einer echten Aufsicht. «Die Privilegien der Suva gehören abgeschafft.»

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