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Versicherer starten mit einem strengeren Regelwerk ins neue Jahr Lebensversicherungen und Vorsorge werden teurer Von Marc Forster, SDA Hintergrund

Der Kollaps einer grossen Versicherungsgesellschaft würde die Volkswirtschaft ähnlich stark erschüttern wie eine Pleite gegangene Bank.

Der «Swiss Solvency Test» (SST) regelt ab Januar die Kapitalanforderungen für die Branche neu. Die Kunden dürften dies mit höheren Prämien bezahlen. «Ein Versicherer muss auch noch in 30 Jahren zahlungsfähig sein», sagt René Schnieper, Leiter Versicherungen in der Eidg. Finanzaufsichtsbehörde Finma, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Speziell im besonders kapitalmarktabhängigen Geschäft mit Lebensversicherungen und Vorsorge, wo langfristige Garantien gelten, wollen die Regulatoren deshalb im Interesse der Kunden höchstmögliche Stabilität. Mit dem SST wird ab 1. Januar das Kapital viel stärker unter ökonomischen und vor allem auch risikobasierten Gesichtspunkten bewertet. Die Anlagen, in welche die Versicherer die Prämiengelder stecken, haben je nach Gefahrenpotential Einfluss auf die Einstufung der Finanzkraft des Unternehmens. Versicherungen werden teurer Für die Kunden bleibt das nicht ohne Folgen: Die Versicherer werden für ihre Garantien mehr Kapital bereithalten müssen und dürften die Kosten dafür abwälzen. Der SST beschleunige zudem den allgemeinen Trend zu Lebensversicherungen, bei denen die Kunden vermehrt Anlagerisiken mittragen, sagt Hans-Jürgen Wolter, Partner bei der Beratungsfirma Ernst & Young. Die Überschüsse auf Lebensversicherungen werden kleiner. Auch in der beruflichen Vorsorge (BVG) würden neben der beliebten Vollversicherung auch teilautonome Lösungen öfters angeboten: «Dies bedeutet für den Versicherten mehr Risiken als die Vollversicherung, die mit in Zukunft deutlich höheren Kosten verbunden sein wird», sagt Versicherungsexperte Wolter. Die Finma weiss um das Problem, sieht darin aber auch Vorteile. «Es ist im Sinne des Versicherten, dass er einen fairen Preis bezahlt, dafür aber Garantien hat», sagt René Schnieper. Es sei niemandem gedient, wenn die Versicherer ihre Produkte unter Preis verkauften. Warnsignal Finanzkrise Grundsätzlich unterliegen die Versicherer schon lange stärkeren Regulierungen als die Banken. Viele Versicherer seien aber unvorsichtig in die jüngste Finanzkrise gegangen, sagt René Schnieper. Der SST, dessen Einführung seit 2004 vorbereitet wird, habe gewisse Schwächen vor allem beim Risikomanagement aufgedeckt. Nach traditioneller Berechnungsmethode ist laut Finma die durchschnittliche Solvenzquote - eine Kennzahl, welche die Eigenmittel zum Eigenmittelerfordernis in Relation stellt - der Schweizer Lebensversicherer zwischen Anfang 2008 und Anfang 2009 von 240 auf 200 Prozent gesunken. Nach dem stärker risikobasierten SST-Ansatz wäre der Wert im Jahr des Ausbruchs der Finanzkrise aber von 144 auf 85 Prozent gesunken. Derzeit, nachdem die Krise die Gesellschaften noch mehr Risiken abbauen liess, sind die Schwächen aber nur noch bei wenigen Versicherern eklatant. Von den 133 von der Finma durchleuchteten Gesellschaften stecken neun nach SST-Kriterien im roten Bereich. Sechs davon sind Lebensversicherer. Im Sachgeschäft sind die Versicherer in der Regel viel besser kapitalisiert. Widerstände Allerdings stehen auch nach der SST-Einführung viele Details noch nicht fest. Die Versicherer müssen ihr eigenes Berechnungsmodell vorlegen, das die Finma dann gutheisst. Einige Gesellschaften rütteln nun ein bisschen an den neuen Bestimmungen und drängen darauf, dass die Finma gewisse Kriterien flexibel handhabt. So sorgen beispielsweise die Kapitalunterlegung von Immobilien oder die gerade für Lebensversicherer sehr bedeutenden Zinsrisiken weiter für Diskussionen. Eine grosse Befürchtung ist aber auch, die Schweizer Aufsicht könnte strenger sein als im übrigen Europa. Kritik von hoher Stelle Die Europäische Union führt in den nächsten Jahren unter der Bezeichnung Solvency II ebenfalls neue Kapitalkriterien für die Versicherer ein, die dem SST sehr ähnlichen Prinzipien folgen. Bruno Pfister, Konzernchef des Lebensversicherers Swiss Life, warnte kürzlich öffentlich vor zu grossen Unterschieden. Experte Wolter illustriert diese Befürchtungen: Ein zu grosser 'Swiss Finish' gegenüber Solvency II würde dazu führen, dass sich Versicherer ins Ausland verlagerten und letztlich Versicherungen kaum mehr und zu deutlich höheren Kosten angeboten würden. Dennoch geht der Fachmann davon aus, dass die Finma die Kuh nicht schlachtet, die sie beaufsichtigen sollte: «Der damit verbundene volkswirtschaftliche Schaden kann nicht im Interesse der Aufsicht sein», ist sich der Experte sicher.

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