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Weltmarkt für Insekten als Lebensmittel wächst

Der Umsatz mit Insekten könnte sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Für Unternehmen eröffnen sich damit neue Wachstumsfelder. Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten.

In vielen Teilen der Welt gehören Insekten schon lange zum Speiseplan: Schalen mit Insekten in einem Restaurant in Thailand. Foto: Keystone
In vielen Teilen der Welt gehören Insekten schon lange zum Speiseplan: Schalen mit Insekten in einem Restaurant in Thailand. Foto: Keystone

Wie wäre es mit herzhaften Wurmcrackern, dazu Heuschrecken am Spiess und zum Nachtisch ein Mehlwurmknusperdessert? Die Auswahl an Insektenrezepten ist mittlerweile gross, genauso wie die Auswahl an Kochbüchern. Doch schon beim Gedanken an ein solches Menü vergeht so manchem der Appetit. Denn was in vielen Regionen der Erde üblich ist, setzt sich in Europa nur sehr langsam durch: Insekten als Lebensmittel.

Dabei ernähren sich schon heute gut zwei Milliarden Menschen regelmässig von Insekten. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) geht gar davon aus, dass die Menschheit in Zukunft auf Würmer, Ameisen und Heuschrecken als wichtige Nahrungsquelle angewiesen sein wird.

Egal ob gegrillt, gekocht oder gedämpft: Der Weltmarkt für Insekten als Lebensmittel wächst. Der Umsatz wird sich in den nächsten fünf Jahren schätzungsweise mehr als verdoppeln, auf mehr als eine Milliarde US-Dollar. Das geht aus dem ersten Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung, der Umweltorganisation Bund und der Monatszeitung «Le Monde diplomatique» hervor. Der Bericht zeigt, dass Insekten sowohl eine gefährdete Spezies sind als auch ein Wirtschaftsfaktor, der immer wichtiger wird.

Absatz in der Schweiz bisher gering

Insekten zu essen, ist keinesfalls so ungewöhnlich, wie es vielen Europäern heute erscheint. «Evolutionsgeschichtlich betrachtet sind Insekten eine der ältesten Proteinquellen der Welt», sagt Katrin Wenz, Agrarexpertin der Umweltorganisation Bund. Die wechselwarmen Tiere zählen wegen ihres hohen Gehalts an Proteinen, Vitaminen und Mineralien zu den wertvollsten Nahrungsmitteln.

Heute ist der Maikäfer, der lange Zeit als Plagegeist galt, weil er ganze Laubwälder kahl frass, in Mitteleuropa nur noch sehr selten anzutreffen. Als Speise käme er ohnehin nicht mehr infrage. Denn was genau auf den Teller darf, regelt die Europäische Union (EU): Zugelassen für den menschlichen Verzehr sind nur Mehlwürmer, Buffalowürmer, Hausgrillen und die Wanderheuschrecke. Zielgruppe solcher Produkte sind hierzulande vor allem Menschen, die auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten. Doch der Absatz ist bislang verschwindend gering.

Diese Insektenburger gibt es seit Herbst 2017 in einigen Coop-Filialen zu kaufen. Foto: Keystone
Diese Insektenburger gibt es seit Herbst 2017 in einigen Coop-Filialen zu kaufen. Foto: Keystone

Grosse Insektenfarmen gibt es vor allem in China, Südostasien und im südlichen Afrika. Doch liegt der Anteil der Farminsekten am Gesamtverzehr bislang nur bei zwei Prozent, den grössten Teil liefern Kleinbauern. Das macht die Insektenzucht zu einem Wachstumsmarkt, der Unternehmen anlockt. Das zeigt auch die Tierfutterherstellung. Hier sitzen die grössten Produzenten in Nordamerika, China und Europa, wo allein in den vergangenen 16 Jahren neun Firmen entstanden wie Protix Biosystems in Amsterdam oder Ynsect. Das Start-up aus der Nähe von Paris züchtet und verarbeitet vollautomatisch Mehlwürmer, die als Tierfutter teures Fisch- und Sojamehl in Aquakulturen ersetzen.

Insekten könnten Ökosystem gefährden

Bislang lohnt sich die Verfütterung von Insekten in der industriellen Tierhaltung für die Produzenten allerdings nicht so richtig, weil auch hier die EU Grenzen setzt: Insektenmehl gilt als Tiermehl, und das darf nicht an Nutztiere wie Hühner und Schweine verfüttert werden. Hintergrund ist die BSE-Krise vor 20 Jahren. Damals zeigte sich, dass Knochenmehl im Futter eine tödliche, auf den Menschen übertragbare Krankheit auslösen kann.

Insektenmehl darf nur als Futter für Haustiere und Fische verkauft werden. Der künftige ökonomische und ökologische Nutzen von Insekten hänge neben der Regulierung auch davon ab, um welche Art es sich handelt, wie aufwendig sie ernährt und gehalten werden müssen, heisst es im Insektenatlas.

Zugleich warnen die Experten vor möglichen Schattenseiten. Bislang ist Tierfutter aus Insekten in Europa ein Nischenprodukt. Wäre es jedoch erlaubt, auch Hühner und Schweine zu mästen, könnte dies einen Boom mit unwägbaren Folgen auslösen. «Hier fehlt es noch an Forschung, Erfahrung und Debatten», sagt Agrarexpertin Wenz. So müssten Zuchten auf ihre Nachhaltigkeit hin bewertet werden.

Ein Risiko sei etwa, dass sich Insekten, die aus einer Zucht entkommen, unkontrolliert vermehren und so das Ökosystem gefährden. Eine Chance sehen Umweltschützer darin, dass etwa der Verbrauch von Fischmehl deutlich sinken könnte. Bislang wird ein Viertel der globalen Fischfangmenge zu Fischmehl oder -öl verarbeitet.

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