Jean Ziegler fordert «Nürnberger Prozess» für Banker

Der streitbare Genfer Soziologe sorgt erneut für Aufruhr. Er hofft, dass die Verantwortlichen der Krise vor ein internationales Gericht gestellt werden.

Eigentlich sollte es ein Interview über sein neues Buch werden, das den wachsenden Hass der Dritten Welt auf den Westen thematisiert. Doch Jean Ziegler lässt sich im Gespräch mit der französischen Webzeitung Rue89 auch über die Finanzkrise aus – und stellt eine schockierende Forderung auf: «Ein Nürnberger Tribunal soll die Gauner verurteilen, welche die Krise verursacht haben.» Er zieht damit eine Parallele zu den Prozessen in Nürnberg, bei denen die Alliierten nach der Kapitulation des Dritten Reiches führende Nazis aburteilten.

Ziegler rechtfertig seine Forderung damit, dass die Finanzkrise die Armut in der Dritten Welt verstärke. Die Verantwortlichen sollten wegen Verbrechen gegen die Menschheit angeklagt werden: «All fünf Minuten stirbt ein Kind an Hunger», sagt Ziegler. Die Finanzkrise ist für ihn aber auch eine grosse Chance: Er hofft, dass aus der Krise eine «neue Weltordnung» hervorgeht. «Die Theorie der Rechtmässigkeit des Kapitalismus – dieses Dschungels, der den Planeten seit 15 Jahren dominiert – hat sich aufgelöst». Die Krise habe dem Neoliberalismus die Maske runtergerissen: Die Gesetze des Marktes sind keine unabänderlichen Naturgesetze, die Privatisierung des öffentliches Sektors ist gescheitert, der freie Markt schafft nicht den grösstmöglichen Reichtum auf dem Planeten.

«Weisse Herrschaft ist zu Ende»

Die «neue Weltordnung», die sich Ziegler wünscht, würde das Ende des Hungers auf der Welt bedeuten. Und das Ende des «Massakers», das der Westen in der Dritten Welt anrichtet. «Die Herrschaft der Weissen, die nur 13 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, ist zu Ende», sagt Ziegler. Mit seiner Forderung nach einem Tribunal für «arrogante Banker» geht Jean Ziegler einmal mehr aufs Ganze. Bereits 2005 wurde er stark kritisiert, als er, in seiner Funktion als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, israelische Soldaten im Gazastreifen mit «KZ-Wärtern der Nazis» verglich.

baz.ch/Newsnet

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