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Wenn eine neue Stossstange plötzlich 1800 Franken mehr kostet

Auf Schweizer Strassen gibt es weniger Unfälle. Der Haken: Die teure Bordelektronik im Auto lässt die Kosten für Blechschäden explodieren.

Nur ein Blechschaden? Ist die Stossstange mit Sensoren ausgerüstet, dürfte ihr Ersatz rund 1800 Franken mehr kosten.
Nur ein Blechschaden? Ist die Stossstange mit Sensoren ausgerüstet, dürfte ihr Ersatz rund 1800 Franken mehr kosten.
Kantonspolizei Solothurn/Keystone

Haargenau 5,999 Milliarden Franken – so viel haben die Schweizer Autofahrer 2017 an Versicherungsprämien bezahlt. Im laufenden Jahr dürfte wohl keine 6 vor dem Komma erscheinen: Einige Branchenkenner rechnen mit einem sinkenden Prämienvolumen in der Motorfahrzeugversicherung, nach einem minimalen Plus von 0,2 Prozent im Vorjahr. Auch bei Axa – mit 22 Prozent Marktanteil die Nummer eins hierzulande – zeichnen sich rückläufige Einnahmen in der Versicherung von Autos ab. Ob dieses Marktsegment in absehbarer Zeit überhaupt zum Wachstum zurückfinden wird, gilt zumindest als ungewiss.

Das stellt die Versicherungen vor eine gänzlich neue Ausgangslage, nachdem die Autoprämien – abgesehen vom Krisenjahr 2009 – jahrelang stetig zugelegt haben. Bewegten sich die jährlichen Einnahmensteigerungen aus den Haftpflicht- und Kaskoversicherungen in der ersten Hälfte der Nullerjahre zwischen 2,5 und 7 Prozent, so sind sie zuletzt auf noch 1 bis 1,5 Prozent zurückgeglitten.

Weniger Unfälle

Die Zeiten des Wachstums sind nach Einschätzung der Helvetia passé: «In den nächsten drei bis fünf Jahren ist von einem Rückgang der Prämien auszugehen», sagt Firmensprecher Jonas Grossniklaus. Die Allianz Suisse rechnet laut ihrem Sprecher Bernd de Wall im schlechteren Fall mit einer Prämieneinbusse im tiefen zweistelligen Prozentbereich – dies jedoch über einen Prognosezeitraum von 15 Jahren hinweg. Da zeigen sich die Mobiliar und die Baloise geradezu optimistisch, erwarten sie doch kurz- und mittelfristig ein stabiles Autoprämienvolumen.

Warum unterscheiden sich die Ausblicke der Versicherer derart? Als Hauptgrund nennt Daniel Meier, Leiter Mobilitätsversicherungen bei Axa, «die unterschiedlichen Einschätzungen hinsichtlich der zukünftigen Schadenentwicklung». Einig sind sich alle Branchenvertreter darin, dass die Zahl der Unfälle – vor allem jene der schweren Unfälle mit Personenschäden – inskünftig zurückgehen wird. Zu verdanken ist dies dem vermehrten Einsatz von Fahrerassistenzsystemen. Meier verweist auf Studien der Axa Unfallforschung, wonach Autos mit Notbremsassistenzsystemen zwischen 30 und 69 Prozent weniger Auffahrkollisionen verursachen. «Diese Entwicklung wird mittelfristig zu tieferen Prämien im Haftpflichtbereich führen», ist der Axa-Vertreter überzeugt.

Ersatzteile werden teurer

Diese Sicherheitssysteme haben aber eine Kehrseite: Die Kosten pro Schadenfall gehen steil in die Höhe, weil die zunehmend mit Elektronik und Sensorik ausgestatteten Autoersatzteile immer teurer werden. Gemäss Zahlen von Zurich Schweiz kostet die Ersetzung einer Frontscheibe mit Sensoren im Durchschnitt 700 Franken mehr als im Falle einer herkömmlichen Frontscheibe. Bei einer Stossstange beträgt der Unterschied ob mit oder ohne Sensorik im Mittel 1800 Franken.

Patrick Bayer, Leiter Mobilitätsversicherungen bei der Mobiliar, erinnert sich an die kürzliche Reparatur einer Stossstange, die mit Kamera und Parkassistent versehen war. Kostenpunkt: über 4000 Franken (dabei musste die ganze Kamera ersetzt werden, obwohl nur ihr Glas beschädigt war). «Vor ein paar Jahren», so Bayer, «wäre ein solcher Schaden auf ungefähr 2000 Franken zu stehen gekommen.»

Welcher von den beiden gegenläufigen Trends – sinkende Unfallzahlen, aber höhere Kosten je Ereignis – den Verlauf der Schadenaufwendungen auf Dauer stärker prägen wird, ist eine offene Frage. Die Allianz Suisse unterstellt in ihrem 15-Jahr-Ausblick, dass «die Entschädigungsleistungen um 7 bis 16 Prozent zurückgehen werden», wie de Wall sagt. Daher auch die Erwartung des Versicherers nach einem einschneidenden Prämienrückgang im Motorfahrzeuggeschäft.

Bayer ist gegenüber solchen Prognosen zurückhaltend: «Wie die Gesamtrechnung für uns langfristig aussehen wird, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Es gibt schlicht zu viele Unbekannte.» Zu diesen zählen etwa die – ungebrochen steigenden – Gesundheitskosten. Auch der Schweizerische Versicherungsverband hält es für «schwierig, eine Prognose zur Prämienentwicklung abzugeben», wie Sprecherin Sabine Alder sagt. Sie gibt indes zu bedenken, dass der Markt für Autoversicherungen gesättigt und der Wettbewerb entsprechend intensiv sei.

Prämien zuletzt gesunken

Als Folge davon sind die Durchschnittsprämien bereits in den letzten Jahren gesunken. «Ausserdem stellen wir fest», so Helvetia-Sprecher Grossniklaus, «dass im Markt teilweise mit hohen Rabatten gearbeitet wird.» Das führe teils zu Prämien, die nicht mehr als risikogerecht einzustufen seien. Bislang konnten die Versicherungen den Preisdruck dank steigender Fahrzeugbestände in der Schweiz einigermassen abfedern. Wird dies auch in Zukunft möglich sein? Die Meinungen sind geteilt. Die Allianz Suisse geht laut de Wall von «tendenziell sinkenden Neuzulassungen» aus, was auf die Prämienentwicklung durchschlagen werde. Anders Patrick Bayer: Der Mobiliar-Vertreter erachtet die Flaute bei den Neuzulassungen als «vorübergehendes Phänomen», das primär dem neuen Abgasmessverfahren und den damit verbundenen Verzögerungen bei der Auslieferung von Neuwagen zuzuschreiben sei. In den nächsten drei bis fünf Jahren rechnet er weiterhin mit einem leichten jährlichen Zuwachs beim heimischen Autobestand.

Dass dieser ausreichen wird, um das Autoprämienvolumen aus der Stagnation herauszuführen, mutet wenig realistisch an. Womöglich ist der Sprung über die 6-Milliarden-Franken-Marke weitaus schwieriger, als es vom letztjährigen Stand von 5,999 Milliarden aus den Anschein macht.

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