Beobachtet, begleitet, belauscht

Die Medien und Donald Trump – eine Branche im Ausnahmezustand.

Der Blick , 20 Minuten , die Basler Zeitung , das Online-Portal Watson , die Neue Zürcher Zeitung – alle verkünden sie die frohe Botschaft von der Ankunft des POTUS, des President Of The United States Of America.

Der Blick , 20 Minuten , die Basler Zeitung , das Online-Portal Watson , die Neue Zürcher Zeitung – alle verkünden sie die frohe Botschaft von der Ankunft des POTUS, des President Of The United States Of America.

Martin Furrer

Er ist hinabgestiegen, vom Himmel hoch, hinunter zu uns Sterblichen; die Berge weichen zurück, die Flüsse fliessen rückwärts, die Sonne verblasst angesichts seines Glanzes, nichts ist mehr, wie es war.

Der Blick , 20 Minuten , die Basler Zeitung , das Online-Portal Watson , die Neue Zürcher Zeitung – alle verkünden sie die frohe Botschaft von der Ankunft des POTUS, des President Of The United States Of America. Sie machen uns zu Zeugen eines historischen Ereignisses. Eine neue Zeitrechnung bricht an.

Kollektive Atemlosigkeit

Ein Twitter-Gewitter geht der Landung von Donald Trump voraus. Die Kantonspolizei Zürich rät Schaulustigen, «aufgrund des grossen Interesses an den ankommenden WEF-Gästen» mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen Kloten zu kommen. Trump selber meldet sich aus einer Reiseflughöhe von etwa 11 000 Metern mit den Worten: «Will soon be heading to Switzerland, to tell the world how great America is.»

Die Online-Portale rapportieren: «Air Force One im Sinkflug, um 10.08 Uhr hat sie über Basel den Schweizer Luftraum erreicht»; sie tickern: «Limousinen rollen in Begleitung von Polizeifahrzeugen auf das Rollfeld, die Ankunft scheint kurz bevorzustehen»; sie verbreiten die Nachricht: «Piste 16 komplett abgeriegelt.» Leser-Reporter wissen: «Die Gepäck-Trolleys stehen bereit.»

Die Nation geht in die Knie, als erwarte sie das Jüngste Gericht.

News folgt auf News. Das Land leidet an kollektiver Atemlosigkeit. Die Medien stossen Meldungen aus, die den weissen Atemfahnen von Joggern an einem Wintertag gleichen: Kondensierender Wasserdampf, der sich schnell verflüchtigt.

Der Anfang von allem

«Trump hebt schon wieder ab», heisst es nun. Er sei umgestiegen auf einen Helikopter namens «Marine One», eskortiert von Black-Hawk-Maschinen. Die Fotoagenturen senden Bilder von einem rötlichen Himmel, der zersäbelt und zerstückelt wird von wirbelnden Rotoren – eine Szene wie aus dem Film «Apocalypse Now». Im Kopf beginnt die Titelmelodie zu laufen, «This is the end, beautiful friend», aber das hier ist natürlich nicht das Ende, sondern der Anfang von allem.

«Trump ist im Hotel Intercontinental eingetroffen», lauten jetzt die Meldungen: Der Präsident sei wohlbehalten aus einem gepanzerten Chevrolet gestiegen. Später steigt er die Treppen im Davoser Kongresszentrum hoch und wird von Journalisten gefragt, was seine Botschaft an die Teilnehmer des WEF sei. Er habe, heisst es auf Twitter, geantwortet: «Friede und Wohlstand.»

Informationen aus zweiter Hand

Trump wird beobachtet, begleitet, belauscht. Die Medien verbreiten Informationen aus zweiter Hand: Ein Online-Portal schreibt, der amerikanische Botschafter in der Schweiz, Edward McMullen, habe einem Reporter des Blick erzählt, Trump sei nach seinem langen Flug «nicht müde», sondern «unglaublich aktiv und stets an der Arbeit». Er werde heute Freitag eine «sehr eindrückliche Rede» halten.

Eine Branche ist im Ausnahmezustand, und mit ihr das ganze Land.

Basler Zeitung

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